Samstag, 04. Dezember 2021

Historiker über LieferengpässeTrentmann: "Mangel ist nicht prähistorisch"

Keine Autos, keine Turnschuhe und selbst Bücher könnten knapp werden. Der uneingeschränkte Konsum scheint bedroht, Lieferungen stocken, das ein oder andere Gut kann nicht direkt geliefert werden. "Es zeigt, wie verwundbar eine Gesellschaft ist", sagte der Historiker Frank Trentmann im Dlf.

Frank Trentmann im Gespräch mit Anja Reinhardt | 23.10.2021

Ein Schild mit der Aufschrift "Neue Ware ist unterwegs!" ist an einem leeren Supermarkt-Regal angebracht, in dem ursprünglich Toilettenpapier stand.
Die Angst vor leeren Regalen ist nicht nur in England gerade ominpräsent (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)
Papier wird knapp, Halbleiter für die Autoproduktion können nicht geliefert werden, und schon droht auch das ein oder andere Spielzeug nicht rechtzeitig zu Weihnachten anzukommen. Der Mangel an Waren beschäftigt die Gesellschaft, sorgt für Schlagzeilen und wirkt bedrohlich. Dabei, so der Historiker Frank Trentmann, Autor des Buchs "Die Herrschaft der Dinge" ist alles "in historischem Rahmen betrachtet, nicht so schlimm."
Ein Neubau mit einem Dachstuhl aus Holz
Holz ist auf vielen deutschen Baustellen derzeit Mangelware (picture alliance)
Probleme der Baubranche - Warum Bauholz zurzeit knapp und teuer ist
In deutschen Wäldern wurden im vergangenen Jahr so viele Bäume gefällt wie nie zuvor. Trotzdem wird Bauholz immer teurer oder ist gar nicht mehr lieferbar. Denn die Nachfrage ist stark gestiegen, sowohl auf dem deutschen Markt als auch in China und Nordamerika. Das sorgt auf Baustellen für Probleme.

Wunsch nach riesigem Angebot

Die moderne Geschichte, so Trentmann, ist durchzogen von Kriegen und Mangelerfahrungen, denen sich der Kapitalismus stellen muss. Doch die augenblickliche Mangelsituation, "empfinden wir als bedrohlich, weil wir uns an ein riesiges Sortiment an Angeboten gewöhnt haben." Dennoch ist unser Gefühl, dass diese Dinge immer vorhanden sein sollten. Dabei, so Trentman, "sind Spiele und Schuhe ja nicht verschwunden."
Auch der Eindruck, dass während der Corona-Pandemie weniger konsumiert wurde, täuscht, so der Historiker. "Der Konsum ist nie verschwunden." Statt Hosen haben die Menschen mehr Elektronik gekauft. Zwar gebe es schon lange die Sehnsucht, "dass wir mit weniger leben können, das hat aber nie dazu geführt, dass die Menschen sich einschränken."
Reinhard Ploss, Infineon-Vorstandsvorsitzender, steht vor Beginn der Infineon Hauptversammlung auf der Bühne.
Reinhard Ploss auf einer Infineon Hauptversammlung (picture alliance/dpa | Peter Kneffel)
Infineon-Chef zur Chip-Produktion - "Wer beim Thema Halbleiter innehält, hat schon verloren"
Ziele wie die Begrenzung des CO2-Ausstoßes seien nur mit einer "digitalen Gesamtinfrastruktur" zu erreichen, sagte Infineon-Vorstandschef Reinhard Ploss im Dlf. Mit Blick auf die aktuelle Abhängigkeit von Asien bei der Chip-Produktion müsse Europa seine Technologiekompetenz stärken.

Emotionale Komponente

In der Vergangenheit sind Gesellschaften mit viel größten Mangelsituationen klar gekommen. Und auch die aktuelle Lage, habe keine große politische Brisanz, sagt Frank Trentmann. Es ist eher eine emotionale Komponente. "Mangel kommt uns in die Quere. Das Verlangen nach Gütern benötigt die Vorfreude und das erleben wir in den aktuellen Debatten um den Mangel."Auch wenn Konsum extrem wichtig ist für eine moderne Gesellschaft, sollten wir lernen, besser zu konsumieren. "Der Mangel kann eine kleine Glühbirne anzünden. Wir sollten lernen, weniger kann mehr sein."