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Historische Minderheit

Vor mehr als drei Jahrhunderten wurde in Russland eine Kirchenreform eingeleitet, bei der sich die Altgläubigen von den Russisch-Orthodoxen abspalteten und aus dem damaligen Zarenreich auswanderten. Heute leben die etwa zwei Millionen Anhänger der Altgläubigen in Staaten wie Lettland, Polen, Rumänien. In Riga bildeten die etwa 20.000 Altgläubigen eine historische Minderheit.

Von Christoph Kersting | 11.05.2008
    Sonntags, 17 Uhr: Die Messe in der Grebenschikow-Gemeinde hat gerade begonnen. Die Molenna, so nennen die Altgläubigen ihren Betraum, ist in düsteres Licht gehüllt. Nur ein paar Kerzen brennen vor den unzähligen Ikonen, die fast den gesamten Raum auskleiden. Etwa 70 Gläubige haben sich heute eingefunden. Männer und Frauen stehen getrennt voneinander durch eine kleine Wand, die Frauen tragen Tücher und lange Röcke.

    Rund 100.000 russische Altgläubige leben heute in Lettland, 20.000 davon in Riga. Anders als die vielen Russen, die Stalin zwangsweise in Estland und Lettland ansiedelte, sind die Altgläubigen eine historische Minderheit, die schon seit Jahrhunderten in der Region heimisch ist, erzählt der Vorsitzende der Gemeinschaft der lettischen Altgläubigen, Illarion Ivanov:

    "Im Jahr 988 wurde Russland, die damalige Kiever Rus, christianisiert, und bis zum 17. Jahrhundert galten dort einheitlich die Regeln der Rechtgläubigen oder Orthodoxen, wie man in Westeuropa sagt. Im 17. Jahrhundert dann leiteten Patriarch Nikon und der damalige Zar Alexej eine Kirchenreform ein. Plötzlich hieß es: Die Bücher, nach denen die Gläubigen sich Jahrhunderte lang gerichtet hatten, auch die Liturgie sind falsch. Die Reformen wurden in der Folgezeit sehr rigoros umgesetzt, wer sie nicht befolgte, wurde verfolgt, vertrieben, viele wurden umgebracht, weil sie an den alten Richtlinien festhalten wollten. Die, die fliehen konnten, siedelten außerhalb des Zarenreiches und gründeten neue Gemeinden."

    So gibt es bis heute Gemeinden der Altgläubigen in Polen, Rumänien und Sibirien, auf rund zweieinhalb Millionen weltweit wird ihre Zahl geschätzt. Doch wodurch unterscheiden sich die Altgläubigen heute von den Mitgliedern der Russisch-Orthodoxen Kirche?

    "Ganz wesentlich ist, dass die Altgläubigen die Geistlichkeit, also die Priesterschaft nicht anerkennen. Man ging davon aus, dass der wahre Glaube in der offiziellen orthodoxen Kirche nach den Reformen verloren gegangen war, dass kein Bischof deshalb die Priesterweihe spenden darf. Das hatte für die Altgläubigen zur Folge, dass es bei Ihnen überhaupt keine Priester mehr gab. Auch wir haben keinen Priester, sondern einen Gemeindevorsteher, der gewählt wird."

    Hinzu kommen Besonderheiten wie die Bekreuzigung mit drei anstatt zwei Fingern. Auch bezeichnen die Altgläubigen ihre Sakralbauten nicht als Kirche, sondern "Chram", also Tempel. Fälschlicherweise würden sie häufig mit den Protestanten in Westeuropa verglichen, sagt Illarion Ivanov.

    "Der Protestantismus gründet sich ja auf etwas Neuem, hier ist es aber umgekehrt. Die offizielle Kirche führte Reformen ein, und wir Traditionalisten wollten am Alten festhalten, darum passt der Vergleich schlecht."

    Über mangelnden Zulauf kann sich die Gemeinde nicht beklagen, in einem speziellen Raum in der Kirche finden drei bis vier Taufen pro Woche statt, darunter sind auch viele Erwachsene:

    "Wir befinden uns hier im Taufraum, Sie sehen, dass wir hier Taufbecken verschiedener Größe haben, hier zum Beispiel 1,70 hoch, für Erwachsene, denn bei uns müssen die Täuflinge ganz untertauchen, dann kleinere für Jugendliche und Kinder. Wir Altgläubige akzeptieren keine orthodoxe Taufe, darum müssen Erwachsene, die zu uns kommen, ein zweites Mal getauft werden."