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StartseiteForschung aktuellMedikamente machten HIV-Infizierten virusfrei 10.07.2020

Hoffnung auf HeilungMedikamente machten HIV-Infizierten virusfrei

AIDS-Medikamente halten das HI-Virus in Schach. Dauerhaft geheilt wurden bislang aber nur zwei Infizierte - durch Stammzelltransplantationen im Zuge einer Krebstherapie. Auf der Welt-AIDS-Konferenz wurde nun ein HIV-Patient vorgestellt, bei dem das Virus allein durch Medikamente verschwand.

Von Martin Winkelheide

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Illustration of HIV particles in human blood Illustration of HIV particles in human blood. PUBLICATIONxINxGERxSUIxHUNxONLY SCIEPRO/SCIENCExPHOTOxLIBRARY F023/6088 (imago | Science Photo Library)
Illustration von HI-Viren in der menschlichen Blutbahn: Bei einem Aids-Patienten aus Sao Paolo, der seit über einem Jahr keine Medikamente mehr nimmt, sind bis heute keine HI-Viren mehr nachweisbar. (imago | Science Photo Library)
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Bislang gilt: Eine HIV-Infektion ist behandelbar – aber nicht heilbar. Die einzigen Ausnahmen von dieser Regel waren der so genannte "Berliner Patient" und der "Londoner Patient". In beiden Fällen war die Heilung von HIV ein Nebeneffekt einer erfolgreichen Krebsbehandlung. Die Patienten hatten eine Stammzelltransplantation erhalten - mit Zellen, die unempfindlich sind für das HI-Virus. 

Auf der 23. Welt-Aids-Konferenz, die wegen der Corona-Pandemie virtuell stattfand und heute zu Ende geht, wurde nun allerdings ein HIV-Patient aus dem brasilianischen Sao Paulo vorgestellt, dessen Fall große Aufmerksamkeit erregte. Seit dem Absetzen einer intensiven Medikamenten-Therapie vor über einem Jahr sind bei dem Mann keine HI-Viren mehr im Blut nachweisbar. Das nährt Hoffnungen, Aids könnte künftig allein mit Medikamenten heilbar sein. Doch es ist zu früh, um einen Durchbruch bei der AIDS-Therapie zu feiern.

Ist der Patient aus Sao Paolo der dritte geheilte HIV-Patient?

Nein. Der Mann benötigt zwar seit über einem Jahr keine AIDS-Medikamente mehr, es sind keine Viren mehr in seinem Körper nachweisbar und es finden sich auch keine Antikörper gegen HIV mehr in seinem Blut. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Es könnte immer noch zu einem Rückfall kommen. Ein einziges verbliebenes Virus im Körper kann ausreichen, die Infektion wieder aufflammen zu lassen.

Das zeigte der Fall des "Mississippi Baby" vor einigen Jahren. Auch das schien zunächst geheilt. Aber nach zwei Jahren kam es zu einem Rückfall. Heute muss das Kind wieder HIV-Medikamente einnehmen, um das Virus in Schach zu halten. Vor diesem Hintergrund ist die erfolgreiche Therapie des Sao-Paolo-Patienten ein erstaunlicher Etappen-Sieg. Ob er wirklich geheilt ist, muss sich aber noch zeigen.

Mit welcher Therapie wurde dieser Etappen-Erfolg errungen?

Der Mann war 34 Jahre alt, als er im Oktober 2012 positiv auf HIV getestet worden ist. Er hat dann zunächst vier Jahre lang eine ganz normale Kombinationstherapie mit drei Wirkstoffen erhalten. 2016 wurde diese Therapie dann deutlich intensiviert. Er hat noch zwei zusätzliche AIDS-Medikamente bekommen. Erstens: Dolutegravir – einen Wirkstoff verhindert, dass das AIDS-Virus sein Erbgut in Zellen einbauen kann. Zweitens: Maraviroc - einen Stoff, der  das Virus daran hindert, in Immunzellen einzudringen. Zusätzlich hat der Patient noch hoch dosiertes Vitamin B3 erhalten. Diese Substanz, die man rezeptfrei in Drogerien und Apotheken kaufen kann, wird bei der HIV-Therapie zuweilen flankierend eingesetzt, damit sich das Immunsystem besser wieder erholt. Möglicherweise, so spekulieren die Forscher um Ricardo Diaz aus Sao Paulo, hat der Stoff auch bislang übersehene Effekte. Es könnte sein, dass er ruhende, mit HIV infizierte Immunzellen aktiviert und die Viren damit angreifbar macht für die Medikamente. Im Körper versteckte, ruhende Viren waren bislang das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Heilung von HIV. Sollte der Sao Paulo Patient sich auf lange Sicht als geheilt erweisen, dann hat vermutlich das zusätzlich gegebene Vitamin B3 mit dazu beigetragen.

Sollten jetzt alle HIV-Patienten Vitamin B3 zu sich nehmen?

Nein, denn die genauen Wirkmechanismen sind noch völlig unklar. Im Moment gibt es nur den Hinweis: Der Stoff könnte vielleicht hilfreich sein. Ob er es wirklich ist, muss in großen Studien wissenschaftlich nachgewiesen werden. Bezüglich der Erfolgschancen ist Vorsicht geboten: Die Forscher haben insgesamt fünf Patienten mit der intensivierten Medikamenten-Therapie behandelt. Aber nur bei einem davon, dem Sao Paulo-Patienten, hat sich ein vorläufiger Erfolg eingestellt. Trotzdem nährt der Fall die Hoffnung, dass es möglich sein könnte, AIDS nur mit Medikamenten zu heilen – also ohne eine aufwändige und gefährlich Stammzell-Transplantation.

Welche anderen Ansätze werden erprobt, um HIV mit Medikamenten zu heilen?

Ein Ansatz ist, das Immunsystem eines Patienten nach und nach unempfindlich zu machen gegen HI-Viren, damit es die Erreger aus eigener Kraft kontrollieren kann - und eventuell sogar aus dem Körper entfernen. Der Nachteil: Das ist ein sehr aufwändiger und sehr teurer Ansatz, von dem auch noch nicht erwiesen ist, dass er funktioniert.

Ein weiterer Ansatz ist, gezielt ruhende, infizierte Zellen zu wecken und die in ihnen versteckten AIDS-Viren zu aktivieren. Die wären dann angreifbar für Medikamente oder spezielle Abwehrmoleküle, so genannte neutralisierende Antikörper. Der ideale 'Wecker' für diese Zellen ist bis heute aber noch nicht gefunden worden. Möglicherweise liefert der Sao-Paulo-Patient hier neue Impulse.

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