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StartseiteCampus & KarriereKommt das "Kann-Semester"?15.04.2020

Hochschulen und CoronaKommt das "Kann-Semester"?

Die Diskussion, wie der Hochschulbetrieb im kommenden Semester funktionieren soll, geht in eine neue Runde: Nach dem "Nicht-Semester" fordern Studierende jetzt das "Kann-Semester". Über 25.000 Menschen haben die Petition bereits unterzeichnet. Doch was genau bedeutet das?

Von Matthis Jungblut

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Volle Hörsäle wie diesen an der Ruhr-Universität Bochum wird es in diesem Semester kaum geben ( dpa / lnw / Fabian Stratenschulte)
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Professorinnen und Professoren in Deutschland hatten bereits vor einigen Wochen in einem offenen Brief gefordert, das Sommersemester 2020 offiziell zu einem "Nicht-Semester" zu erklären. Die Lehre im kommenden Semester sollte ihrer Ansicht nach nur in reduzierter Form stattfinden und formal nicht zählen. Dann einigten sich die Wissenschaftsminister darauf, das Sommersemester 2020 auf jeden Fall stattfinden zu lassen, aber mit Flexibilität bei der Organisation. Vor allem sollte die Lehre in erster Linie online stattfinden.

Petition der Studierenden

Jetzt haben sich über 20 Studierendenvertretungen zusammengetan und fordern in einer Petition das so genannte "Kann-Semester". Das soll ein Semester werden, welches man absolvieren kann, aber nicht muss. Constantin Pittruff, einer der Initiatoren der Petition von der Studienvertretung der Hochschule München, erklärt das Ganze so:

"Das Kann-Semester bedeutet: Studierende sollen so viel studieren, wie sie können und Lehrende so viel anbieten, wie sie können. Das Semester basiert auf Freiwilligkeit. Natürlich soll alles zählen, was gemacht und geschrieben wird. Doch die Studierenden entscheiden am Ende selber, ob sie die Ergebnisse annehmen oder ob sie sagen: Nein, das möchte ich wiederholen. Die Prüfung muss ich noch mal schreiben im nächsten Semester."

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Es hakt bei der Digitalisierung

Das Semester soll also nicht offiziell gezählt werden und damit auch nicht in die Regelstudienzeit fallen. Denn das Problem derzeit: Viele Universitäten hängen bei der Digitalisierung hinterher und können so nicht gewährleisten, dass alle Studierende digital studieren können. Das hatte aber zum Beispiel die Wissenschaftsakademie Leopoldina empfohlen, um den Wissenschaftsbetrieb im kommenden Semester mit den Corona-Bestimmungen zu verbinden.

Viele Hochschulen haben sich etwas einfallen lassen. An der Uni Münster wurde eine eigene Software für Video-Konferenzen entwickelt. An der TU Dortmund sind in der Physik rund 200 Versuche digitalisiert worden, die man sich online anschauen kann.

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Viele Studierende unterstützen die Forderung

Das alles ist kurzfristig ins Leben gerufen worden, möglicherweise zu kurzfristig. Daher unterstützt der freie Zusammenschluss der Studierendenschaften in Deutschland (FZS) die Idee eines Kann-Semesters. Sprecherin Leonie Ackermann sagt, die Digitalisierung an deutschen Hochschulen sei noch lange nicht so weit.

"Es wird nur möglich sein, nur einen ganz kleinen Teil der Lehre überhaupt anzubieten, und zu sagen, das wird ein Semester wie jedes andere, ist einfach nicht möglich. Es wird einfach keine Lehre auf dem Niveau der vergangenen Semester stattfinden können. Das muss man sich einfach eingestehen und dann kann man nicht von Studierenden erwarten, Leistungen auf dem Level der vergangenen Semester zu bringen."

Nach der Meinung von Leonie Ackermann werde das dann dazu führen, dass viele Studierende länger studieren müssen, was wiederum direkte Auswirkungen auf das BAföG habe.

BAföG könnte ausschlaggebend sein

Deswegen sagen die Befürworter des Kann-Semesters: Es sei unfair, wenn diese besondere Situation dazu führt, dass Studierende keine BAföG-Förderung mehr bekommen. Bildungsministerin Karliczek hatte schon vor gut vier Wochen gesagt, dass "BAföG-Geförderte wegen der Corona-Pandemie keine Nachteile erleiden sollen." Jedoch hatte Karliceck sich da in erster Linie auf das aktuelle Semester bezogen. BAföG solle auch bei Hochschulschließungen weitergezahlt werden.

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Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte vor knapp zwei Wochen zugesichert, dass Studierende grundsätzlich keine Nachteile hinsichtlich der Regelstudienzeiten haben sollen – doch das ist vielen Studierenden offenbar nicht konkret genug.

Außerdem weist Konstantin Pittruff, einer der Initiatoren der Petition noch darauf hin, dass man auch eine Verantwortung den Studierenden gegenüber habe, die es in diesen Zeiten nicht schaffen, Prüfungen abzulegen. Weil sie sich etwa dazu entschieden haben, der Gesellschaft zu helfen und zum Beispiel für die Großeltern einkaufen oder sich anderweitig sozial engagieren.

HRK ist gegen das "Kann-Semester"

Peter-André Alt, der Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz, stört sich vor allem an dem Namen "Kann-Semester", weil davon ein falsches Signal ausginge: "Ich finde es nicht richtig, dass wir jetzt hier von einem 'Kann-Semester' sprechen. Wir brauchen die Sicherheit, dass die Studierenden gegebenenfalls ein Semester länger BAföG erhalten. Wir brauchen die Sicherheit, dass diejenigen, die in materieller Not sind, Unterstützung erhalten - möglichst ohne Darlehen. Das alles muss möglich sein und es muss natürlich auch eine große Flexibilität bei Prüfungen geben, aber ein 'Kann-Semester' ist mir zu unverbindlich." 

Als weiteres Argument gegen ein optionales Semester führt Alt eine mögliche Doppelbelastung im kommenden Wintersemester an. "Wenn wir davon ausgehen, dass ein nennenswerter Anteil den Antrag stellt, nicht zu studieren, dann müssten wir die Kurse im Wintersemester quasi doppelt anbieten: Wiederholung des Sommersemesters und das Wintersemester. Ich finde es zunächst mal besser, wenn wir alles daransetzen, alle mitzunehmen, damit sie am digitalen Lehrangebot teilnehmen können."

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