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Historische Existenz

Ernst Noltes neues Buch ist das Opus magnum eines umstrittenen Historikers, ein gewaltiger Entwurf, der zugleich sein wissenschaftliches Vermächtnis sein soll. So verwendet Nolte in seiner Einleitung auch viel Sorgfalt darauf, seine eigene Lebensleistung ins rechte Licht zu rücken. Nach seiner Selbstinterpretation dokumentiert sein Werk eine konsequente, geradezu zwingende Entwicklung. Im Gestus der Arglosigkeit gibt er seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß seine Thesen in den achtziger und neunziger Jahren zum Gegenstand heftiger Angriffe und zum Fokus erregter Debatten werden konnten. Schließlich sei die Grundannahme seiner Forschungen über die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, nämlich das Bedingungsverhätnis zwischen Kommunismus und Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus, schon in seiner bahnbrechenden, 1963 erschienenen Studie, "Der Faschismus in seiner Epoche", angelegt gewesen. Nicht er habe sich geändert, vielmehr habe die bundesdeutsche Öffentlichkeit seitdem eine dramatische Wandlung durchgemacht, sei die analytische Betrachtung der deutschen Vergangenheit durch eine extreme Moralisierung aller mit dem Nationalsozialismus zusammenhängenden Fragekomplexe beeinträchtigt worden.

Richard Herzinger | 08.11.1998

Nolte geht in seinem Vorwort noch einmal auf seinen 1986 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (unter dem Titel "Die Vergangenheit, die nicht vergehen will") veröffentlichten Artikel ein, der zu einem Auslöser des sogenannten "Historikerstreits" um die "Singularität" nationalsozialistischer Verbrechen wurde:

"Nichts was in diesem Artikel gesagt wurde, war für den Leser meiner Bücher wirklich neu, auch nicht die These von der Wahrscheinlichkeit eines kausalen Nexus zwischen 'Gulag' und 'Auschwitz', und jedermann hätte sich schon durch einen Blick auf Seite 51 des Buchs von 1963 davon überzeugen können. Aber die polemische Intensität des weitaus größten Teils der öffentlichen Reaktionen machte mir auf höchst anschauliche Weise klar, wie sehr sich diese Öffentlichkeit seit 1968 'nach links' entwickelt hatte und wie sehr dasjenige zu einem mit nervöser Heftigkeit verteidigten Dogma geworden war, was ich 1963 in allerdings 'spekulativen' Gedankengängen als einer der ersten herauszustellen versucht hatte, nämlich die Singularität der nationalsozialistischen 'Endlösung der Judenfrage'."

Nolte versucht also seinen Kritikern, die ihn des Revisionismus in der Frage der Einzigartigkeit von "Auschwitz" bezichtigen, dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen, daß er die Entdeckung der Singularitätsthese für sich selbst reklamiert. Seine These vom Kausalnexus zwischen bolschewistischem und nationalsozialistischem Terror erscheint in seiner Lesart als systematische Weiterführung und Vertiefung seiner früheren Annahmen. Obwohl sich alle bedeutenden Historiker der neuesten Totalitarismusforschung - allen voran Francois Furet, dessen großes (auf deutsch 1996 erschienenes) Buch "Das Ende der Illusion" die Faszinationsgeschichte des Kommunismus im Lichte der feindlichen Verwandtschaft von marxistisch-leninistischer und faschischtischer Ideologie beleuchtet - von Noltes Auffassungen deutlich abgegrenzt haben, fühlt dieser sich durch die Debatten der letzten Jahre auf ganzer Linie bestätigt:

"(...) in den neunziger Jahren wurde durch die Bücher von Alan Bullock, Francois Furet und auch Erich Hobsbawm sowie durch das französische 'Schwarzbuch' über den Kommunismus in der Öffentlichkeit die Auffassung wieder akzeptierbar, daß für das 20. Jahrhundert nichts so charakteristisch war wie die radikalen Vernichtungsmaßnahmen des bolschewistischen und des nationalsozialistischen Regimes und daß irgendeine innere und auch äußere Beziehung zwischen 'Gulag' und 'Auschwitz' existiert haben muß."

Aber der Streit dreht sich ja längst nicht mehr darum, ob eine solche Beziehung überhaupt angenommen werden darf, sondern wie sie zu bestimmen sei. Wenn man auch zugeben muß, daß Noltes Ansatz, die beiden großen totalitären Systeme in ihrem gegeseitigen Beeinflussungsverhältnis vergleichend in den Blick zu nehmen, heute weitaus größere Akzeptanz findet als noch vor zehn Jahren, so bleibt der entscheidende Einwand gegen seine Position doch in vollem Umfang bestehen: Daß sie den nicht unbegründeten Eindruck erweckt, die verbrecherische Qualität des Nationalsozialismus relativieren zu wollen. Noltes Selbststilisierung zum stupenden Gelehrten, der sich nicht von ideologischen Affekten, sondern nur von der inneren Logik seines wissenschaftlichen Ansatzes leiten läßt, unterschlägt jedenfalls den Eigenanteil an Ressentiment, den er zur Hysterisierung des Streits um die Deutungsmacht über deutsche Vergangenheit beigetragen hat; ein Ressentiment gegen seine linken Kritiker, das ihn in eine fast obsessiv anmutende Fixierung gerade auf seine unhaltbarsten Behauptungen trieb. Seine berüchtigte These, der Nationalsozialismus sei als "überschießende" Reaktion auf den bolschewistischen Terror zu verstehen und es könne ihm daher ein "rationaler Kern" nicht abgesprochen werden, wie auch die schlichtweg empörende Behauptung, Hitler habe bis zu einem gewissen Grade plausible Gründe gehabt, das Judentum als feindliche Kriegspartei zu behandeln, nimmt Nolte in seinem neuen Buch keineswegs zurück. Doch versucht er, diese Thesen im Kontext eines großen historischen Deutungsschemas zu fundieren und sie somit nicht zuletzt auch aus der Schußlinie tagespolitischer Kritik zu ziehen.

Nolte stellt seine Studie unter die für einen Historiker vielleicht weitestgehende Fragestellung: Was macht eigentlich Geschichte aus? Was unterscheidet sie von der Vorgeschichte? Und wird es so etwas wie eine "Nachgeschichte" geben, die sich von der bekannten Geschichte ähnlich stark unterscheidet wie die Vorgeschichte? Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die spektakuläre These Francis Fukuyamas, der mit dem Zusammenbruch der großen Ideologien das "Ende der Geschichte" - im Sinne der Hegelschen Idee von der Geschichte als einer dialektischen Bewegung hin zu einem erfüllten Ziel - konstatiert hat. Nolte greift dabei die Theorie vom "Posthistoire" auf, die von konservativer Seite vor allem Arnold Gehlen und von seiten der postutopischen Linken in erster Linie die französischen "Poststrukturalisten" entwickelt haben: Die technisch-rationalistische Moderne führe die Menschheit zum Bruch mit grundlegenden Charakteristika dessen, was ihre Geschichtlichkeit bislang ausgemacht habe. Er fragt nun, was eigentlich die konstitutiven Kategorien "historischer Existenz" seien, um dann darüber zu spekulieren, wie ein "nachgeschichtliches" Dasein der Menschheit jenseits dieser Kategorien aussehen könnte.

Er folgt dieser Problemstellung in einem gewaltigen panoramatischen Durchgang durch die Menschheitsgeschichte seit ihren Anfängen. Sein Buch gliedert sich in zwei große Teile: Im ersten handelt er unter den Überschrift "Naturgeschehen - Vorgeschichte - die frühen Hochkulturen" die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit ab und extrahiert daraus unter Stichwörtern wie "Götter", "Herrschaft, Schichtung, Staat", "Stadt und Land" oder "Dynamik, Fortschritte, Emanzipation" ein erstes "Schema der 'historischen Existenz'". Der zweite Teil begint mit der Betrachtung über die "Weltreligionen und die Weltgeschichte" und entwirft dann, nach im wesentlich gleichen Stichwörtern, ein zweites "Schema der historischen Existenz". Die weiteren Kapitel, "Modernität und praktische Transzendenz" und "Die Gegenwart als Anfang der 'Nachgeschichte'?", eruieren die Veränderungen, Transformationen und Erosionen der von Nolte definierten historischen Essentialien im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Moderne bis hin zu einem möglichen "Posthistoire".

Universalgeschichtsschreibung will dieser Parforceritt durch die Zeiten gleichwohl nicht sein. Es handelt sich vielmehr um den Versuch einer erzählenden Gesamtdeutung der Historie. Deutlich wird dabei, daß Nolte mindestens ebensosehr ein moderneskeptischer Kulturphilosoph wie ein exakter Historiker ist. Hinter seinem Pathos streng rationaler Objektivität wirkt ein emotional hoch aufgeladenes Movens: Die Furcht, der "Liberismus" - so Noltes Schmähwort für den individualistischen Liberalismus westlicher Demokratien - könne zur endgültigen Auflösung von Staatlichkeit, Hierarchie und Transzendenz führen; Merkmale, die Nolte als Wesenselemente historischer Existenz bestimmt. In einem phantastischen Ausblick auf das Jahr 2200 imaginiert er, wie eine Welt aussehen könnte, in der die Ideale moderner "Egalitätsideologie" verwirklicht, Staaten und Klassengegensätze aufgehoben seien und der technische und medizinische Fortschritt den Menschen sogar vom Problem der Sterblichkeit befreit haben könnte. Nolte meldet jedoch sogleich profunde Zweifel an der Realisierbarkeit dieser Utopie an. Vor allem in den Ländern der "Dritten Welt" und ihren kulturell-religiösen Erneuerungsbewegungen sieht er Gegenkräfte wirken, die dem "Triumph der wisenschaftlich-technischen Konkurrenzökonomie" und der durch sie forcierten Entgeschichtlichung menschlichen Daseins im Wege stehen. Unverhohlen bekennt er seine - freilich eher nostalgische - Sympathie für traditionalistische Lebensweisen, die sich der unwiderstehlich scheinenden Nivellierungsgewalt der westlichen Moderne widersetzen.

"Wer je Gelegenheit hatte, regelmäßig durch Mea Shearim, das Viertel der orthodoxen Juden in Jerusalem zu gehen und dabei auf der Straße und im Bus die Frauen jener Männer zu beobachten, die täglich ihrem Gott dafür danken, daß sie als Mann und nicht als Frau geboren sind, und die offenbar im Hause ein betont patriarchalisches Regime führen, der hat durchaus nicht das Gefühl, daß diese Frauen sich unterdrückt fühlen und lieber heute als morgen gegen dieses 'Joch' aufbegehren möchten. Sie wirken im Gegenteil in ihrer gemessenen, aber keineswegs steifen Würde und Natürlichkeit durchaus glücklich - offenbar deshalb, weil sie den Glauben und die Überzeugungen ihrer Männer vollständig teilen. (...) Daher hat der Betreffende viel Verständnis dafür, daß diese Männer und Frauen ihre Lebensform und ihre Eigenart unter allen Umständen erhalten und verteidigen wollen. Er ist sich sicher, daß die Welt um vieles ärmer wäre, wenn alle Städte dem Muster von New Brunswick oder Detroit nacheiferten, obwohl er einräumen muß, daß 'Ruhe und Würde' hier gleichbedeutend mit 'Enge' ist und daß an dieser Stelle eine historische Existenzweise bewahrt blieb, die anderswo von der Geschichte selbst überholt ist. So gewinnt er gerade aus dem Abstand heraus ein konkretes Empfinden für die Macht des Westens oder der 'Moderne', die mit hoher Wahrscheinlichkeit diesen Zipfel eines andersartigen Lebens eines Tages beseitigen oder zumindest zu einer tiefgreifenden Umgestaltung zwingen wird."

Das gewaltige Panorama der Menschheitsgeschichte von ihren Anfängen bis zu ihrem möglichen Ende im Blick, erscheint bei Nolte der "Weltbürgerkrieg" des 20. Jahrhunderts in eine anthropologische Grundproblematik eingebettet und damit in seinem innersten Wesen erklärbar. Die Erklärbarkeit des totalitären Phänomens, einschließlich der Massenvernichtungen zu behaupten, ist aber eine Passion, die Nolte in die Konstruktion oftmals abseitig erscheinender Zusammenhänge treibt. Der implizit immer präsente Antipode seiner Geschichtsaufassung ist die - etwa von der "Frankfurter Schule" vertretene - Annahme einer grundsätzlichen Unfaßbarkeit des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens und ihrer grundsätzlichen, auf die Selbstzerstörung der Zivilisation gerichteten Irrationalität. Auf diese Denkschule gründet sich noch heute die These von der Unvergleichbarkeit und Einmaligkeit des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen, die Nolte gar nicht prinzipiell bestreitet. Es spreche manches dafür, so konzediert er in seiner charakteristischen nebulös-unterkühlten Diktion, daß der Holocaust das bisher größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte sei. Aber er besteht darauf, daß noch die monströsesten Untaten des Nationalsozialismus aus seiner innersten Intention und aus seiner reaktiven Verwobenheit in die Kräftekonstellationen seiner Zeit heraus erklärbar und somit - in einem streng hermeneutischen Sinne - rational "verständlich" seien.

Im Deutungsschema der Moderne als eines Transformationsprozesses in einen nachgeschichtlichen Zustand gewinnt die Feindschaft der Weltbürgerkriegsparteien des 20. Jahrhunderts für Nolte ihre geschichtsanthropologische Tiefendimension. Der Kommunismus sei der "ideologisch-überschießende" Versuch gewesen, den Eintritt in die Nachgeschichte gewaltsam zu beschleunigen; der Nationalsozialismus, als reaktive Antwort auf diese Herausforderung, müsse dagegen als der extremistische Versuch verstanden werden, sich in der bedrohten "historischen Existenz" festzukrallen. Um die Ursachen dieser Bedrohung restlos zu beseitigen, habe er jedoch selber die Zerstörung tragender Säulen der historischen Existenz des eigenen Volkes wie der ganzen Menschheit betrieben und sich so paradoxerweise dem destruktiv-utopischen Impuls seines Antipoden angeglichen; wie umgekehrt der Kommunismus, um sich als staatlich organisierte Macht zu halten, auf die Grundelemente der historischen Existenz habe zurückgreifen müssen.

"Im Umkreis der Jahrtausendwende ist ein besonders günstiger Standort gegeben. Von hier aus lassen sich im Rückblick die großen Kämpfe des 20. Jahrhunderts besser und angemessener begreifen, wenn sie als letzte Kämpfe der Geschichte in dem engeren Sinne verstanden werden, und zwar als Kämpfe um die Geschichte, die von den Protagonisten im Bewußtsein des Ungeheuerlichen des Umbruchs gegen oder für die 'historische Existenz' geführt wurden, jedoch so, daß beide Seiten, jeweils mit ihrem Gegenteil behaftet, am Ende scheiterten".

Als ein bloßer "überschießender" Antibolschewismus kann der Nationalsozialismus in diesem kolossalen Deutungsraster nun zumindest nicht mehr verstanden werden. Vielmehr erweitert Nolte seine Bemühung, den Nationalsozialismus im historischen Bedingungsverhältnis seiner Zeit zu verorten, durch einen Vergleich, der noch sehr viel heikler ist als der zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus. Nolte diagnostiziert nämlich strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem Nationalsozialismus und dem Zionismus. Lange vor Hitler hätten zionistische Theoretiker wie Moses Hess und Theodor Herzl die Nichtassimilierbarkeit der jüdischen "Rasse" behauptet. Und auch in der Furcht vor der Auslöschung des eigenen Volkes durch die "Zersetzungskräfte" der Moderne bestehe zwischen Zionismus und Nationalsozialismus eine Parallele. Wie der Nationalsozialismus habe der Zionismus die Rettung der "historischen Existenz" seines Volkes in der Rückwendung zu dessen identitätsstiftenden Mythen und letztlich in dessen buchstäblicher Wiederverwurzelung im ursprünglichen Heimatboden gesucht. Nolte beeilt sich freilich zu konzedieren, daß diese "eingeschränkte Gleichsetzung" von Zionismus und Nationalsozialismus hier auch schon ihr baldiges Ende findet und daß sie sich selbstverständlich nicht auf die moralische Qualität beider Bewegungen beziehe.

Schließlich sei, betont Nolte, die Bedrohung der Existenz der Juden als ein Volk sehr viel realer gewesen als die der Deutschen: Die Säkularisierung und die Assimilation habe die Identität des Judentums, die sich ja im Kern auf die Integrationskraft der Religion stützte, dramatisch in Frage gestellt. Und die Tatsache, daß die Identität der Juden als Volk unter den Auflösungskräften der individualistischen Moderne am allermeisten zu leiden gehabt hätten, wiederlege ja um so drastischer die nationalsozialistische Behauptung, hinter diesen modernen Kräften steckten als Drahtzieher die Juden. Vor allem aber habe der Kampf der Juden um ihre "historische Existenz" keine "überschießende Ideologie" hervorgebracht, denn im Unterschied zum Nationalsozialismus machten sie für ihre Lage kein anderes Volk oder keine bestimmte Rasse oder Klasse verantwortlich und der zionistische Nationalismus habe, im Gegensatz zum nationalsozialistischen, deshalb nicht auf den Genozid gezielt. Und gerade daher habe dieser Kampf mit einem verblüffenden Erfolg und einer paradoxen Umkehrung der Verhältnisse geendet: der Rekonstitution des Judentums als Nation mit eigener Staatlichkeit, während der "überschießende" Nationalsozialismus Deutschland mit der totalen Niederlage vorübergehend tatsächlich um seine staatliche Existenz und seine nationalen Traditionen gebracht habe. Nolte reklamiert das Judentum regelrecht als Kronzeugen für seine Deutungsschema, wenn er feststellt, die Geschichte der Juden in ihrer - durch den nach Jahrtausenden wiederhergestellten Staat Israel bekräftigten - Identität als Volk sei das "Paradigma historischer Existenz" schlechthin. Polemisch überspitzt könnte man sagen: Für Nolte ist der Zionismus der bessere, seiner eigentlichen Intention treu gebliebene Nationalsozialismus.

Ergriffen äußert sich Nolte über die Bundestagsrede des israelischen Präsidenten Chaim Weizmann bei dessen Staatsbesuch in der Bundesrepublik 1996. Das jüdische Geschichtsbewußtsein, als das "älteste Geschichtsbewußtsein der Welt", das in Weizmanns Rede so beeindruckend zum Ausdruck gekommen sei, spielt Nolte gegen die deutsche Art der Vergangenheitsbewältigung aus:

"Allem Anschein nach akzeptierte ein wichtiger Teil der deutschen Bevölkerung die Konzeption der Vernichtung des deutschen Geschichtsbewußtseins, d.h. seiner Reduzierung auf das Bewußtsein einer erst wenige Dezennien alten Schuld."

Sicher kann man Ernst Nolte auch bei böswilligster Lesart nicht unterstellen, daß er Sympathien für die Wahnideologie des Nationalsozialismus hätte. Aber sein gewagtes Vergleichen exekutiert er in einem Duktus, der so gewunden und absichtsvoll entemotionalisiert wirkt, daß es scheint, Nolte wolle abgrundtiefe Mißverständnisse regelrecht provozieren. Seine unorthodoxe Sichtweise fördert freilich immerhin manch ebenso paradoxe wie fatale ideologiegeschichtliche Verschränkung modernekritischer nationaler Regenerationsbewegungen im 20. Jahrhundert zutage. Aber die logischen Sprünge, die er auf der Basis seiner anregenden Reflexionen vollzieht, lassen einem die Haare zu Berge stehen. Aus den analogen Motiven, die er im zionistischen und nationalsozialistischen Ideenfundus aufspürt und aus der Feststellung, gerade diese Ähnlichkeiten hätten die gegenseitige Feindschaft dieser Ideologien unausweichlich gemacht, folgert Nolte, es sei "schlechterdings unerlaubt", den "nationalsozialistischen Aktionen" gegen die Juden "jeden Charakter von 'Reaktion' abzusprechen". Nun wiederholt er seine schon früher geäußerte These, die Aufrufe internationaler jüdischer Führer seit 1933 zum Krieg gegen Deutschland seien mit einer völkerrechtlichen Kriegserklärung gleichzusetzen, um daraus den Schluß zu ziehen:

"So augenfällig es ist, daß Hitler der Haupturheber der jüdischen Feindschaft war, sollte man dennoch nicht in Abrede stellen, daß er spätestens seit dem Kriegsausbruch schwerwiegende Gründe hatte, die Juden als ein 'Feindvolk' zu betrachten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, wie sie die Engländer gegen die emigrierten Deutschen und die Amerikaner gegen ihre eigenen Staatsbürger japanischer Abstammung ergriffen."

Um hinzuzufügen:

"Diese 'entsprechenden Maßnahmen' durften natürlich keine anderen sein als die von Engländern und Amerikanern angewandten, nämlich die Internierung."

Man reibt sich die Augen: Ist es tatsächlich Ernst Noltes Ansicht, der "ideologisch-überschießende" Anteil nationalsozialistischer Verfolgungspolitik beschränke sich auf den puren Akt der Massenvernichtung, von dem er sich mit der bürokratischen Formulierung distanziert, er sei "uneingeschränkt zu verurteilen"? Daß ja selbst schon die von im angeführten - um nicht zu sagen: empfohlenen - "Maßnahmen" der Internierung, wie sie namentlich in den USA gegen japanischsstämmige Amerikaner durchgeführt wurden, moralisch und rechtlich in höchstem Maße fragwürdig waren, mag man dem im objektivistischen Erklärungsdelirium "überschießenden" Nolte erst gar nicht mehr entgegenhalten. Aber vielleicht ist ja gerade das die eigentliche Intention seiner seltsamen Gedankengänge: Den moralischen Unterschied zwischen westlichen Demokratien und Nationalsozialismus auf den puren Akt der Massenvernichtung zu reduzieren und damit den Führungsanspruch des Westens in Sachen Fortschritt und Freiheit zu diskreditieren?

Denn nicht nur den Kommunismus, sondern auch den amerikanischen Universalismus und seine Ideologie der "Einen Welt" betrachtet Ernst Nolte als eine gigantische Herausforderung der Grundlagen "historischer Existenz". Und seine kaum verborgene Hoffnung ist, daß auch diese, nach Noltes Dafürhalten utopische Vision von einer demokratisch vereinigten Menschheit, die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nicht lange überleben wird.

Wer von Ernst Noltes Buch neue skandalöse Thesen zur Revision des Geschichtsbilds vom Nationalsozialismus erwartet, wird enttäuscht sein. Fast erleichtert kann man konstatieren: Nolte ist ein ernstzunehmender und in vielen Punkten anregender Historiker geblieben - gerade weil seine Gedankengänge oft äußerst gewagt und obwohl sie manchmal in höchstem Maße problematisch sind. In einen affektgeladenen Irrationalismus ist er, wie man es vor einigen Jahren befürchten konnte, jedenfalls nicht abgeglitten.