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HIV-Infektion
Ein winziges Risiko bleibt

Menschen mit HIV sind theoretisch nicht mehr ansteckend – vorausgesetzt die Medikamententherapie klappt sehr gut und es gibt keine zusätzlichen sexuell übertragbaren Krankheiten, etwa eine Syphilis. Theorien sind das eine – aber wie sieht es in der Praxis aus? Das fragt eine große europäische Studie. Jetzt haben Forscher bereits eine erste Zwischenauswertung der Daten vorgelegt.

Von Martin Winkelheide | 27.06.2014

    Tabletten eines an AIDS erkrankten Menschen liegen in Tagesrationen und in Blistern sowie einer Dose auf einem Tisch
    Eine HIV-Therapie bietet Ansteckungsschutz mit nur winzigem Risiko. (dpa / Jens Kalaene)
    Michael ist 58 Jahre, seit über 20 Jahren ist er mit dem HI-Virus infiziert.
    "Ich möchte den schützen, der mich gerne hat, deswegen machen wir das mit dem Gummi."
    Die Medikamententherapie funktioniert sehr gut bei Michael. In seinem Blut ist seit vielen Jahren kein Virus mehr nachweisbar. Dennoch setzt er auf das Kondom. Sicher ist sicher, so seine Devise.
    "Irgendwo in den Zellen schlummert immer noch so ein kleines Virus. Deswegen sollte man immer 'safe' sein. So halte ich das."
    Es gibt aber auch Paare, die auf das Plus an Sicherheit verzichten und kein Kondom benutzen. 750 solcher Paare sind in der europäischen "Partner"-Studie befragt und untersucht worden. Je ein Partner ist HIV-positiv, der andere ist nicht HIV-infiziert, sagt Studienleiter Jens Lundgren von der Universitätsklinik Kopenhagen.
    "Insgesamt überschauen wir jetzt etwa 44.000 Sexual-Akte ohne Kondom. Wären die HIV-Infizierten nicht in Behandlung oder würde die Therapie nicht anschlagen, dann müssten wir damit rechnen, dass mindestens 50-, wahrscheinlich sogar 100-mal das Aids-Virus auf einen Nichtinfizierten übertragen worden wäre."
    Die statistische Kraft der Studie reicht (noch) nicht aus
    Tatsächlich aber hat kein einziger der Infizierten das Virus auf seinen HIV-negativen Lebenspartner übertragen. Ist damit bewiesen, dass dank der Aids-Medikamente das Ansteckungsrisiko gleich Null ist? So weit möchte Jens Lundgren nicht gehen - noch nicht. Die statistische Kraft der Studie reiche dazu nicht aus, betont er.
    "Wenn Paare zehn Jahre zusammen leben, dann könnte in dieser Zeit - statistisch gesehen - bei einem von 25 Paaren eine Übertragung stattfinden. Dieses Restrisiko rührt von dem Unsicherheitsfaktor her, den wir den Berechnungen zugrunde gelegt haben."
    Um die statistischen Unsicherheiten abzubauen, wird die Studie bis 2017 fortgeführt. Außerdem werden die europaweit 75 Studienzentren weitere Paare an der Untersuchung teilnehmen lassen. Eine Medikamenten-Behandlung senkt das Ansteckungsrisiko auf einen Wert nahe Null. Dennoch haben sich einige wenige zuvor HIV-negative Frauen und Männer im Verlaufe der Studie mit dem Aids-Erreger infiziert - außerhalb der Partnerschaft.
    "Jeder dritte homosexuelle Mann gab an, dass er neben seinem Partner auch Beziehungen zu anderen Männern hatte. Bei den heterosexuellen Paaren hatten etwa fünf Prozent weitere Geschlechtspartner."
    Dieser Befund und auch die statistische Unschärfe machen es schwierig, allgemeingültige Empfehlungen abzuleiten. Dennoch hilft die Studie, Ansteckungsrisiken besser als zuvor abzuschätzen, meint Jens Lundgren.
    "Paare, die immer ein Kondom benutzen, die erleben ja, dass ein Kondom schon mal platzen kann oder versagt. Und dann sind sie sehr beunruhigt. Da können wir jetzt sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Du Deinen Partner angesteckt hast, die ist sehr, sehr gering - weil Deine Medikamente so gut wirken. Also: Kein Grund zur Sorge."
    Minimales Ansteckungsrisiko?
    Zu wissen, dass das Ansteckungsrisiko minimal ist, nimmt HIV-Infizierten einen Teil ihrer Sorgen, konstatiert auch Jürgen Stellbrink vom Infektionsmedizinischen Zentrum in Hamburg:
    "Das ist einfach für die Patienten eine große Entlastung - und auch für die Partnerinnen und Partner. Wir haben ja nicht selten Konstellationen, in denen Kinderwunsch besteht, zum Beispiel bei heterosexuellen Paaren. Und da ist es ganz wichtig, dass das Risiko so extrem gering ist, damit es zu einer Schwangerschaft kommen kann. Und das ist für das Lebensglück unserer Patienten oft ganz entscheidend."