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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHitlers "Mein Kampf" am Kiosk in Dachau?19.04.2012

Hitlers "Mein Kampf" am Kiosk in Dachau?

Der Streit um Zeitzeugen und Zeitungszeugen aus der NS-Zeit

Es ist schwer, im Streit um Hitlers "Mein Kampf" noch die Übersicht zu behalten, wer aus dem Machwerk etwas entnehmen und veröffentlichen darf, oder aber wer nicht und warum nicht.

Von Christian Forberg

Hitlers "Mein Kampf" liegt mittlerweile in unterschiedlichen Ausgaben vor.. (picture alliance / dpa / CTK Pesko)
Hitlers "Mein Kampf" liegt mittlerweile in unterschiedlichen Ausgaben vor.. (picture alliance / dpa / CTK Pesko)

Der britische Verleger Peter McGee darf nicht, entschied das Münchner Landgericht auf Antrag des Freistaates Bayern. Der Historiker Christian Zentner durfte vor Jahren, und andere durften ebenso die rund 800 Seiten kürzen, korrigieren und kommentieren, damit Sinn und Unsinn besser verstehbar werden. Auch ein Hörbuch kam heraus: Der Schauspieler Helmut Qualtinger las Auszüge aus "Mein Kampf" auf eine Weise, dass sein Autor hinter den Worten hervortritt.

"Deutsch-Österreich muss wieder zurück zum famosen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlicher Erwägungen heraus - nein, nein! Auch wenn diese Vereinigung wirtschaftlich gedacht gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre - sie müsste dennoch stattfinden. Deutsches Blut ..."

Buch und CD wurden in den 1980er-/90er-Jahren aufgelegt. Man kann sie noch kaufen oder in Bibliotheken ausleihen. Originale Bücher und Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus liefern Antiquariate und werden im Internet angeboten - auch "Mein Kampf". Doch in den "Zeitungszeugen", in denen zu Beginn des Jahres Auszüge erscheinen sollten, darf nichts aus Hitlers Buch beigefügt werden.

"Stellen Sie sich vor, es kämen Touristen in der Nähe von Dachau oder anderen Erinnerungsorten in einen Laden, da wäre 'Mein Kampf' - das gäbe zurecht einen Skandal","

begründete Bayerns Kulturstaatssekretär Bernd Sibler die Verweigerung auf 3sat, "Mein Kampf" nun auch noch am Zeitungskiosk anbieten zu lassen.

Viele Leser der "Zeitungszeugen" empörten sich über die Verweigerung, empfanden es als Bevormundung, sich nicht selbst ein Urteil bilden zu können. Einspruch kam auch von Wolfgang Benz:

""Dass 'Mein Kampf' nicht neben der Gedenkstätte KZ Dachau verkauft werden darf - ja warum eigentlich nicht?!"

Der Historiker und emeritierte Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der "Zeitungszeugen", war es bereits bei vorhergehenden Projekten des britischen Verlegers McGee in Österreich und auch bei der ersten Welle der Zeitungszeugen in Deutschland 2009.

"'Mein Kampf' wird in drei Jahren überall zu finden sein, da ist das Urheberrecht abgelaufen, da hat der bayrische Staat keinen Zugriff mehr, weder einen moralischen noch einen rechtlichen."

Sein Motto: raus mit den Originalen aus der Wissenschaft ans Massenpublikum, wenn es denn nur seriös beraten wird.

"Ich halte mich auch für seriös - war das also überhaupt keine besondere Überlegung: Darf ich mir da die Finger schmutzig machen? Ich habe auch schon in Boulevardblättern das für richtig Erkannte vertreten; ich sage im Fernsehen meine Meinung - Zeitungen haben Unterhaltungswert, und ganz nebenbei lernt man etwas über historische Realitäten - also was sollte es für ein Hindernis geben, an einem solchen seriösen Unternehmen teilzunehmen?"

Besonders Lehrer seien von der ersten Welle der Zeitungszeugen begeistert gewesen. Ihnen würde der lange Weg durch viel-hundert Seiten starke Wissenschaft erspart, sagt Wolfgang Benz. Zum anderen:

"Viele Leute sagten: Zum ersten Mal sehe ich eine nationalsozialistische Zeitung und kann mir selber ein Bild machen, was und wie da geschrieben wurde. Das Argument 'Da soll er doch in die Bibliothek gehen!' halte ich für eher zynisch, denn wenn der weiter nicht mit solchen Dingen Beschäftigte in die bayrische Staatsbibliothek geht und den 'Völkischen Beobachter' sehen will, kommen allerlei administrative Prozeduren auf ihn zu, und den 'Völkischen Beobachter' hat er da noch lange nicht gesehen. Also kauft er ihn sich - wenn er darf - im Faksimile am Kiosk, liest das auf der Heimfahrt in der U-Bahn und hat was gelernt. So stelle ich mir Aufklärung vor."

Die Münchner Richter nicht. Sie begründeten das Verbot mit der geringen Anzahl an Kommentaren im Vergleich zur Masse der Zitate. Womit die Veröffentlichung der Schrift an sich und nicht der Aufklärung dienen würde. Auch andere Kritiker fürchten, dass die Verbreitung am Zeitungskiosk eine Art Einladung für Neonazis sein könnte. Ein Beispiel aus einer 3Sat-Sendung "Kulturzeit", in der Moderatorin Tina Mendelsohn Wolfgang Benz befragte:

"Muss man da nicht sagen, dass solches Material dann auch Material für eine vielleicht sich weiter aufblähende NPD und eine Szene der Rechtsradikalen sein könnte? - Ich glaube, die NPD ist nicht auf das historische Material angewiesen. Die will zum Teil auch gar nichts damit zu tun haben; das ist den heutigen Neonazis, den Rechtsradikalen eher viel zu kompliziert. Die arbeiten mit einfachen Parolen, mit Parolen, die auf die heutigen Probleme besser passen."

Die elektronischen Medien stehen einer solchen Aufklärung mittels Original nicht nach. So gestaltete die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv mit dem Archivverlag ein Projekt, das inhaltlich den "Zeitungszeugen" ähnelt. In einer Sammelmappe vereint lagen Nachdrucke historischer Dokumente mit Erläuterungen und eine CD mit Originaltönen.

"... erklären die bedingungslose Kapitulation zu Lande, zu Wasser und in der Luft ..."

Diese Mappen wurden zwischen 2005 und 2008 in einer Stückzahl von wenigen Tausend angeboten und umfassten historische O-Töne aus acht Jahrzehnten deutscher Geschichte.

Die erste Mappe zum Ende des Zweiten Weltkrieges kommentierte Muriel Favre. Die Historikerin, die am Deutschen Rundfunkarchiv arbeitet, schrieb ihre Dissertation zum Rundfunk in der NS-Zeit, der 1933 ein Jahrzehnt alt war. Allerdings war die technische Entwicklung in den späten Jahren der Weimarer Republik soweit vorangeschritten, dass Reportagen und Reden schnell aufgenommen, gesendet und schließlich archiviert werden konnten.

"Auch die Nationalsozialisten haben das aufgenommen, was sie für wichtig hielten, und wichtig hielten sie eigentlich alles, was mit Hitler zu tun hatte."

Seine Auftritte wurden aber auch live übertragen. Sie waren perfekt organisiert, spannend in Szene gesetzt und dramatisch aufgebaut, einer damaligen Filmvorführung mit Wochenschau, Kulturfilm und Hauptfilm folgend: Auf die Situations-Berichte der Reporter folgten hohe Nazi-Funktionäre wie Goebbels, der letztlich auf ihn hinleitete:

"Der Führer hat das Wort."

Die Menschen sollten an der Größe des Augenblicks teilhaben, sagt Muriel Favre. Wichtiger noch war den Nationalsozialisten:

"Sie waren überzeugt, an einem Epochenumbruch zu stehen, Geschichte zu schreiben, und es ging ihnen zuerst darum, diese große Zeit, an der sie gerade arbeiteten, zu dokumentieren. Sie haben diese Tondokumente als eine historische Quelle angesehen, und das ist neu insofern, als in anderen Ländern hauptsächlich Aktenschriftstücke als Quelle für künftige Historiker betrachtet wurden. Dass Tondokumente sowie auch Film oder Fotografien eine Quelle für die Geschichtsschreibung sein können, das war neu."

Nicht zuletzt ging es auch um Kontrolle, ob sich die Zeitungsjournalisten und Historiker an die Originalaussagen hielten. Eine wissenschaftliche Bearbeitung oder gar Interpretation war den Nationalsozialisten weder erwünscht, noch schien sie überhaupt erforderlich. Favre:

"Es gab nur eine Wirklichkeit, und so könnte es nur eine Geschichte geben, umso mehr, als der Historiker in der Zukunft nur ein nationalsozialistischer Historiker sein würde."

Es ist anders gekommen, und doch stehen wir heute vor einem Paradox: Dank der Sammel- und Kontrollwut der Nazis haben wir ein Reservoir an Texten, Bildern und Tönen, das permanent zur Sichtung, Neubewertung und Veröffentlichung einlädt oder zwingt, je nach Betrachtungsweise. Wer zum Beispiel nutzt heute die enormen Bestände des Rundfunkarchivs? Muriel Favre sagt, dass Historiker wenig mit dem Tonmaterial anfangen würden.

"Aus dem Grund, denke ich, weil die Historiker nicht genau wissen, wie sie mit dem Ton umgehen sollen. Es ist einfacher, mit Papier oder mit Bildern zu arbeiten, als nur mit Ton. Der Ton ist faszinierend und man kann dieser Faszination erliegen, aber was macht man dann danach? Der Historiker muss wissenschaftlich arbeiten, und die Frage ist: Wie kann ich über diese Faszination hinausgehen?"

Nüchterner sind die Veröffentlichungen in der Parteipresse der Nationalsozialisten, die die Reden inklusive der emotionalen Reaktionen wiedergaben. Originaltöne würden meist von Autoren nachgefragt, berichtet Favre:

"Sowohl vom Rundfunk als auch vom Fernsehen, weil beide Medien immer wieder Features oder Dokumentarfilme über die Zeit produzieren. Meistens reichen Ausschnitte, wird nach Ausschnitten gefragt. Das heißt, die beiden Medien bringen nicht viel länger eine Minute, zwei, drei Minuten aus einer Rede - auf keinen Fall in ihrer Vollständigkeit."

Da die Propaganda-Veranstaltungen nie unter einer Stunde dauerten, stünden unsere heutigen Gewohnheiten nach viel Bild und knapper Information den stundenlangen "Führer-Shows" diametral entgegen. Was sich wiederum mit dem Buch "Mein Kampf" deckt: Es ist eine Qual, sich durch die Schwarte hindurchzuarbeiten. Und so kommt auch in Erwin Leisers Dokumentarfilm, der 1960 in Deutschland unter dem Titel "Mein Kampf" Premiere hatte, der Inhalt des Hitler-Buches recht kurz in Bild und Ton weg:

"Er meint, dass die Vergasung von 12.000 oder mehr Juden zur rechten Zeit vielleicht einer Million Deutschen das Leben gerettet hätte. Das Werk wurde von wenigen gelesen und von vielen ausgelacht. Ein paar Jahre später vergeht ihnen das Lachen."

Erwin Leiser, Emigrant weil jüdischer Abstammung, unterlegte deutsche Geschichte von 1914 bis 45 mit historischen Bild- und Filmdokumenten, schuf später noch eine Reihe weiterer Filme über die NS-Zeit, deren Prinzip die nüchterne Betrachtung der Vergangenheit ohne Urteilsverkündung war. Das überließ er, überließen seine Filme dem Zuschauer. 45 Jahre später drehte Lutz Hachmeister mit gleichem Anspruch "Das Goebbels-Experiment": Eine Filmbiografie anhand der komplett herausgegebenen Tagebücher des Chefpropagandisten ...

"Und das einfach so stehen zu lassen, das einwirken zu lassen auf den Zuschauer ist vielleicht auch das Experiment an diesem Film."

Dazu gehört auch der Einblick in die dramaturgische Seite der Hitler-Monologe: Ungekürzt werden im Film lange Pausen gezeigt, die zur wohlkalkulierten Theatralik seiner Auftritte gehören.

Zwischen diesen Dokumentationen liegen eine ganze Reihe weiterer Versuche, die NS-Zeit im gesellschaftlichen Bewusstsein zu halten: So fügte Heinrich Breloer Spielszenen ein und Guido Knopp ließ jede Menge Augenzeugen berichten. Auch ihnen war und ist wichtig, dass der Zuschauer selbst ein Urteil finden kann.

Inzwischen scheint all das historische Filmmaterial über Hitler-Auftritte oder Kriegführung im Fernsehen als Endlosschleife zu laufen und ist fester Programmpunkt des "Infotainments" geworden. Doch nicht nur das, sagt Jan-Oliver Decker, Germanistik-Professor in Passau. Er forscht zur Geschichte der Rezeption des Films der NS-Zeit:

"Darüber hinaus signalisiert uns die mediale Aufmerksamkeit, was die zentralen Werte und Normen der Gegenwartskultur in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus sind. Das heißt, diese Dokumentationen von Guido Knopp sagen viel mehr über uns aus, als sie über die Zeit damals aussagen. Wir haben anscheinend ein sehr hohes Bedürfnis nach Authentizität, nach dem beglaubigten Bild, nach der absoluten Wahrheit über den Nationalsozialismus. Das scheint eines der zentralen Motive unserer gegenwärtigen Bewältigungsstrategien zu sein: Ein definiertes Bild zu finden, das wir festzurren können für den Moment, wenn in den Nachrichten, in der Tagesschau gesagt wird, dass der letzte Überlebende von Auschwitz gestorben sei."

Auch Spielfilme sind Teil dieser Prozesse; sowohl jene, die - wie "Der Untergang" - die NS-Zeit reflektieren, als auch jene, die aus der NS-Zeit selbst stammen. Wurden viele nach dem Krieg von den Alliierten unter Vorbehalt gestellt, durften nicht oder nicht ohne Weiteres gezeigt werden, so sind es jetzt keine zwei Dutzend mehr, die auf dem Index stehen. Decker:

"Früher betraf es vor allem Filme, die aus Sicht der Alliierten die alliierten Kontrollmächte in einem schlechten Licht entstehen lassen und eventuell für eine Rachefantasie der deutschen Bevölkerung genutzt werden konnten, die eigentlich umerzogen werden sollte. Heutzutage betrifft es die antisemitischen Filme oder auch die Fliegerfilme, die große soldatische Tugenden in den Vordergrund stellen und wo scheinbar auch die Distanz der Zuschauer zum filmischen Geschehen nicht ganz so groß ist."

Aber auch diese Filme wie "Jud Süß" oder "Kolberg" sollten gezeigt werden, sagt Jan-Oliver Decker, und zwar so, wie es das Bundesfilmarchiv, das Deutsche Historische Museum oder das Münchner Filmmuseum seit Längerem tun: Sie stellen vor den Vorführungen die historischen Zusammenhänge klar. Auf diese Weise eingeführt, könnten sie auch im Fernsehen gezeigt werden. Doch nicht nur Vorbehaltsfilme sollten derart behandelt werden, sondern auch Unterhaltungsfilme.

"Und da könnte man ja stärker dafür sorgen, dass man diese Filme stärker kontextualisiert, sie nicht als unpolitisch abtut, sondern ein Bewusstsein dafür schafft, dass sie in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Bedeutung, eine bestimmte Funktion hatten. 'Die Feuerzangenbowle' gilt als extrem unpolitischer Film, hat aber einzelne nationalsozialistische Ideologeme enthalten, die für die Zuschauer der damaligen Zeit auch verstehbar und nachvollziehbar waren. Der junge Geschichtslehrer, der beispielsweise für die Disziplin der jungen Männer plädiert, die wie Bäume erzogen müssen, die nicht rechts und links ausschlagen sollen."

Der Kontext: Die Dreharbeiten zur Feuerzangenbowle begannen 1943, einen Monat, nachdem Goebbels von Fanatikern den "totalen Krieg" bejubelt bekam. Erziehungsminister Rust war gegen den Filmspaß, Hitler für ihn, nachdem ihm Rühmann den Film in der Wolfsschanze vorgeführt hatte. Und währenddessen begann in Auschwitz der industrielle Massenmord und wurde die Wehrmacht allmählich in Kesselschlachten aufgerieben. Alles in allem, so Jan-Oliver Decker:

"Die Dämonisierung des Vorbehaltsfilms ist genauso historisch unangemessen wie die Entpolitisierung des Unterhaltungsfilms des 'Dritten Reiches'. Sowohl das eine als auch das andere ist ein Dokument seiner Zeit und muss dann auch unter den entsprechenden historischen Kontexten wahrgenommen und betrachtet werden."

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