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Hitlers Abwehrchef Canaris in neuem Licht

Er diente dem Führer und wurde kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet: Admiral Wilhelm Canaris, Hitlers legendärer Abwehrchef. Canaris war im wahrsten Sinne des Wortes eine "schillernde Persönlichkeit". Michael Mueller hat eine Biografie dieses Mannes verfasst.

Von Robert Baag | 08.05.2006
    Beitrag:

    O–Ton Canaris (O.E. Hasse)
    "Der Auftrag ist folgender: Absprung dicht hinter der russischen Front. Genaue Erkundung des Standortes, der Stärke und Ausrüstung der russischen Divisionen... " - Trupp-Führer: "Uhrzeit-Vergleich!- 14 Uhr 12...Sammeln nach Absprung. Treffpunkt: X-3."

    Admiral Wilhelm Canaris im Winter 1942/43, offenbar kurz vor einem Gegenangriff sowjetischer Truppen. Diese historisch keineswegs verbürgte Szene stammt aus einem Mitte der 50er Jahre gedrehten Spielfilm mit O.E. Hasse in der Titelrolle des Chefs der deutschen militärischen Abwehr. Dieser Film strickt mit an der Legende des - in Anführungszeichen: - "guten, pflichtbewussten deutschen Offiziers", der sich tragisch, also unschuldig-schuldig in den Krieg verwickelt, den das NS-Regime vom Zaun gebrochen hat, den er aber innerlich ablehnt. Canaris gerät in diesem zeittypischen Streifen zu einer Lichtgestalt des militärischen Widerstands gegen Hitler. Canaris’ Hinrichtung kurz vor Kriegsende, am Galgen des Konzentrationslagers Flossenbürg, als einer der Mitverschwörer gegen den Diktator am 20. Juli 1944, erleichterte damals diese Sichtweise. Fast 20 Jahre mussten danach vergehen, ehe Heinz Höhnes Biografie erschien, die dann schon im Titel der historischen Realität um den Admiral entscheidend näher kam:

    "Canaris – Patriot im Zwielicht"

    Ein Standardwerk bis heute, auf das sich auch Michael Mueller bei seinem soeben erschienenen Buch mehrfach bezieht.

    "Canaris. Hitlers Abwehrchef. Eine Biografie"

    ...bezeichnet Mueller seine Arbeit betont nüchtern. Und bereits im Vorwort zu dem voluminösen, fast 600 Seiten zählenden Band zieht er die Konturen des Bildes nach, die in den vergangenen Jahrzehnten stets auftauchten, wenn der Name "Canaris" fiel:

    "Je nachdem wie man zu Canaris stand, hielt man ihn für einen überzeugten Vertreter des Regimes, einen distanzlosen Opportunisten oder einen genialen Taktiker, der es bis zuletzt verstand, den Diktator und seine willenlosen Werkzeuge über seine wahren Absichten zu täuschen. Auch nach seinem Tod war er für die einen der vaterlandslose Verräter, der es hinnahm, dass durch die konspirativen Aktivitäten seiner engsten Mitarbeiter deutsche Angriffspläne verraten und so deutsche Soldaten in den Tod getrieben wurden, während die andere Fraktion ihn früh als einen der untadeligen Vertreter des (so genannten) 'anderen Deutschland’ vereinnahmte."

    Frische Aktenfunde aus Washingtoner und Londoner Archiven, aber auch aus dem Freiburger Bundesarchiv/Militärarchiv haben Michael Mueller neue Erkenntnisse verschaffen können und sind in diese Biografie eingeflossen.

    Noch spannender wäre es indes gewesen, hätten auch Moskauer Archive ihre Bestände offen gelegt. Immerhin war das "Amt/Abwehr" unter seinem Chef Canaris fast zehn Jahre lang – von Januar 1935 bis Februar 1944 - ein wichtiger Gegenspieler der diversen Spionage- und Abwehrdienste der UdSSR. - So aber ist man weiterhin auf vereinzelte und im Übrigen nicht nachprüfbare Aussagen sowjetischer Veteranen angewiesen.

    Der KGB-Generalmajor im Ruhestand Leonid Ivanov etwa, äußerte sich in einem vor circa zwei Jahren ausgestrahlten Dokumentarfilm einigermaßen ambivalent und anekdotisch über die Professionalität der Canaris-Leute und ihre Spionagetätigkeit gegen die Sowjetunion zu Beginn der 40er Jahre:

    "Der Gegner betrieb eine umfangreiche Aufklärungstätigkeit gegen uns. Die deutsche Abwehr war sehr erfahren. Aber am Anfang des Krieges gegen die Sowjetunion dachten sie wieder an einen Blitzkrieg-Sieg. - Da setzten sie irgendwelche Diversanten mit dem Fallschirm und in Rotarmisten-Uniform ab. Mit allem Drum und Dran. Auch mit richtigen Soldbüchern. Nur: Die Ösen, mit denen die Paßbilder befestigt waren, die waren vernickelt. Unsere Ösen aber – die echten! -, die waren aus Eisen und hatten schnell eine Rostschicht, die sich auf der gegenüberliegenden Seite abdrückte. Und diese Spuren fehlten natürlich bei den nachgemachten Soldbüchern. Wurden die deutschen Diversanten von einer Patrouille kontrolliert, fiel das natürlich sofort auf – und zack! – schon hatte man sie!"

    Mueller zeichnet sehr gut belegt nach, dass die Abwehr unter Canaris jederzeit "funktionierte", integraler Bestandteil der NS-Aggressions- und Eroberungspolitik gewesen ist. Ob dies nun Mitte der 30-er Jahre die militärisch-logistische Hilfe für General Franco während des spanischen Bürgerkriegs betraf oder weiterging mit vorbereitenden Sabotage-Akten beim Überfall auf Polen - und schließlich die Sowjetunion:

    "Die Zuarbeit der Abwehr zu dem mörderischsten Krieg Hitlers lief auf vollen Touren."

    Und was das bis heute in manchen Köpfen immer noch irrlichternde Trugbild von der im Osten angeblich stets "sauber und ritterlich kämpfenden Wehrmacht" angeht: Hier führt Mueller eindrucksvoll blutige Terroraktionen in Polen an, die auf das Konto der GFP gehen, der Geheimen Feldpolizei. Dieser Wehrmachts-Truppenteil wiederum unterstand disziplinarisch – dem "Amt Abwehr" von Wilhelm Canaris!

    "Die Feldpolizei-Einheiten übergaben den SS-Einsatzkommandos so viele Verhaftete zur Exekution, dass (deren Chef) Heydrich sich genötigt sah, gegen die Überlastung seiner Einheiten einzuschreiten. Zitat: 'Der Chef Si[cherheits-]Po[lizei] bittet, die GFP anzuweisen, ihre Erschießungsaktionen selbst durchzuführen.’ - (...)Nach Schätzungen wurden (zwischen dem 1. September und dem 26. Oktober 1939) 20-tausend Menschen (von der Wehrmacht) ermordet..."

    ...so dass Mueller an anderer Stelle ein knappes, wenngleich aufschlussreiches und desillusionierendes Fazit zieht:

    "Canaris und seine Leute wurden von Anfang an tief in die Planungen des Vernichtungskrieges verstrickt."

    Der Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom weist allerdings auch darauf hin:

    "Das Verhältnis von Reichssicherheits-Hauptamt und OKW-'Ausland/Abwehr’ muss man sehr differenziert betrachten. Je grausamer die SS-Nachrichtendienste irgendwo gewütet haben desto größer war die Distanz der Abwehrleute zu dem Verhalten der SS-Nachrichtendienstler."

    Dennoch: Anders als manchmal gerne kolportiert worden ist, war das Amt Abwehr offenbar nie eine feste Burg oder das abgeschirmte Refugium mehrheitlich überzeugter Regime-Gegner. Mueller weist nach...

    "...dass von den 13.000 Offizieren, Beamten und Angestellten, die in Spitzenzeiten für die Abwehr arbeiteten, höchstens 50 als aktive Widerständler gelten konnten, die das Regime und Adolf Hitler um fast jeden Preis beseitigen wollten. – Eine besondere 'Gattung’ der Gegner des Nationalsozialismus hatte bei Canaris keine Chance: Als überzeugter Antikommunist lehnte er die Einstellung von ehemaligen KPD- und SPD-Funktionären oder anderen marxistischen Aktivisten kategorisch ab."

    In dieser Haltung ist sich Canaris ein Leben lang treu geblieben. Und so gelangt der Autor schließlich zu der Einsicht:

    "Canaris taugt in Wahrheit wenig zur Legende, aber viel zum Musterbeispiel eines Offiziers seiner Zeit: Der Großbürgersohn aus Westfalen, den es zur kaiserlichen Marine zieht, die die Weltmeere beherrschen soll. Der seiner Illusionen beraubte Kriegsheimkehrer, der der Weimarer Demokratie verständnislos und dem Sozialismus und Bolschewismus mit Abscheu begegnet. Der Republikfeind, der den Aufstieg des Nationalsozialismus mit Interesse verfolgt und dem Irrtum der meisten seiner konservativen Offizierskollegen unterliegt, den Irrsinn beherrschen zu können."

    Der persönliche Anteil des stets – nicht nur in den Machtstrukturen - lavierenden Wilhelm Canaris an der Konsolidierung nationalsozialistischer Herrschaftspraxis steht exemplarisch für eine Haltung, die der Volksmund weise mit den Worten beschreibt: "Wer mit dem Teufel essen will, der braucht einen langen Löffel!" – Aber ebenso gilt: Meist ist dieser Spruch erst dann zu hören, wenn sich der Löffel als zu kurz erwiesen hat.

    Michael Mueller hat ein materialreiches Buch vorgelegt, das zu lesen sich lohnt. Wer wissen möchte, wie eine bestimmte Schicht innerhalb der deutschen Elite in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen dachte, welche Triebkräfte ihr Handeln – und ihr Scheitern – beeinflusste, wird von diesem Band nicht enttäuscht werden. Wer außerdem auch etwas über die Funktions- und Arbeitsweise eines Geheimdienstes sowie dessen Konkurrenten unter den besonderen Verhältnissen der NS-Diktatur erfahren möchte, dem ist dieser spannende und lesenswerte Band gleichermaßen sehr zu empfehlen.

    Robert Baag über Michael Mueller: Canaris. Hitlers Abwehrchef, Propyläen Verlag, Berlin 2006.