Mittwoch, 25. Mai 2022

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Historisches Ereignis "Coronavirus"
"Die Seuche unserer Zeit"

Die Corona-Pandemie könne zu einem neuen Narrativ führen, sagte der Zeithistoriker Martin Sabrow im Dlf. Themen wie Globalisierung, Grenzen zwischen Staaten sowie soziale Ungleichheit könnten angesichts der Pandemie in Zukunft neu und anders diskutiert werden.

Martin Sabrow im Gespräch mit Anja Reinhardt | 12.04.2020

NYC: Passant mit Atemmaske
Menschen mit Schutzmasken gehören seit Ausbruch der Lungenkrankheit COVID-19 weltweit zum alltäglichen Bild (Sputnik/dpa )
Der Historiker Martin Sabrow kann sich einen Einfluss der Coronakrise auf zeitgeschichtliche Debatten vorstellen. Ähnlich wie etwa die Terroranschläge vom 11. September 2001 könne die "Seuche unserer Zeit" zu einem neuen Narrativ führen, das einen neuen Fluchtpunkt setze, "auf den sich das zeitgeschichtliche Schreiben zuordnet", sagte Sabrow im Deutschlandfunk. Für verschiedene Spannungsverhältnisse könne die Pandemie in Zukunft wie ein Katalysator, wie ein Symbol dastehen. Als Beispiel nannte er Themen wie Globalisierung, Grenzen zwischen Staaten sowie soziale Ungleichheit.
33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2
Der Mantel der Geschichte
Hinter der Selbst-Historisierung in Form von Corona-Tagebüchern, wie sie derzeit geschrieben werden, stehe die Idee, dass man den "Mantel der Geschichte, der weht, zu fassen bekommt", sagte Sabrow. Das Gefühl, dass man in historischen Zeiten lebt, sei ein bekanntes Motiv zum Beispiel in Kriegszeiten.
Der Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow spricht bei einer Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung
Der Historiker Martin Sabrow (imago / Jens Jeske)
Tschernobyl oder die Schleyer-Entführung seien vergleichbare "empfundene Ausnahmezustände". Manche Zäsur verflache aber dann im Nachhinein, sagte der Historiker und nannte als Beispiel das Milleniumsjahr 2000, über das man mittlerweile hinweggehe.