Fragt man Juri Andruchowytsch, in welcher Verfassung sich die ukrainische Gesellschaft im Oktober 2012, kurz vor den Parlamentswahlen, befindet, erinnert er sich an das Jahr 2004 zurück, die Zeit der "Orangenen Revolution". Damals hatte ein Kollege von ihm strahlend verkündet: Jetzt haben wir die postsowjetische Ära hinter uns gelassen und die europäische Ära beginnt:
"Es gab diese große Hoffnung und große Erwartung. Danach kam die große Enttäuschung. Ich denke, die sollte schon längst vorbei sein. Aber man wiederholt und wiederholt, dass wir immer noch enttäuscht sind. Das ist auch ein Teil der ukrainischen Identität. Wenn man einen Ukrainer fragt: Wie geht es Dir? - sagt er nie, es geht mir gut."
An die Parlamentswahlen, meint Andruchowytsch, dürfe man keine allzu hohen Erwartungen haben, sie seien eine Art Generalprobe für die Präsidentschaftswahlen 2015 - dann geht es tatsächlich um den Machtwechsel im Land.
Die Sehnsucht nach neuen Gesichtern in der Politik ist groß - Die Partei des populären Boxers Witalij Klitschko könnte es nach jüngsten Umfragen sogar auf Platz zwei schaffen - hinter der Partei der Regionen von Präsident Janukowitsch und vor der Vereinigten Opposition von Julia Timoschenko.
Auf der Suche nach neuen Hoffnungsträgern stehen auch Schriftsteller hoch im Kurs - Immer wieder, erzählt Juri Andruchowytsch, werden er und seine Kollegen gefragt, wann sie beginnen, sich politisch zu engagieren:
"Die Meinung des Schriftstellers bleibt sehr wichtig. Auch die Tatsache, dass manche meiner Kollegen jetzt direkt an den Wahlen teilnehmen, zeugt davon, dass die Schriftsteller als eine mögliche politische Alternative betrachtet werden. "
Tatsächlich kandidieren gleich mehrere bekannte Schriftsteller bei den Parlamentswahlen. Die Autorin Maria Matios beispielsweise ist die Nummer zwei auf der Liste der Partei "Udar" des populären Boxchampions Witali Klitschko. Sie wird demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Parlament gewählt werden. Ein Schritt, den Juri Andruchowytsch sehr bedenklich findet:
"Ich habe sehr, sehr viel Skepsis und fürchte, dass die Schriftsteller eine gewisse Fassadenrolle spielen: Die Schriftsteller als die moralischen Autoritäten. Das war nie eine Initiative von dem entsprechenden Autor oder der Autorin - es war immer die Einladung von einer Partei. Und das bedeutet natürlich, dass ihre Persönlichkeiten einfach instrumentalisiert werden."
Gespalten sind die Schriftsteller auch in der Frage, wem sie bei den Wahlen ihre Stimme geben sollen. Darüber ist in Schriftstellergemeinde ein erbitterter Streit entbrannt. Zwei Positionen stehen unversöhnlich gegeneinander:
"Eine, die ich zum Beispiel vertrete: Dass wir jetzt für die Partei Timoschenkos stimmen sollen. Unabhängig von der Tatsache, ob uns Timoschenko persönlich sympathisch oder unsympathisch ist. Es geht jetzt um etwas Größeres als unsere Sympathien. Und die zweite Gruppe bleibt bei der Idee, dass die ukrainische Politik zu schmutzig ist. Den echten, guten Politiker müssen wir erst noch erziehen oder auf sie warten. Und deshalb ergibt es keinen Sinn, heute einer der beiden schmutzigen Seiten zu helfen."
Bei vielen Ukrainern allerdings hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es aussichtslos ist, auf einen Messias zu warten. Juri Andruchowytsch ist optimistisch, dass die Wahlbeteiligung bei bis zu 70 Prozent liegen könnte. Er selbst wird nicht müde, die Ukrainer an die Wahlurnen zu rufen. Damit sich in dem tief zwischen dem europäischen Westen und dem pro-russischen Osten gespaltenen Land endlich wieder die pro-europäischen Kräfte durchsetzen.
Línks auf dradio.de:
Jenseits der Parlamentswahl in der Ukraine - Ziviles Bürgerengagement in Kiew
Weltzeit - Korruption und Frust
Weltzeit - Keine Chance für Janukowitsch?
Weltzeit - Nur auf High Heels in die Politik
"Es gab diese große Hoffnung und große Erwartung. Danach kam die große Enttäuschung. Ich denke, die sollte schon längst vorbei sein. Aber man wiederholt und wiederholt, dass wir immer noch enttäuscht sind. Das ist auch ein Teil der ukrainischen Identität. Wenn man einen Ukrainer fragt: Wie geht es Dir? - sagt er nie, es geht mir gut."
An die Parlamentswahlen, meint Andruchowytsch, dürfe man keine allzu hohen Erwartungen haben, sie seien eine Art Generalprobe für die Präsidentschaftswahlen 2015 - dann geht es tatsächlich um den Machtwechsel im Land.
Die Sehnsucht nach neuen Gesichtern in der Politik ist groß - Die Partei des populären Boxers Witalij Klitschko könnte es nach jüngsten Umfragen sogar auf Platz zwei schaffen - hinter der Partei der Regionen von Präsident Janukowitsch und vor der Vereinigten Opposition von Julia Timoschenko.
Auf der Suche nach neuen Hoffnungsträgern stehen auch Schriftsteller hoch im Kurs - Immer wieder, erzählt Juri Andruchowytsch, werden er und seine Kollegen gefragt, wann sie beginnen, sich politisch zu engagieren:
"Die Meinung des Schriftstellers bleibt sehr wichtig. Auch die Tatsache, dass manche meiner Kollegen jetzt direkt an den Wahlen teilnehmen, zeugt davon, dass die Schriftsteller als eine mögliche politische Alternative betrachtet werden. "
Tatsächlich kandidieren gleich mehrere bekannte Schriftsteller bei den Parlamentswahlen. Die Autorin Maria Matios beispielsweise ist die Nummer zwei auf der Liste der Partei "Udar" des populären Boxchampions Witali Klitschko. Sie wird demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Parlament gewählt werden. Ein Schritt, den Juri Andruchowytsch sehr bedenklich findet:
"Ich habe sehr, sehr viel Skepsis und fürchte, dass die Schriftsteller eine gewisse Fassadenrolle spielen: Die Schriftsteller als die moralischen Autoritäten. Das war nie eine Initiative von dem entsprechenden Autor oder der Autorin - es war immer die Einladung von einer Partei. Und das bedeutet natürlich, dass ihre Persönlichkeiten einfach instrumentalisiert werden."
Gespalten sind die Schriftsteller auch in der Frage, wem sie bei den Wahlen ihre Stimme geben sollen. Darüber ist in Schriftstellergemeinde ein erbitterter Streit entbrannt. Zwei Positionen stehen unversöhnlich gegeneinander:
"Eine, die ich zum Beispiel vertrete: Dass wir jetzt für die Partei Timoschenkos stimmen sollen. Unabhängig von der Tatsache, ob uns Timoschenko persönlich sympathisch oder unsympathisch ist. Es geht jetzt um etwas Größeres als unsere Sympathien. Und die zweite Gruppe bleibt bei der Idee, dass die ukrainische Politik zu schmutzig ist. Den echten, guten Politiker müssen wir erst noch erziehen oder auf sie warten. Und deshalb ergibt es keinen Sinn, heute einer der beiden schmutzigen Seiten zu helfen."
Bei vielen Ukrainern allerdings hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es aussichtslos ist, auf einen Messias zu warten. Juri Andruchowytsch ist optimistisch, dass die Wahlbeteiligung bei bis zu 70 Prozent liegen könnte. Er selbst wird nicht müde, die Ukrainer an die Wahlurnen zu rufen. Damit sich in dem tief zwischen dem europäischen Westen und dem pro-russischen Osten gespaltenen Land endlich wieder die pro-europäischen Kräfte durchsetzen.
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