Archiv

Hochhuths "Sommer 14"
Uraufführung nach großem Bemühen

Von Hartmut Krug |
    Wenn das Berliner Ensemble während der Theaterpause im Sommer plötzlich für wenige Tage wieder "Theater am Schiffbauerdamm" heißt, gehört das Haus ganz dem Dramatiker Rolf Hochhuth. Zwar besitzt der die Immobilie über die Ilse-Holzapfel-Stiftung seiner Mutter ohnehin, doch nutzen kann er sie laut Vertrag nur im Sommer. Und das auch nur, wenn er seine Wünsche nach zeitweiliger Verfügung über das vom Senat gemietete und von Claus Peymann geleitete Haus rechtzeitig anmeldet.
    Wie das zu interpretieren ist, darüber gerieten der Dramatiker Hochhuth und der Intendant Peymann regelmäßig aneinander. So fand oftmals das wahre Berliner Sommertheater um das Berliner Ensemble, nicht aber in ihm statt. Immer wieder gab es ein Hauen und Sticheln. Und einen Kampf mithilfe von Rechtsanwälten und Presseverlautbarungen um das Spielrecht für Hochhuth.
    Im Jahr 2000 inszenierte der Autor Hochhuth seine Komödie "Die Hebamme" selbst am Schiffbauerdamm, und im folgenden Jahr beauftragte Peymann 2001 Phillip Tiedemann mit der Regie von Hochhuths "Der Stellvertreter."
    Dann aber einigte man sich kaum noch, und Hochhuth zog mit seinen Stücken, die außer ihm kaum jemand inszenieren wollte, ans Theater der Stadt Brandenburg. Und als er 2009 wieder nicht ins Berliner Ensemble gelassen wurde, wich der regieführende Autor mit seinem Stück "Sommer 14 - ein Totentanz" in die Berliner Urania aus.
    Der Moralist und Aufklärer engagierte nun zunehmend Schauspieler aus dem Boulevardbereich: für die Musicalfassung seines 1974 mächtig durchgefallenen Stücks "Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato" setzte er Johannes Heesters auf die Bühne am Schiffbauerdamm, holte die RTL-Dschungel-Camp-erfahrene Carolin Beil für die Titelrolle und ließ den griechischen Wirt Kostas Papanastasiou seine Erfahrungen aus der "Lindenstraße" demonstrieren. Und die Regisseure wechselten unentwegt, oft während einer Inszenierung. Und so verschwand der große Dokumentartheater-Autor immer mehr hinter den kaum noch diskutablen Aufführungen seiner Stücke.
    Jetzt, wo Festivals wie das in Salzburg und Theater landauf und landab sich mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren beschäftigen, hat Hochhuth sein Stück "Sommer 14" wieder aus der Schublade geholt. Wo es nach seiner Uraufführung, 1990 unter der Intendanz von Claus Peymann in Wien, schnell verschwunden war.
    Dem Szenenkonvolut um die Mächtigen, um Kaiser und Könige, Militärs und Minister, das nach Erklärungen für deren unterschiedliche Kriegswilligkeit sucht, fehlt all die Sinnlichkeit, wie sie das ungenannte Vorbild, "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, auszeichnet. Es ist ein Thesen- und Deklariertheater, dessen Figuren nicht im Spiel gezeigt, sondern in seitenlangen Vorworten erklärt werden.
    Als der Regisseur vier Wochen vor der Premiere in Berlin das Handtuch schmiss, übernahm Torsten Münchow, eher als Synchronsprecher und Schauspieler bekannt, die Regie mit munterer Hand. Das Ergebnis verstörte Rolf Hochhuth bei der Generalprobe so sehr, dass er sich von der Aufführung distanzierte und vor ihrem Besuch warnte, weil noch nie ein Stück von ihm "derart verhunzt und verjuxt" worden sei.
    Nun ja. Lustig soll es wohl schon sein. Zugleich hat Münchow versucht, die von 400 auf 70 Seiten herunter gekürzten Textmassen spielerisch in Bewegung zu bringen. Die mit weißem Flokati ausgelegte Bühne wirkt wie eine Wellnessoase, in der alle in Bademänteln herum gehen oder liegen. Eine Putzfrau, die sich als Frau Tod entpuppt, räumt die Reste einer Party weg und diskutiert mit dem Konstrukteur Daidalos, während eine mit braunen Farbmustern bemalte, fast völlig nackte Frau sich als Kentaur unentwegt verrenkt.
    Meist sind die Figuren in die Karikatur und einen Unterhaltungsaktionismus getrieben, - allerdings, ohne komisch oder unterhaltend zu sein. Natürlich gibt es eine Sängerin mit Liedern aus vielen Zeiten und Stilen. Ein bekannter Berliner Frisör steckt einer Schauspielerin auf der Bühne ein Haarteil an, und der massige 0ttfried Fischer steht als Kaiser Franz Joseph herum. Immerhin gibt Matthieu Carrière dem deutschen Kaiser Wilhelm die neurotische Zerrissenheit eines Beinahe-Pazifisten. Sonst aber gibt es viel Mimerei zwischen Boulevard und Opas Bedeutungstheater.
    Es ist traurig zu sehen, wie sich der 83-jährige Autor bei seinem verständlichen Bemühen, seine Stücke auf der Bühne zu sehen, zwischen altem Stadttheater mit Pathos-Gefuchtel und neuem, von Fernsehdarstellern geprägtem Munterkeits-Boulevard wiederfindet.
    Immerhin: Wenn ein Dienstmädchen von seinem Tod beim Untergang der Lusitania berichtet oder wenn ein Soldat beim Kriegsausbruch sein "Gehorcht nicht" ruft, dann sind das zwei Momente eines Theaters, die ohne Erklärung oder Illustration auskommen. Den Abend und seinen Autor aber retten sie nicht.