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StartseiteCampus & KarriereDer Abschied vom Normstudierenden05.09.2014

HochschulwandelDer Abschied vom Normstudierenden

Die deutschen Hochschulen seien zu stark auf einen bestimmten Typ Student eingestellt, sagte Jörg Dräger, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung, im Deutschlandfunk. Die Universitäten müssten ihr Angebot flexibler gestalten und zum Beispiel häufiger die Möglichkeit bieten, in Teilzeit zu studieren.

Jörg Dräger im Gespräch mit Regina Brinkmann

Ein Porträtfoto von Jörg Dräger. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Jörger Dräger, Geschäftsführer des CHE, fordert differenziertere Studienangebote an deutschen Hochschulen (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Weiterführende Information

Studienberatung - Wegweiser durch den Bewerbungsdschungel (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 07.07.2014)
Hochschulen - Studieren in der Sardinenbüchse (Deutschlandradio Kultur, Reportage, 25.06.2014)

Regina Brinkmann: 19 bis 24 Jahre, Abitur, unverheiratet, keine Kinder - das waren lange Zeit so die klassischen Eckdaten von Studierenden. Doch immer mehr Studierende weichen von diesem Typus ab, haben ganz andere Bildungsbiografien und Hintergründe. So studieren auch Handwerksmeister, alleinerziehende Mütter, oder Berufstätige absolvieren ein Fernstudium. Und zehn Prozent aller Studierenden stammen aus dem Ausland. Nur, ist das deutsche Hochschulsystem auf diesen Wandel eingestellt? Das Centrum für Hochschulentwicklung sieht in seiner aktuellen Bestandsaufnahme noch Defizite. Jörg Dräger, Geschäftsführer des CHE, welche sind das?

Jörg Dräger: Die deutschen Hochschulen sind noch sehr stark auf diesen Typ des Normstudierenden eingestellt, und der ist aber nicht mehr unbedingt in der Mehrheit. Die Zahl der Studierenden steigt, aber mit dieser steigenden Zahl auch die Vielfalt. Und die wollen unterschiedliche Studienangebote, mehr Teilzeitangebote, unterschiedliche Arten der Studienfinanzierung, haben aber auch unterschiedliche Studienziele. Also, die reine Orientierung auf wissenschaftliches Arbeiten, forschendes Lernen trifft nicht mehr die Bedürfnisse und Notwendigkeiten aller Studierenden.

Brinkmann: Wie könnten denn die Hochschulen ganz praktisch diese neuen Ansprüche an sie umsetzen?

Dräger: Es beginnt mit der Beratung, weil mehr Orientierung am Anfang gebraucht wird. Es geht über andere pädagogische Methoden, die besser mit unterschiedlichen Kenntnisständen, Lernspielen, Lerngeschwindigkeiten umgehen, hin zu unterschiedlichen Organisationsmodellen, Teilzeitstudium hatte ich eben gerade schon erwähnt. Also, das flexible Studium, den Studierenden entgegenzukommen. Die alleinerziehende Mutter kann nicht abends um 18 Uhr noch an die Uni gehen, der berufstätige Student möchte es aber gerade. Und da braucht eben die Universität, die Hochschule mehr Flexibilität. Sie wird sich aber nicht auf alle Typen von Studierenden gleichzeitig einstellen können. Also, hier heißt es Differenzierung, Profilierung.

Brinkmann: Damit sie sich am Ende nicht verzetteln!

Dräger: Sonst verzettelt man sich, man kann nicht gleichzeitig eine international orientierte Forschungshochschule sein und noch sich auf Berufstätige fokussieren und noch, und noch, und noch. Also, hier heißt es: Wählen, wo mein Profil ist, und dann eben aber auch das, was man tut, wirklich gut machen. Und da brauchen wir natürlich auch eine andere Transparenz über diese vielfältige Exzellenz. Es gibt viel mehr als nur einen oder zwei Typen von Hochschulen, das muss dem Bewerber, der Bewerberin auch klarer werden, damit sie besser wählen können, was passt.

Brinkmann: Lassen Sie uns über die Kosten reden! Mit dem Programm "Aufstieg durch Bildung. Offene Hochschulen" will die Bundesregierung die Hochschulen öffnen für mehr und flexiblere Weiterbildung, allerdings sollen die geplanten Angebote langfristig kostenpflichtig werden, das hat jetzt eine Anfrage der Linken an die Bundesregierung ergeben. Ist das der richtige Weg, um den unterschiedlichen Studierenden entgegenzukommen?

Dräger: Ja und nein. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Studierenden sehr, sehr stark und mehr Studienplätze kosten mehr Geld und das muss den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden durch staatliche Zuschüsse, gegebenenfalls durch Studiengebühren. Auf der anderen Seite bewegen sich die Hochschulen richtigerweise immer mehr in das Segment Weiterbildung/Lebenslanges Lernen. Das ist ein Segment, wo man durchaus auch tatsächlich die Unternehmen, den Einzelnen bitten kann, die Kosten zu tragen. Denn hier geht es um Dinge, die die Hochschule mir vermittelt, die sofort in meinem beruflichen Alltag mir einen Mehrwert verschaffen, und diesen Mehrwert kann eine Hochschule sich auch finanzieren lassen. Also insofern ein Ja und Nein. Mehr Geld vom Staat für das grundständige Studium, aber durchaus auch die Möglichkeit, diese Weiterbildungsangebote extern finanzieren zu lassen. Und extern sind dann eben Unternehmen oder diejenigen, die sich dort weiterbilden lassen.

Brinkmann: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, um das noch mal abzurunden: Weiterbildung ja, offene Hochschulen auch, aber nicht zum Nulltarif?

Dräger: Insgesamt gibt es das nicht zum Nulltarif, die Hochschulen brauchen mehr Geld, wenn sie neue Aufgaben übernehmen. Und die Finanzierungstöpfe, aus denen dieses Geld fließt, sind unterschiedliche. Und das geht vom Staat über den Einzelnen bis hin zum Unternehmen, die eben auch entsprechend dann profitieren.

Brinkmann: So weit Jörg Dräger, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung. Wenn sich die Hochschulen also in Zukunft besser auf die individuellen Lebensumstände ihrer Studierenden einstellen wollen, müssen sie zuerst ihre Orientierungs- und Beratungsangebote verbessern, auch das war eben im Interview zu hören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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