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Humboldt ForumBerufen ohne gefragt zu werden

Kommunikations-Wirren in Berlin: Kulturstaatsministerin Monika Grütters verordnet dem Humboldtforum eine neue Beraterin - und zwar die längst nach Paris abgewanderte Bénédicte Savoy. Die weiß nichts von ihrer Berufung. Und ist ohnehin mit der Durchsetzung von Emmanuel Macrons Kulturpolitik beschäftigt.

Von Jochen Stöckmann | 27.04.2018

Das Humboldt Forum in Berlin, das ab 2019 schrittweise eröffnet werden soll, rechts im Hintergrund der Berliner Dom
Das Humboldt Forum in Berlin, das ab 2019 schrittweise eröffnet werden soll (dpa-Zentralbild)
Merkel oder Macron, wer ist Sonnenkönig in Europa? Dieses Gesellschaftsspielchen bereichert Monika Grütters, die Hof-, pardon: Staatsministerin für Kultur, jetzt um ein "Berater-wechsel-Dich". Denn Berlin und seinem Prunkprojekt Humboldtforum war kürzlich Bénédicte Savoy abhandengekommen. Mit der Kunsthistorikerin verließ eine Provenienzforscherin allererster Güte den Expertenbeirat – und trat in die Dienste von Emmanuel, genannt "Jupiter" Macron. "Aber zum Glück berät Bénédicte Savoy auch mich und nicht nur den französischen Präsidenten", lässt Grütters jetzt verlauten. Und was das zu bedeuten hat, interpretiert die ZEIT im Stil eines Bulletins: Aus dem "Umfeld der Kulturstaatsministerin" habe man erfahren, dass Savoy dort als "engste Vertraute in Sachen Restitution" gelte und eine "zentrale Stelle" in dem von ihr so scharf kritisierten Humboldtforum übernehmen werde.
Sie sei nie gefragt worden, erklärt Bénédicte Savoy
Soweit der Hofklatsch. An dem auf deutscher Seite wenig dran ist: Sie sei nie gefragt worden, erklärt Bénédicte Savoy. Die derzeit ohnehin genug zu tun hat, in Paris. Auch dort liebt man große Worte, aber es folgen Taten. Macron hat die Kunsthistorikerin mit der Vorbereitung der Rückgabe afrikanischen Kulturgutes beauftragt, Termin für die Abgabe eines umfassenden Lageberichts ist der November 2018. In Afrika wird recherchiert, französische Juristen haben rechtliche Hindernisse aufgelistet. Doch bei soviel politischem Willen, so erklärte Savoy in "Le Monde", "werden die Gesetze schnell geändert".
Genau darum geht es: um Klärung der Kompetenzen, um den Aufbau kultureller Infrastruktur. Wenn aber das Humboldtforum als "Museum der Weltkulturen" Fragen des Kolonialismus und der Restitution behandeln soll, dann erweist sich die kolossale Schlossattrappe als Gordischer Knoten. Und den wollte Monika Grütters schnell mal lösen, nicht mit einem kühnen Hieb, sondern mit einem ihrer Kommunikationsstreiche.
Freier Eintritt ist nicht gleich ein "Paradigmenwechsel"
Sie kritisiert zwar im gemeinsamen Interview Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Aber grundlegende Strukturprobleme, die Webfehler dieser überdimensionierten Kulturinstitution reflektiert die Ministerin nicht: Die Belebung des verödeten Kulturforums durch freien Eintritt für Museen erklärt sie zum "Paradigmenwechsel" – statt zu verraten, woher der Bund und Berlin das dafür nötige Geld nehmen. Andererseits soll sich die Investition des Bundes von jährlich 130 Millionen für die Preußenstiftung in entsprechenden "Besucherzahlen" niederschlagen. Ein jämmerliches Quotendenken, das bei Grütters im fürchterlichen Wort der "Gesamtvermarktung" gipfelt: So endet kulturelle Vielfalt, der Facettenreichtum von Preußenstiftung und Staatlichen Museen.
Das Humboldt Forum - ein manövrierunfähiger Riesentanker
Gewiss, es gibt auch strukturelle Schieflagen auf diesem fast schon manövrierunfähigen Riesentanker: die weitgehende Selbständigkeit einzelner Museumsdirektoren etwa. Dieser Kompetenzwirrwarr ließ bereits Neil McGregor resignieren. Mit dem klingenden Titel eines Gründungsintendanten ausgestattet, hatte der britische Museumsstar nur wenig Befugnisse – und war von Grütters aus dem Hut gezaubert worden. Wie jetzt auch die plötzliche "Rückgewinnung" von Bénédicte Savoy ein Überraschungscoup.
Das erste Mal eine Tragödie, nun eine Farce. Die aber immerhin einen gewissen Informationswert hat. Denn der angeblich für die deutsch-französische Kunsthistorikerin vorgesehene Posten einer "Beraterin" beim Ausbau der "Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik" geht auf einen entsprechenden Passus in den Koalitionsvereinbarungen zurück. Und dessen Realisierung hat eine neue Staatsministerin im Auswärtigen Amt übernommen: Michelle Müntefering von der SPD. Mit der könnte Monika Grütters (CDU) sich ja auch mal zum Interview zusammensetzen – um die Kompetenzen zu klären.