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StartseiteTag für Tag"Es ist Sünde, es sind Dämonen"13.09.2018

Homosexualität "Es ist Sünde, es sind Dämonen"

In Bremen wollen Grüne und SPD "Konversionstherapien" für Homosexuelle verbieten lassen. Bastian Melcher kann von einer solchen Behandlung erzählen: Er wuchs in einer evangelikalen Familie auf und merkte als Jugendlicher, dass er schwul ist. Der Pastor riet ihm dazu, sich "heilen" zu lassen.

Von Felicitas Boeselager

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(Bastian Melcher)
Bastian Melcher sollte per "Konversionstherapie" von seiner Homosexualität "geheilt" werden. (Bastian Melcher)
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"Also ich bin so aufgewachsen, dass Gott auf jeden Fall ein guter Gott ist, dass er ein liebender Gott ist, ein fürsorglicher Gott und dass die, ja Sünde, also da gibt’s die zehn Gebote, dass man die natürlich befolgen soll, aber das Gott einem eben auch als verzeihen kann und dass Gott allmächtig ist und er kann Krankheiten heilen und er kann tatsächlich auch Menschen verändern und das habe ich auf jeden Fall auch geglaubt, dass er eben homosexuelle Gefühle verändern kann."

Erzählt Bastian Melcher. Er ist 29 Jahre alt und lebt inzwischen offen homosexuell. Melcher wächst in einer sehr gläubigen Familie auf. Seine Eltern sind Teil einer Freikirche, die zu seinem Lebensmittelpunkt wird. Mit vierzehn merkt er, dass er sich mehr für Jungen als für Mädchen interessiert.  Homosexualität, so hat er es gelernt, ist eine Sünde, die Bibel verdammt sie.

"Da hatte ich den unglaublichen Drang dazu mit jemandem darüber zu sprechen, weil ich einfach gemerkt habe, mit dem Glauben und schwul sein, das könnte schwierig werden und da brauche ich mal eine fachliche Meinung zu."

Der Arzt als Prediger

Melcher wendet sich an einen Jugendpastor, der ihm, so erzählt er, in unzähligen Gesprächen wirklich versucht habe zu helfen. Am Ende habe ihn das Thema aber überfordert. Als er sieht wie sehr Melcher leidet, weil er glaubt, dass er so wie er ist, nicht sein darf, empfiehlt der Pastor ihm Seminare zu besuchen, die seine homosexuelle Orientierung ändern sollten:

"Zuerst haben wir immer viel gesungen und dann gab’s eine große Predigt und danach sind wir in Kleingruppen gegangen, 6-8 Leute waren das und das war dann ähnlich wie so eine Selbsthilfegruppe, dass jeder mal sprechen konnte, man musste aber auch nicht und dann wurde für einen gebetet und man hat halt einfach sich gegenseitig unterstützt."

Ein halbes Jahr besucht Melcher dieses Seminar, aber es ändert sich nichts. Deshalb beginnt er eine Therapie, geht zwei Jahre lang zwei Mal im Monat zu einem Psychotherapeuten – und bleibt homosexuell. Er sucht weiter, besucht Gottesdienste in ganz Deutschland:

"Da waren verschiedene Prediger bei, die auch alle unterschiedliche Auslegungen hatten, wo das herkam, dass es eben Sünde ist, oder eben durch Dämonen. Da haben dann auch einige versucht die Dämonen auszutreiben, haben aber auch gesagt, ouh, da müssen wir aber nochmal stärker bei, das ist schon ganz schön heftig."

Einer dieser Prediger ist Arzt. Melcher besucht ihn in seiner Praxis, er betet über Melcher und sagt er sehe Rauch aus seinem Rücken aufsteigen, das seien die Dämonen, die ihn verließen. Aber ein großer Dämon sei noch da und den würde er nun mit einer Helferin vertreiben wollen.

"Lass mal deine Taten"

"Auch das habe ich nicht festgestellt und dass sich da irgendwas verändert hat, sie haben mir gesagt, dass sie gesehen haben, wie ein schwarzer Stachel aus meinem Rücken kam, der dann zu Boden gefallen ist und halt so in der unsichtbaren Welt weggekrochen ist und zu dem Zeitpunkt habe ich aber auch an sowas geglaubt."

Denn die Existenz von Dämonen und Geistern gehörte zu seinem Glauben dazu. Das ist Melchers letzte Sitzung bei diesem Arzt und auch der letzte Versuch sich ändern zu lassen. Nach insgesamt acht Jahren Seminaren, Therapien und Heilungsgebeten merkt er, dass das alles ihn noch unglücklicher macht:

"Du als Mensch bist akzeptiert, aber Deine Taten nicht und das sag mal jemandem der Homosexuelle Gefühle hat, lass Mal Deine Taten. Das ist der Punkt, der mich wahnsinnig gemacht hat, der mich zur Verzweiflung getrieben hat und durch die Therapien ist das nur schlimmer geworden, weil mir immer wieder Hoffnung gegeben wurde, Gott wird das verändern, Du musst genug Hoffnung haben, Du musst viel beten und wenns dann nicht geklappt hat, war ich immer Schuld. Gott ist derjenige, der möchte, aber wahrscheinlich hast Du Dich noch nicht genug geöffnet und dadurch, dass Du wieder mit einem Mann zwischendurch geschlafen hast, zeigst Du Deine Bereitschaft dafür ja gar nicht und somit war die Schuld ja immer bei mir und das mach einen ganz schön wahnsinnig und zwar so weit, dass man irgendwann denkt, ich schaff das nicht mehr und möchte mein Leben beenden."

Solche Seminare und Therapien will die Bremer Grünen und SPD-Fraktion bundesweit verbieten lassen und haben einen Antrag im Bundesrat eingereicht. SPD Fraktionsvorsitzender Björn Tschöpe erklärt warum:

Homosexualität ist keine Krankheit

"Das Problem an Konversionstherapien ist, Therapien brauche ich dann, wenn jemand krank ist, Homosexualität ist keine Krankheit."

Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen. Der Weltärzteverband hat Konversionstherapien 2013 eine "Verletzung der Menschenrechte" genannt. Melcher betont immer wieder, dass er alles freiwillig gemacht habe. Trotzdem setzt er sich für ein Verbot der Konversionstherapien ein, er stellt in Frage, wie freiwillig er in seinem Umfeld überhaupt agieren konnte. Auch für Tschöpe ist das Argument, dass niemand zu solchen Therapien gezwungen wird, nicht überzeugend, er sagt es sei eine Frage der Abwägung:

"Ich bin ein Freund davon, dass normaler Weise jeder das machen kann, was er will, wenn damit keine Gefahr verbunden ist, bei diesen Konversionstherapien sind aber die Gefahren deutlich da, vor allem eben grade bei jungen Männern und jungen Frauen, gerade in der Coming-Out-Phase, die eben noch nicht 18 sind, deswegen muss aus meiner Sicht, einfach aus Jugendschutzgründen der Kram schon unterbunden werden."

Melcher wendet sich nach seinem letzten Besuch bei dem Arzt von der Freikirche ab, viele alte Freunde brechen mit ihm. Wieder geht er jahrelang zum Psychotherapeuten, diesmal um die Schäden der alten Therapien zu überwinden.

"Jetzt heut im Nachhinein würde ich es überhaupt nicht mehr versuchen diese Gefühle zu verändern, da hätte ich mir vielleicht einfach gewünscht, dass man in christlichen Kreisen einfach einen hat, der einen durch diese Zeit begleitet und zwar nicht auf Veränderung ab, sondern, wie kann ich damit leben, wie funktioniert das in der Gesellschaft, in der Kirche, sodass man ein normales hetero-sexuelles, oder homosexuelles Leben aufbauen kann."

Gleichzeitig sagt er, dass er niemandem aus der Zeit böse sei, er glaubt, dass sie ihm wirklich haben helfen wollen, es aber nicht besser wussten, oder nicht besser wissen wollten.

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