Mittwoch, 05. Oktober 2022

Klimaschutz mit Kettensäge
Europas Wälder im Sog der Energiewende

Die EU setzt auf Erneuerbare Energien. Dazu zählen auch Holzpellets und Hackschnitzel, denn das Verbrennen von Biomasse aus dem Wald wird als klimaneutral eingestuft und finanziell gefördert. Naturschützer sind alarmiert. Sie fürchten: Die Pläne der EU könnten den Wald weiter unter Druck setzen.

Von Andrea Rehmsmeier | 04.09.2022

Gefällte Bäume und aufgeschichtete Stämme im Gebiet Turnicki der Ostkarpaten. Polnische Waldschutz-Aktivisten verlangen, den Holzeinschlag hier zu stoppen und ein Naturschutzgebiet einzurichten.
Biotop oder Brennstoff-Quelle? Polnische Waldschutz-Aktivisten fordern ein Ende des Holzeinschlags in den noch urwüchsigen Gebieten der Karpaten. (imago/NurPhoto)
Der Wald ist auffallend dunkel. Buchen, Eschen, Eichen, Fichten und Linden sind hoch gewachsen, ihre Baumkronen lassen kaum einen Lichtstrahl durch. Ein toter Stamm, bizarr gebrochen, ragt aus dem Waldboden auf. „Was ist Wald? Das auffälligste ist: Es gibt darin mehr Tod als Leben. Die Menge an Totholz ist riesig, fast ebensoviel wie die Menge an lebendigen Bäumen.“

Der Geologe Antoni Kostka beobachtet das Krabbeln auf der abblätternden Rinde. Dann lässt er seinen Finger über Moose und Pilze gleiten. “Aber das ist eine sehr teure Wohnstätte für tausende verschiedene Arten; Insekten, Pilze.“

Wachsen, Gedeihen, Absterben, Vermodern – hier, in den Vorkarpaten, im äußersten Südosten Polens, passiert alles gleichzeitig. „Ich war geradezu schockiert von dem, was mir einmal eine Wissenschaftlerin der Universität Warschau berichtet hat. Sie hat die Genetik der Pilze auf einem toten Baum erforscht – auf einer dicken Fichte, die etwa 30 Jahre zum Verrotten braucht. Wieviele Pilzarten hat sie dort gefunden? 430 unterschiedliche Arten!“

Antoni Kostka arbeitet für die Stiftung „Naturerbe“, die sich für den Schutz der letzten naturnahen Waldgebiete in Polen einsetzt. Eigentlich stehen die Zeichen dafür gut: Die Biodiversitäts-Strategie der Europäischen Union sieht vor, zehn Prozent von Europas Fläche unter strengen Schutz zu stellen. Und in Polen – wie in anderen EU-Staaten auch – ist der Nachholbedarf groß.

Allein 430 Pilzarten auf einer toten Fichte

Doch wenn Kostka seine Streifzüge durch die polnischen Karpaten macht, befällt ihn ein beklemmendes Gefühl. „Sehen Sie, wie viele Markierungen; hier, hier…“ Überall entdeckt Kostka Markierungen an den Stämmen: Die Bäume sind zur Rodung freigegeben. „Und jetzt stellen Sie sich diesen Wald ohne diese Bäume vor!“

Kreuz und quer durch den Wald haben die schweren Forstmaschinen ihre Schneisen geschlagen. Wo die Furchen tief sind, da reißt die Erosion weitere Stämme mit sich. „Auf dem Papier geht es den polnischen Wäldern gar nicht so schlecht. Zum Beispiel wird in Polen kein Kahlschlag praktiziert, kein Abholzen ganzer Waldstücke. Aber dennoch: Das Forstmanagement verändert Schritt für Schritt den Charakter des Waldes – von naturnah zu immer weniger natürlich.“

Was sind das für Bäume, die zum Abholzen freigegeben sind? Kostka wandert von Markierung zu Markierung, und seine Verwunderung wächst: Längst nicht alle Stämme sehen nach dem Qualitätsholz aus, das bei den polnischen Möbelherstellern gerade so gefragt ist. Auch krumm gewachsene und halb verrottete Bäume sollen gerodet werden. Warum nur, wo sie doch für das Ökosystem Wald so wichtig sind?

“Sagen Sie mir, wenn Sie ein Kapitalist wären, wenn Sie sich um den Profit sorgen würden – warum dann diesen Baum fällen?“ Diese Frage hat Kostka auch den staatlichen Forstbeamten gestellt. Doch die berufen sich nur auf ihre traditionellen Praktiken.

„Die Forstbehörde kümmert es nicht, wohin das Holz verkauft wird, denn die Art der Nutzung fällt nicht in ihren Verantwortungsbereich. Und wenn sie von Politikern gefragt werden, dann sagen sie nur: Wir haben das Holz verkauft. Sie haben tatsächlich keine Ahnung, was mit dem Holz geschieht.“
Aktivisten haben an einer Zufahrtsstraße zu einem Waldgebiet ein Protestplakat und ein in einem Baum hängendes Biwakzelt aufgehängt; (14.5.2021 in der Nähe von Arlamow, Karpaten, Südost-Polen)
Protestaktion in Polen gegen das Abholzen - auch wenn hier im Gegensatz zu Rumänien kein Kahlschlag praktiziert wird (imago/NurPhoto)

EU-Klimaziele vergrößern den Hunger nach Holz

Für die großen Zukunftsfragen des Planeten spielen die Wälder eine immens wichtige Rolle. Als Speicher für Treibhausgase bremsen sie den Klimawandel, als Refugium für die bedrohte Flora und Fauna erhalten sie die Artenvielfalt. Das erkennt auch die Europäische Union an: Waldnaturschutz steht derzeit weit oben auf der Brüsseler Agenda, ebenso wie Klimaschutz und der Erhalt der Biodiversität.
Doch den Bäumen geht es schlecht – überall auf der Welt, auch in Europa: Wo nicht Dürren und Feuersbrünste wüten, da gehen die Harvester und Kettensägen um. Und das Paradoxe ist: Ausgerechnet die ambitionierten Klimaziele der EU könnten den Holzhunger der Europäer schon bald gefährlich vergrößern.

"Europa will der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden. Auch wenn die Ziellinie noch dreißig Jahre entfernt ist - das Rennen beginnt jetzt. Dieses Jahrzehnt ist das entscheidende für Erfolg oder Misserfolg. Und deswegen hat sich Europa verpflichtet, unsere Emissionen um mindestens 45 Prozent zu reduzieren im Vergleich zu den 1990er-Werten." (Werbeclip der Europäischen Kommission)

Treibhausgase schleunigst reduzieren, und Europa gleichzeitig unabhängig machen von fossilen Energieimporten aus Russland, die den Ukraine-Krieg mitfinanzieren - das sind die Zielvorgaben der Europäischen Kommission für die EU-Mitgliedsstaaten, umzusetzen in einem straffen Zeitplan. Die Energiepolitik hat ein Zauberwort: Erneuerbare Energien. Denn die versprechen beide Probleme auf einmal zu lösen. In den vergangenen Monaten hat Brüssel den Anteil der Erneuerbaren Energien am EU-Energiemix immer weiter hochgeschraubt. Jetzt hat EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen die Messlatte noch einmal heraufgesetzt: Auf 45 Prozent.

Nicht nur die viel beworbene Wind- und Sonnenenergie zählt zu den Erneuerbaren Energien. Die heimlichen Durchstarter unter den Erneuerbaren stammen direkt aus dem Wald: Holzpellets, Hackschnitzel, Scheitholz. Denn sie zählen als Biomasse – und Biomasse ist, seit sie vor über 20 Jahren als "CO2-neutral“ eingestuft wurde, zur Multi-Milliarden-Industrie geworden. Subventioniert wird sie aus den verschiedensten Klimaschutz-Töpfen. Und auch vom Emissionshandel, der den Treibhausgasausstoß der fossilen Energieträger mit Kosten belegt, ist sie nicht betroffen.

Heimelige Alternative zu schmutziger Kohle

„Wer mit Holz heizt, heizt im CO2-Kreislauf der Natur. Denn die Verbrennung von Holz setzt gleich viel Kohlendioxid frei, wie die Bäume beim Wachsen der Atmosphäre entzogen haben.“ Gerade in Privathaushalten finden Pellet-Hersteller mit Werbebotschaften wie dieser Gehör.
Allein in Deutschland, wo Gesetze und Fördermaßnahmen starke Anreize zur energetischen Holznutzung setzen, ist der Bedarf in den vergangenen 20 Jahren von nahezu Null auf über drei Millionen Tonnen jährlich gestiegen, so das Statistische Bundesamt. Gerade entdecken die Osteuropäer Pelletzentralheizungen und Kaminöfen als heimelige Alternative zur schmutzigen Kohle. Und auch die Nachfrage in Asien und in den USA steigt.

Naturschützer sind alarmiert. Sie fürchten: Die Pläne der EU könnten den Hunger nach Biomasse aus dem Wald weiter verstärken und den Holzeinschlag kräftig nach oben treiben. Denn die nachhaltigen Anfangsjahre der Pelletbranche, als der Rohstoff-Bedarf weitgehend aus Sägewerk-Abfällen und Holz-Reststoffen gedeckt werden konnte, sind längst vorbei. Wenn Aktivistinnen sich heute vor den Toren der großen Hersteller auf die Lauer legen, dann fotografieren sie unzählige Eisenbahnwaggons mit frisch geschlagenen Baumstämmen aus aller Welt.

„An Präsident Biden, Präsidentin von der Leyen, Präsident Michel, Premierminister Suga und Präsident Moon. Wir fordern Sie dringend auf, die Klimaziele und die biologische Vielfalt der Welt nicht zu untergraben, indem Sie von der Verbrennung fossiler Brennstoffe auf die Verbrennung von Bäumen zur Energieerzeugung umsteigen.“

Mehr als 500 internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben 2021 diesen offenen Brief unterschrieben, Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde, ist einer von ihnen. „Wie zahlreiche Studien gezeigt haben, wird diese Verbrennung von Holz die Erwärmung über Jahrzehnte bis Jahrhunderte verstärken. Das gilt auch dann, wenn das Holz Kohle, Öl oder Erdgas ersetzt.“

CO2-Neutralität wissenschaftlich nicht haltbar

Harvard, Oxford, Potsdam - der hochkarätige Protest wendet sich gegen die Grundannahme, auf der die Einstufung von Wald-Biomasse als Erneuerbare Energie fußt – dass Heizen mit Holz CO2-neutral sein soll. Denn so ist es nicht nur in der Europäischen Union eingestuft, sondern auch in den USA und in vielen weiteren Staaten. Zwar klingt die Begründung bestechend logisch: Wenn beständig genug Wald nachwächst, dann wird der Kohlenstoff, der beim Verbrennen von Holz frei wird, im ewigen Kreislauf der Photosynthese direkt wieder gebunden.
Die Unterzeichner des Briefes jedoch halten das für wissenschaftlich nicht haltbar. Ganz im Gegenteil: sie untermauern eine umstrittene These der Umweltverbände: Dass das Verbrennen von Holz sogar deutlich schmutziger sei als das Verbrennen von Kohle. Pierre Ibisch: „Das zur Energiegewinnung verbrannte Holz setzt mehr CO2 frei als fossile Brennstoffe. Insgesamt dürfte die Verwendung von Holz für jede erzeugte Kilowattstunde Wärme oder Strom der Luft zwei- bis dreimal soviel CO2 hinzufügen wie die Verwendung fossiler Brennstoffe.“

Wird ein Baumstamm verbrannt, wird das darin gespeicherte CO2 unmittelbar frei, anders als wenn es über Jahre verrottet oder in Möbeln und Gebäuden verbaut wird – von gesundheitsschädlichen Feinstaub-Emissionen ganz zu schweigen. Und nicht zuletzt: Holzernte, Transport und Pelletproduktion sind immens energieintensiv, das verschlechtert den Fußabdruck der Biomasse aus dem Wald weiter, zeigen aktuelle Studien.

Auch aus dem Joint Research Center, JRC, der Forschungsstelle der Europäischen Kommission, kommen inzwischen Bedenken. Ein italienisches Forscherteam, das den europaweit massiven Verlust an Waldfläche und Waldbiomasse der Jahre 2016 bis 2018 untersucht hat, sieht die Ursache in der Expansion der Holzmärkte, hervorgerufen unter anderem durch holzbasierte Bioenergie – mit potenziellen Folgeschäden für Artenvielfalt, Bodenqualität und Wasserhaushalt. Eine weitere JRC-Studie erschien im Jahr 2021: In fast allen untersuchten Szenarien erwies sich das Entfernen von Biomasse aus Wäldern als wenig zielführend für die EU-Klimaziele, aber als negativ für die Biodiversität – es sei denn, es werden nur Zweige und Äste verheizt.
Markus Pieper, CDU-Europaabgeordneter
Markus Pieper ist der offizielle Berichterstatter für die Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU. (imago )

Herkunft des Brennholzes oft ungeklärt

Beunruhigt zeigten sich die Autoren jedoch vor allem über ein Nebenergebnis der Studie: Bei nicht weniger als 20 Prozent der untersuchten Biomasse konnten sie die Herkunft des Holzes nicht ermitteln. Und das wirft eine Frage auf: Stammt das ungenügend deklarierte Holz womöglich aus illegalem Raubbau – importiert aus abgelegenen Weltgegenden, wo Nachhaltigkeit niemanden interessiert?
Und so konstatiert der Wissenschaftler-Brief: „Sowohl für das Klima als auch für die Biodiversität sind Bäume lebendig wertvoller als tot. Um die zukünftigen Netto-Null-Emissionsziele zu erreichen, sollten Ihre Regierungen daran arbeiten, Wälder zu erhalten und wiederherzustellen und sie nicht abzubrennen.“

Auch die Gruppe derer, die die Einstufung von Wald-Biomasse als Erneuerbare Energie grundsätzlich für berechtigt halten, ist groß – zumal unter den Kriegs- und Krisenbedingungen dieser Tage, wo die EU-Staaten mehrere Energieprobleme gleichzeitig lösen sollen. Zu ihnen gehört Markus Pieper, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Gruppe in der EVP-Fraktion des Europäischen Parlaments.
Derzeit hat der Europapolitiker noch ein weiteres Amt: Er ist der offizielle Berichterstatter für die Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie. Denn im Juni 2021 hat die Europäische Kommission eine Neufassung der Richtlinie vorgelegt. Und jetzt, im September 2022, sind die Abgeordneten des Europaparlaments aufgerufen, darüber abzustimmen. Wenn es also darum geht, ob und wie Europa die Energiewende schafft, dann hat Piepers Stimme Gewicht. Und er glaubt:

„Wenn man den Wald vernünftig nachhaltig bewirtschaftet, die Zeiträume nicht zu kurz macht – ich sage mal, eine Buche hundert Jahre wachsen lässt - warum soll man einen geraden Buchenstamm dann nicht auch forstwirtschaftlich nutzen dürfen? Wenn Holz geordnet nachwächst und wenn man dieses Holz dann nutzt, wenn man es in Industrieprodukten verbaut, dann hat das durchaus einen Speichereffekt von CO2.“
Gefällte Holzstämme vor abgestorbenen Fichten - Waldsterben im Naturpark Arnsberger Wald, über 70 Prozent der Fichten Bäume sind erkrankt, beschädigt, meist durch den Borkenkäfer, der sich durch Trockenheit und Wärme, dem Klimawandel, verbreiten konnte.
Borkenkäferbefall zwingt zu Rodungen - immerhin lässt sich das Totholz zu Pellets verarbeiten (imago / Jochen Tack)

Nachhaltigkeitskriterien verschärfen

Der Richtlinien-Entwurf der Europäischen Kommission, über den das Europaparlament jetzt abstimmen soll, ist ein Drahtseilakt. Das 470-Seiten-Konvolut listet Wald-Biomasse weiterhin als „erneuerbare Energie“, verschärft jedoch die Nachhaltigkeitskriterien für ihre Erzeugung. Einer der Vorschläge: Der Rohstoff Holz soll künftig nach dem Kaskadenprinzip eingesetzt werden, er sollte also nur dann der Energiegewinnung dienen, wenn eine hochwertigere Verwertung, etwa als Möbelholz, nicht möglich ist. Markus Pieper unterstützt diese Idee grundsätzlich. Doch er glaubt auch: Wenn die EU-Staaten jetzt unter großem Zeitdruck ihre Energiewirtschaft umkrempeln sollen, dann müssen sie ihre eigenen Pläne entwickeln dürfen, wozu sie welches Holz verwenden.

„So sehr ich die schärferen Nachhaltigkeitskriterien begrüße, so sehr muss man aber auch bedenken, dass wir ja im Bereich Bioenergie ein Stück weit autark werden müssen. Nicht zuletzt auch wegen der kriegerischen Situation, die wir derzeit erleben, wo die Rohstoffe eigentlich immer knapper werden. Und da muss es einen austarierten Kompromiss geben. Ja, wir wollen mehr Ökologie in unseren Wäldern, aber wir wollen auch ein Stück weit Eigenversorgung sicherstellen.“

Tatsächlich gehen die verschärften Nachhaltigkeitskriterien auch vielen EU-Mitgliedsstaaten zu weit. Zehn EU-Staaten, darunter Polen, haben in einem Brief an die Europäische Kommission bereits ihren Protest bekundet. Was aber, wenn diese Länder ihren gestiegenen Bedarf an Erneuerbarer Energie künftig vornehmlich mit Biomasse aus dem Wald decken wollen? Wird es in den Wäldern dafür auf lange Sicht überhaupt genug Holz geben? Markus Pieper:

„Zur Zeit haben die Holzpellets natürlich durch das Trockenholz, durch den Borkenkäfer-Befall, durchaus genug Rohstoffe. Aber wie das in zehn Jahren aussehen wird, das wissen wir nicht, Man kann nicht die ganze Zukunft der privaten Haushalte in den Holzpellets sehen. Es wird eine Nische mit einer gewissen Größenordnung bleiben. Aber ich denke nicht, dass das der Ersatzbrennstoff der Zukunft sein kann.“

Holzpellet-Infrastruktur schürt Rohstoff-Nachfrage

Pierre Ibischs Forschungsstätte, die Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, liegt idyllisch an Rande des Naturparks Barnim. Auch der Professor grübelt derzeit viel über die EU-Pläne für Biomasse aus dem Wald. Der Biologe fragt sich: Werden Nachhaltigkeitskritierien, sollten sie in die neue EU-Richtlinie eingehen, überhaupt durchsetzbar sein, wenn die riesigen EU-geförderten Anlagen der Holzpellet-Industrie Nachschub brauchen?

„Das ist die Logik der Märkte, die mit Subventionen angestoßen werden. Es hat die Förderung gegeben von diesen vermeintlich klimaneutralen erneuerbaren Brennstoffen und entsprechend sind die Sektoren dann aufgeblüht. Und wenn man dann einen Pfad einschlägt, ergeben sich auch Pfad-Abhängigkeiten. Dann hat man am Ende die Infrastruktur. Die Pelletheizungen sind installiert und die Kraftwerke, die dann auf Holz umgestellt sind, und dann muss der Rohstoff her.“

In Deutschland haben viele Privathaushalte und kommunale Kraftwerke längst auf den Rohstoff aus dem Wald umgestellt. Wenn der Bedarf an Holz-Biomasse weiter steigt, fürchtet Ibisch, könnte das die ohnehin dürre-gestressten Wälder zum Kippen bringen – im Inland wie in allen Weltgegenden, aus denen das Holz künftig importiert wird. Waldboden degradiert, der Wasserhaushalt verändert sich und die geschädigten Ökosysteme setzen Treibhausgase frei, anstatt sie zu speichern.

„Und das ist ja nun das, was wir beobachten: Wenn wir Wälder ‚heiß schlagen‘ – wie die Förster selbst sagen –, indem man zu viel Biomasse entnimmt, das Kronendach zu sehr öffnet, die Bäume entsprechend in extrem heißen und trockenen Jahren schwächeln und absterben, sind das sekundäre Emissionen – die müssen wir nämlich auch noch dazurechnen. Und dann kommt hinzu, haben wir Kahlflächen – das beobachten wir jetzt leider zunehmend auch in Deutschland – und die trocknen sehr stark aus und erwärmen sich sehr stark: zehn, 15, 20 Grad heißer am Tag, dann tun sich die Bäume plötzlich schwer, wieder aufzuwachsen. Und dann ist diese ganze theoretische Klimaneutralität im Eimer.“
Gefällte Baumstämme im polnischen Urwald Bialowieza
Die Abholzung im Naturschutzgebiet Bialowieza wurde nach Protestaktionen und einem Verfahren vor dem EuGH gestoppt. (picture alliance/ dpa/ Jan A. Nicolas)

Bodenkohlenstoff ausgeklammert

Genau das passiert wahrscheinlich gerade in dem einstmals so waldreichen Finnland. Nach stark gestiegener Abholzung können die Wälder die Emissionen der Landwirtschaft nicht mehr ausgleichen, hat das Instituts für natürliche Ressourcen in Helsinki errechnet. Auch der Amazonas-Wald, die sprichwörtliche „Grüne Lunge“ des Planeten, verwandelt sich gerade von einer Kohlenstoffsenke in eine Kohlenstoffquelle, berichtet Ibisch. In immer mehr Waldgebieten, deren Speicherfunktion in den offiziellen Treibhausgas-Berechnungen als feste Größe einplant sind, setzen sterbende Bäume mehr CO2 frei als sie binden.

„Der andere Teil der Rechnung, der häufig großzügig ausgeklammert wird, der betrifft den Boden. Dass in den meisten Wäldern der Erde mehr als 50 Prozent des Kohlenstoffs in den Böden gespeichert wird und gar nicht in der oberirdischen Biomasse. Das heißt, wenn in Wälder eingegriffen wird, wenn dort Bäume genutzt werden – je nachdem, wie das gemacht wird –, kommt es auch zur Freisetzung von Bodenkohlenstoff.“

März 2016: Menschen in Polen demonstrieren gegen Rodungen im Nationalpark Białowieża – in dem berühmten letzten Urwald Europas, der sich im Grenzgebiet von Polen und Belarus erstreckt. Białowieża – ebenso wie der Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen oder der Gezi-Park in Istanbul – ist zum Symbolort einer Bürgerbewegung geworden, die sich für den Schutz der Bäume einsetzt. Der Proteststurm, der sich in Polen erhob, als die Regierung nach Borkenkäferbefall mit Abholzungen begann, fand Unterstützung in vielen EU-Ländern – und brachte die polnische Forstpolitik schließlich vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.

Das Urteil fiel am 17. April 2018: „rechtswidrig“. Seitdem ist von großflächigen Rodungen der „Białowieża“ nichts mehr bekannt geworden. Woanders aber gehen die Abholzungen weiter – auch dort, wo die Waldgebiete noch eine Urwüchsigkeit haben, von denen andere EU-Staaten nur träumen können.

Zwergeulen-Fund rettet Bäume

Piotr Klub ist bester Laune. Der bärtige Naturschützer kurvt mit seinem altersschwachen Kombi durch das sattgrüne Vorland der Karpaten. In einem Waldstück hatte er gerade eine wunderbare Begegnung: eine Zwergeule in ihrem Nest – eine seltene und geschützte Art. Das will er der Umweltbehörde berichten.

„Es ist ein tolles Gefühl, in einem Astloch in diese winzigen Augen zu blicken. Die Zwergeule hat ein Gesicht, das aussieht, als sei sie wütend. Das ist sehr süß! Dabei ist diese Eule ein gefährlicher Raubvogel.“

Piotr Klub beobachtet den Vogel-Bestand im Auftrag der Stiftung Naturerbe. Und die kämpft dafür, die naturnahen Bergwälder des Przemysl-Gebirges in einen Nationalpark zu verwandeln. Eigentlich haben die Behörden ihr Einverständnis längst erteilt. Doch die finanziellen Mittel fehlen, und auch die Zustimmung der lokalen Bevölkerung ist ungewiss. Bis auf Weiteres geht die Holzernte also weiter – und den Waldnaturschützern bleibt nichts übrig als jeden Baum einzeln vor dem Abholzen zu bewahren – zum Beispiel, indem sie darauf eine bedrohte Art finden.

„Wo wir Zwergeulen-Nest finden, da können wir Schutzzonen rund um die Nester errichten. Und die Eule, die ich gerade entdeckt habe, nistet in einem besonders schönen Ort – dort ist der Wald noch artenreich und naturnah. Wenn wir diese Eule schützen, dann schützen wir auch den Wald.“

Totholz wichtig für Artenvielfalt

„Die geplante breitere Verwendung von Holz aus polnischen Wäldern als Brennstoff in Kraftwerken ist aus Sicht des heutigen Wissens über Naturschutz und Forstbiologie äußerst schädlich. Die Mehrheit der polnischen Wälder ähnelt bereits Holzplantagen und weist keine wichtigen Waldarten auf.“ Ein Zitat aus einem Protestbrief, der am 27. Juli 2020 an das Warschauer Umweltministerium und an den Senat ging – kurz nachdem die polnische Regierung den Neuentwurf ihres Erneuerbare-Energien-Gesetzes veröffentlicht hatte. Unterschrieben war er von 66 polnischen Wissenschaftlern.

An der Agraruniversität Krakau lehrt Jerzy Szwagrczyk, Professor für Forstbiodiversität. Auch er hat den Protestbrief unterschrieben: „Jahrzehnte lang haben wir alles Totholz aus dem Wald herausgeholt. Das ist ja der Zweck des sogenannten ‚Reinigungshiebs‘: Nur lebendige Bäume sind im Wald erlaubt! Erst seit kurzem wird hierzulande auf niedrigem Niveau erprobt, Totholz im Wald zu belassen. Doch damit ist es wieder vorbei, sobald die Wälder in großem Umfang als Lieferant für Energierohstoff dienen sollen – im Sinne der traditionellen Forstwirtschaft entsteht ja kein Schaden. Dabei ist Totholz für die Artenvielfalt immens wichtig. Darauf aufmerksam zu machen, war ein Hauptanliegen des Protestbriefes.“

Holz ist zu wertvoll, um es zu verbrennen: Für die Menschen in Polen ist das eine tiefe Überzeugung, berichtet Szwagrczyk, denn das Land hat eine lange Tradition in der Möbelherstellung. Doch auch hier sind Holzpellets längst ein wichtiger Energieträger geworden. Denn die Mengen an Schadholz waren groß in den vergangenen Jahren: Im Westen des Landes, wo es viel Nadelwald-Monokultur gibt, wüteten die Dürre-Sommer, im gebirgigen Osten die Borkenkäfer. Weil der Biomasse-Einsatz zudem subventioniert wird, begannen viele Betreiber von Kohlekraftwerken, ihre Anlagen auf Holz umzurüsten.

„Dann kam das Jahr 2020. Damals lag der Markt auch wegen der Covid-Pandemie danieder. Obwohl die Preise im Keller waren, fand das Holz, das als Bauwerkstoff oder Papierrohstoff gerodet worden war, keine Abnehmer. Also wurde es als Energierohstoff verkauft. Und unsere Regierung erweiterte die Definition für „Energieholz“ im polnischen Erneuerbare-Energien-Gesetz: Früher durfte nur niedrigste Qualität wie Sägespäne als Energieholz verwendet werden. Jetzt ist das auch mit unverkauftem Holz möglich, das ursprünglich als Qualitätsholz gerodet worden ist.“

Qualitätsholz als "Energieholz" verheizen?

Viel bewirkt hat der Protestbrief der Wissenschaftler damals nicht: Das Gesetz trat in Kraft, seitdem sind in Polen mehr Holzarten als früher zur Energieerzeugung freigegeben. Immerhin: Viele Befürchtungen von damals, sagt Jerzy Szwagrczyk, seien bislang nicht wahr geworden. Der Marktpreis für Holz sei so hoch wie nie zuvor, und der Bedarf der polnischen Möbelbetriebe groß. Zum Verheizen von Qualitätsholz gebe es bei solchen Rahmenbedingungen schlicht keinen Grund.

Doch wie wird Polen künftig seinen Energiebedarf decken? Wie wird es die von Brüssel vorgegebene Quote an Erneuerbaren Energien erfüllen? „Bis vor ein paar Jahren waren wir nicht besonders gut darin, Energie aus Wind und Sonne zu produzieren. Darum haben wir begonnen, in unseren Kohlekraftwerken auch Holzbiomasse zu verbrennen. Aber inzwischen sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert worden. Der Markt für Solarpaneele ist regelrecht explodiert. Und an der Ostseeküste werden große Windparks gebaut.“

Andere sind mehr beunruhigt. „Der Wald verschwindet vor den Augen, die Holzpreise spielen verrückt. Was geschieht nur mit all dem Holz?“, fragte im Mai eine polnische Internetzeitung. Das kann nicht einmal der Datenanalyst Augustyn Mikos beantworten. Auch er wohnt in Krakau, Zuflucht vor dem Großstadtlärm sucht er in den Parks der Stadt. Mikos ahnt: Was immer in den polnischen Wäldern vor sich geht: dem Erhalt der Artenvielfalt dient es nicht.

„Daten über die Auswirkung der Forstwirtschaft auf Biodiversität und Umwelt liegen in Polen nur sporadisch vor. Ein systematisches Monitoring gibt es nur für Schutzgebiete wie ‚Natura 2000‘. Und dort ist der Zustand entweder nicht zufriedenstellend oder er verschlechtert sich gerade. Nur etwa 20 Prozent der polnischen Waldgebiete sind derzeit in einem guten Zustand. Sicher ist: Die größte Bedrohung für die Waldhabitate ist die Forstwirtschaft.“
Demonstranten halten Schilder und Plakate gegen Abholzung im Urwald von Bialowieza, Demonstration bei der Konferenz des UNESCO World Heritage Committee (04.07.2017, Krakau)
Die Proteste von Aktivisten im Jahr 2017 waren erfolgreich, aber die Sorge um die Wälder in Polen bleibt. (imago/Eastnews)

Werden die Bäume verlässlich nachwachsen?

Augustyn Mikos stammt aus der Szene junger Wald-Aktivisten, die sich im Jahr 2017 den Harvestern im Białowieża-Nationalpark entgegenstellten. Seine Umweltorganisation „Workshop für alle lebenden Wesen“ hat mit viel Aufwand Daten zusammengetragen, die ihm von offizieller Seite fehlen. Anfang des Jahres wurde der Bericht über die Auswirkungen der Erneuerbare-Energien-Politik in Polens Wäldern herausgegeben. Die Gesamtmenge an Holz-Biomasse sei zwischen 2005 und 2020 um das 140-fache angestiegen, ist dort zu lesen: von gerade mal 35.000 Kubikmeter auf fast 5 Millionen. Kraftwerke würden jeden Tag das Äquivalent von mehreren Hektar Wald verbrennen.

„Und das ist sehr gefährlich. Denn es gibt ja nicht einmal verlässliche Angaben darüber, wieviel Biomasse in Kraftwerken und Wohnhäusern verbraucht wird. Klar ist nur: Da geht es um viel Holz, ohne dass es von Seiten der Regierung eine wirksame Überwachung gibt.“

Klimawandel, Raubbau, illegaler Holzeinschlag stellen in Frage, was bislang als sicher galt: Werden die Bäume in Zukunft überhaupt verlässlich nachwachsen? Waldnaturschützer hoffen auf eine neue Biomasse-Politik, die den Weg für eine echte Verminderung von Treibhausgasen weist. Und die nicht einen Rohstoff als „erneuerbar“ etikettiert, der möglicherweise gar nicht mehr „erneuerbar“ ist.

In Polen sieht Augustyn Mikos die Befürchtungen bereits bestätigt: Der wichtigste Nachfragetreiber für die Ressource Holz ist ausgerechnet die Klimaschutzpolitik der EU: „Die Nutzung von fester Biomasse soll bis zum Jahr 2030 um weitere 50 Prozent angehoben werden, sagt Polens nationaler Energie- und Klimaplan. Es gibt jetzt schon so viele Heizkraftwerke in so vielen polnischen Stadtbezirken und dank der EU-Fördergelder stellen immer mehr von Kohle auf Biomasse um. Doch diese Biomasse wird irgendwo herkommen müssen.“