
Schätzungsweise 5.100 Menschen sind infolge der Hitzewelle im Juni gestorben. Rettungsdienste und Ärzte arbeiteten am Limit – in Kliniken, die nicht klimatisiert sind. Deutschland kam lange ohne flächendeckende Klimatisierung aus. Angesichts des Klimawandels stellt sich jedoch zunehmend die Frage, ob das auch künftig noch möglich sein wird.
Klimaanlagen gelten vielen als Teil des Problems, weil sie Energie verbrauchen und zusätzliche Wärme erzeugen. Doch sie sind längst auch Teil der Lösung: Sie schützen Menschen nicht nur vor gesundheitlichen Schäden, sondern ermöglichen Arbeit und tragen zur Entwicklung ganzer Regionen bei.
Vorteile von Klimaanlagen: Mehr als nur Luxus?
Niedrigere Temperaturen sorgen laut Experten für besseren Schlaf, steigern die Leistungsfähigkeit und senken das Unfallrisiko. Studien zeigen, dass Menschen bei einer Raumtemperatur von 26 Grad Celsius bis zu 30 Prozent weniger leistungsfähig sind als bei 22 Grad. Darauf macht Uwe Franzke aufmerksam, Geschäftsführer am Institut für Luft- und Kältetechnik Dresden.
Dennoch werde Klimatechnik in Deutschland noch immer als „Luxus“ betrachtet. „Das ist in meinen Augen ein Irrweg, dass wir Klimatechnik verteufeln als etwas, was man nicht braucht, sondern wir sollten eher versuchen, ein Bewusstsein zu erreichen, dass Klimatechnik einen Nutzen für den Menschen hat.“
Schließlich seien Fortschritte in der Medizin, die moderne Chipproduktion und zahlreiche Lebensmitteltechnologien ohne Klimatisierung nicht denkbar. Und auch in Opern oder Theatern ließe es sich im Hochsommer bei dem heute üblichen Dresscode ohne Klimatechnik kaum aushalten.
Geschichte der Klimaanlage: Der Siegeszug in den USA
Klimaanlagen haben die Lebenskultur verändert. In den USA verfügen rund 90 Prozent der Haushalte über Air Condition. Der Siegeszug dieser Technik begann vor rund 120 Jahren in New York. Zunächst hielten Klimaanlagen in Gewerbebetrieben Einzug, danach in Kinos und Kaufhäusern. Ab Ende der 1920er-Jahre wurden auch Wohnhäuser klimatisiert.
Ab den 1950er-Jahren boomte das Geschäft. Dank Klimaanlagen konnte man nun auch in Regionen leben, die zuvor als zu heiß galten, etwa in Palm Springs (Kalifornien) oder Miami Beach (Florida). Besonders entlang der Golfküste wuchs die Bevölkerungszahl.
Der Historiker Jan Eike Dunkhase sieht in der Verbreitung von Kälte- und Klimatechnik auch koloniale Bezüge. Der „weiße Mann“ sei in Wärmezonen der Erde vorgedrungen, habe sich jedoch nicht akklimatisieren wollen. Stattdessen habe er sein heimisches Klima „herbeizwingen“ wollen, um nach der in Europa und Amerika üblichen Weise zu leben und zu wirtschaften.
Wirtschaftsfaktor Klimaanlage: Das Beispiel Singapur
Weltweit haben Länder in den feuchtheißen Klimazonen besonders von Klimaanlagen profitiert. Ein Beispiel dafür ist Singapur. Die einst sumpfige Hafenstadt entwickelte sich innerhalb von rund fünfzig Jahren zu einer der wichtigsten Handelsmetropolen der Welt.
Lee Kuan Yew, Premierminister des Stadtstaates von 1959 bis 1990, führte den Erfolg Singapurs in einem Interview 2009 maßgeblich auf die Klimaanlage zurück. „Sie war die wichtigste Erfindung für uns, vielleicht sogar eine der bedeutendsten des Jahrhunderts.“
Als Erstes ließ er Klimaanlagen in den Gebäuden der öffentlichen Verwaltung installieren und bezeichnete diesen Schritt rückblickend als „Schlüssel zur Effektivität“.
Heute lässt sich Singapur in gekühlten Shoppingmalls durchqueren. Während draußen 30 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen, geht es in den um zehn Grad kühleren Gebäuden geschäftig zu.
Klimaanlagen schaden dem Klima – kühle Architektur hilft
Klimaanlagen sind aber auch ein Teil des Hitzeproblems: Sie verbrauchen Strom und blasen noch mehr Hitze nach draußen. Das zeigt sich auch in Singapur: Dort sind die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so schnell gestiegen wie im Rest der Welt. Auch wegen des starken Wirtschaftswachstums: mehr Menschen, mehr Beton.
Der Stadtstaat versucht gegenzusteuern, zum Beispiel mit begrünten Fassaden. Sie können mitunter fünf Grad kühler sein als Flächen aus Stahl und Beton.
Doch das allein reicht nicht. Singapur bezuschusst nachhaltige und kühle Architektur. Die neue Universität hat auf dem Dach Solarzellen, und im Gebäude zieht es. Es gibt unterschiedlich hohe Gebäudeteile – nach dem Vorbild des Waldes mit seinen unterschiedlich hohen Bäumen. Den Studierenden reicht ein einfacher Deckenventilator zur Abkühlung.
Singapur begreift sich als Motor für Südostasien im Kampf gegen steigende Temperaturen, kann sich die Milliardenkosten aber auch leisten. Bis 2030 sollen eine Million neue Bäume gepflanzt werden. Und es sollen so viele Parks in der City entstehen, dass jeder in spätestens zehn Minuten im Grünen ist.
Auch in Deutschland könnte man den Bedarf an Kältetechnik verringern, betonen Experten: durch Fassaden- und Fenstergestaltung, aber auch die richtige Wahl von Baustoffen. Gute Isolierung, gute Beschattung, Grün an Hauswänden und auf Dächern können helfen. Es kommt aber auch auf die Umgebung an: auf möglichst viele Bäume und Sträucher.
Onlinetext: Beate Thomsen

















