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Hochschulabsolventen im Mittelstand

BMW, Siemens, BASF. Die Rangliste der Wunscharbeitgeber deutscher Hochschulabsolventen klingt wie das "Who is who" der deutschen Wirtschaft. Das ergeben immer wieder Umfragen an den Universitäten. Der Berufseinstieg soll möglichst mit einem großen Namen beginnen, Mittelstand – das klingt dagegen für viele nach Provinz. Dabei stehen in Deutschland knapp 64 Prozent aller Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss auf den Lohnlisten kleinerer und mittelständischer Betriebe.

Von Solveig Grahl |
    Die Produktionshalle von Varta Microbattery im schwäbischen Ellwangen. In Sekundenschnelle laufen hier winzig kleine Batterien vom Band - so genannte Knopfzellen. Das mittelständische Unternehmen mit rund 1300 Mitarbeitern hat sich spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von Minibatterien für Handys und andere elektronische Geräte.

    Markus Pompetzki kam vor einem Jahr zu Varta und arbeitet als Projektleiter in der Entwicklung. Der Chemiker aus dem Rheinland hatte sich in seiner Doktorarbeit mit der so genannten Lithium-Polymer-Technologie beschäftigt – die Stelle bei Varta passte genau in sein Profil. Vergleichbares hätte er bei einem großen deutschen Konzern wohl nicht gefunden, so der 37jährige. Bereut hat er den Schritt bis heute nicht:

    "Gute Ideen, die lässt man hier nicht verrotten oder lässt sie an bürokratischen Hürden scheitern, sondern die können sehr schnell umgesetzt werden. Es muss natürlich ein Konsens da sein, aber der wird sehr schnell gefunden, das muss nicht über Abteilungshierarchien hinweg entschieden werden, sondern kann schnell und flexibel eingeleitet werden."

    Kurze Wege, flache Hierarchien, enge Zusammenarbeit mit Produktion, Qualitätskontrolle und Vertrieb. Auch für Arno Perner sind das die klaren Vorteile eines mittelständischen Unternehmens. Der 35jährige arbeitet seit gut vier Jahren in Ellwangen und fing wie sein Kollege Pompetzki als Projektleiter an. Mittlerweile ist Perner Chef der Entwicklungsabteilung:

    "Ich kann mich nicht beklagen über schnelle Karrieremöglichkeiten, ich bin jetzt praktisch verantwortlich für die Entwicklung für die Lithium-Polymer-Batterien bei uns, habe Verantwortung, muss Verantwortung übernehmen und kann auch den Weg des Unternehmens mitgestalten. Diese Karrieremöglichkeit ist bei der Großindustrie, denke ich mal, nicht möglich."

    Jeder zweite Akademiker arbeitet in Baden-Württemberg in kleinen und mittleren Betrieben, so die Zahlen der Industrie- und Handelskammer in Stuttgart. Und oft sind es Hightech-Unternehmen, die sich wie Varta Microbattery auf ganz besondere Nischen-Produkte spezialisiert haben, so Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der IHK:

    "Wenn Sie bei einem kleinen Unternehmen sind, dass eine Technologie auf den Markt bringen kann, die einzigartig ist, wird dieses Unternehmen eine Erfolgsgeschichte haben, und Sie sind Teil des Erfolgs, unmittelbar. Das heißt, Sie können in einem kleinen Unternehmen möglicherweise Dinge erreichen, die Sie in einem großen Konzern nie hätten erreichen können."

    Beispiel Biosyn, ein kleines Biotech-Unternehmen in Stuttgart-Fellbach. Die Firma entwickelt rund 30 Medikamente, die vorwiegend in der Krebstherapie eingesetzt werden - darunter auch ein Arzneimittel, das aus dem Blutfarbstoff von kalifornischen Schnecken gewonnen wird und inzwischen in zahlreichen anderen Ländern zugelassen ist.

    Jochen Schmalfuss ist Laborleiter bei Biosyn. Der Chemiker hätte sich nach Studium und Promotion durchaus auch vorstellen können, in einem großen Konzern zu arbeiten – doch dann bekam er die Zusage aus Fellbach. Als Laborleiter brauche er natürlich sein Spezialwissen aus der Chemie, sagt Schmalfuss – aber das reiche in solch einem kleinen Unternehmen nicht aus. Hier seien vor allem Generalisten gefragt – vieles sei learning by doing – aber das mache den Job gerade so spannend und abwechslungsreich:

    "Da kann es auch mal sein, dass man mal eine Hausmeistertätigkeit machen muss. Das geht aber genauso in die andere Richtung. Ich habe als Chemiker auch Verträge gemacht mit verschiedenen Firmen, wo man eigentlich denkt, da sollten Juristen am Werk sein."

    Große Vielfalt – aber oft kleine Karrieremöglichkeiten. Auslandsstandorte haben die mittelständischen Unternehmen häufig gar nicht oder nur eingeschränkt. Und gerade wegen der flachen Hierarchien im Mittelstand kann der Weg nach oben schnell zu Ende sein. Das weiß auch Jochen Schmalfuss:

    "Wenn ich jetzt weiter aufsteigen wollte, müsste ich Geschäftsleiter werden. So schnell geht das natürlich nicht. Insofern ist man schon an einem Punkt angekommen, wo man jetzt vielleicht nicht mehr erreichen kann."

    Über einen Wechsel zu großen Konzernen denken Jochen Schmalfuss und seine Kollegen bei Varta dennoch nicht nach. Ideen umsetzen, etwas auf die Beine stellen ohne bürokratische Hemmnisse – das steht für die jungen Akademiker zurzeit im Vordergrund. Und das, da sind sie sich einig, geht am besten im Mittelstand.