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StartseiteKultur heute"Radiokunst auf höchstem Niveau"29.04.2019

Hörspielpreis der Kriegsblinden 2019"Radiokunst auf höchstem Niveau"

Susann Maria Hempels Hörspiel "Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen" erhält den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Die rbb-Produktion habe vor allem durch ihre formale Kunst beeindruckt: Eine "stimmlich brillant erzählte Geschichte", sagte Jurymitglied Hans-Ulrich Wagner im Dlf.

Hans-Ulrich Wagner im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

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Susann Maria Hempel blickt in einem Schwarzweißfoto ernst zur Seite (Samuel Henne/rbb KulturRadio)
Die Filmemacherin und Autorin Susann Maria Hempel hat den Hörspielpreis der Kriegsblinden 2019 gewonnen (Samuel Henne/rbb KulturRadio)
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Doris Schäfer-Noske: Aus den beiden Weltkriegen sind tausende junge Männer erblindet von den Schlachtfeldern zurückgekommen. Sie waren damit von einem Teil des Kulturlebens ausgeschlossen - konnten weder ein Buch lesen noch einer Theateraufführung oder einem Film folgen. Einer von ihnen, der Soldat Friedrich Wilhelm Hymmen, hatte im Zweiten Weltkrieg das Augenlicht verloren und er wurde Mitglied im "Bund der Kriegsblinden". Dort hatte er dann die Idee, einen Preis für Hörspiele auszuloben. Und so wurde 1952 zum ersten Mal der Hörspielpreis der Kriegsblinden vergeben. Er gilt bis heute als bedeutendste Auszeichnung für Autoren deutschsprachiger Hörspiele. Heute ist nun bekannt gegeben worden, welches Hörspiel dieses Jahr gewonnen hat.

Wortkaskaden mit Musikinseln

Im Hörspiel "Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen" der Autorin Susann Maria Hempel, da geht es um einen ehemaligen DDR-Häftling, der durch die Haft traumatisiert worden ist. Das Hörspiel ist eine Produktion des RBB. Frage an den Medienwissenschaftler Hans-Ulrich Wagner - er ist seit vielen Jahren Jurymitglied beim Hörspielpreis:

War denn diesmal das Thema ausschlaggebend? Denn es geht hier ja wie bei Kriegsblinden um einen Menschen, der Schaden genommen hat, in diesem Fall durch die Haft.

Hans-Ulrich Wagner: Ich glaube weniger, dass es das Thema war, als vielmehr, dass es die Formalie Kunst war, die uns beeindruckt hat. Das schwingt zwar immer mit und natürlich sind die Themen wichtig, die behandelt werden im zeitgenössischen Hörspiel, aber ich glaube, dieses Hörspiel speziell besticht durch diese wunderbare formale Eigenschaft, wo diese stimmliche Kunst der Autorin – die spricht das ja alles selbst – so entscheidend ist und wo wir Zeuge werden dieser Wortkaskaden, dieser Logorrhoe eigentlich, dieser stimmlich brillant erzählten Geschichte und dann zwischendrin immer die entsprechenden Musikinseln, die uns wieder quasi zur Ruhe kommen lassen. Das ist Radiokunst auf höchstem Niveau und das war das Entscheidende.

Ein leiser, intimer Flüsterton

Schäfer-Noske: War es denn diesmal eine schwierige Entscheidung?

Wagner: Ja und nein. Das heißt, aus den insgesamt 24 Produktionen, die wir uns angehört haben und diskutiert haben, schälte sich so ein harter Kern von den drei nominierten Stücken heraus und über die wurde sehr intensiv diskutiert und die haben alle drei hervorragende Qualitäten. Ja, Frau Hempel ist die Preisträgerin, und dieser leise Ton, dieser Flüsterton, wie wir das in der Diskussion auch genannt haben, dieser sehr intime Ton, der diese vielfältige Brechungsgeschichte erzählt, das ist die Preisträgerin dieses Jahres.

Schäfer-Noske: Ansonsten war ja noch am Schluss im Rennen "Der Absprung" von Paul Plamper. Da geht es um Fremdenfeindlichkeit in einer ostdeutschen Kleinstadt. Und dann noch "Die Toten von Feuerland" von Ulrike Haage und Andreas Ammer. Da geht es um einen jungen Feuerländer, der um 1830 nach England verschifft wird, getauscht wird gegen einen Perlmutt-Knopf. Jemmy Button wird er dann genannt, der auch das Vorbild war für Michael Endes Jim Knopf, habe ich gelesen.

Wagner: Genau. Das ist natürlich eine schöne Pointe, dass der Jim Knopf, den wir alle aus den Kinderbüchern kennen, wirklich diese reale Geschichte hat. Diese zwei tollen Hörspielmacher, Ulrike Haage als Komponistin, Andreas Ammer als Autor, haben dieses große Hörspiel geschaffen. Die kommen sehr stark von der Oper her. Die machen einen riesen Aufwand an Musik, an entsprechender sinnlicher Qualität. Das ist genau das Gegenstück zu dem intimen Ton der Preisträgerin. Das ist auch ein Stück, das seine sinnliche Qualitäten hat. Da geht es ums Thema Kolonialismus - koloniales Erbe ist ja im Moment ein richtig heiß diskutiertes Thema - und der Postkolonialismus, der sich in dieser Figur des Fremden, der in diese scheinbar zivilisierte Welt hinübergeführt wird, wo das das Thema ist.

Schäfer-Noske: Entschieden wird über den Preisträger in einer Jury, in der ja laut Satzung auch Kriegsblinde sitzen sollen. Aber gibt es denn heute überhaupt noch Kriegsblinde?

Wagner: Es gibt immer weniger. Das finde ich gut so, denn die kriegerischen Ereignisse, wenn die keine Blinden mehr verursachen, ist das natürlich löblich. Es sind mittlerweile in der Jury Blinde Mitglieder. Das heißt, die sind nicht kriegserblindet, wie das noch vor vielen Jahren wirklich war, sondern blinde Juroren und Jurorinnen, die mit uns, den professionellen Kritikern, zusammen das Gespräch suchen. Das war ja auch die Ausgangsidee dieses Preises, sehende, professionelle Kritiker und erblindete Kritiker zusammenzubringen.

Bereicherung für die Hörspiel-Radiokunst

Schäfer-Noske: Was hat denn die Autorin jetzt davon, außer der Ehre?

Wagner: Es gibt feste Sendeplätze in der ARD, so dass dieses preisgekrönte Hörspiel sicherlich in allen oder fast allen Hörspielprogrammen zu hören sein wird. Dadurch bekommt sie natürlich die entsprechenden Honorarerträge. Es ist einfach auch eine symbolische Auszeichnung, es ist eine mediale Aufmerksamkeit, die sie erhält. Ich freue mich speziell für die junge Autorin, die eher aus dem Filmbereich kommt. Das ist eine Frau, die im experimentellen Film bislang gearbeitet hat. Wenn die jetzt quasi auch Hörspiel-Radiokunst macht, glaube ich, ist das eine Bereicherung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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