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Hummeln adé?

Biologie.- Sie sind dick, robust und ihnen macht eine frische Brise wenig aus. Deshalb sind Hummeln in den ersten Frühlingstagen die wichtigsten Bestäuber der Pflanzen. Allerdings sind manche Hummelarten in Europa auf dem Rückzug. Dieser Trend hat nun auch die USA erreicht.

Von Volkart Wildermuth | 04.01.2011

    Eine Hummel besucht eine Blüte. In Europa und den USA nach wie vor ein häufiges Geräusch. Aber Hummel ist nicht gleich Hummel. In Europa ziehen sich seit den 50ern sehr spezialisierte Arten zurück und werden von Hummel-Generalisten ersetzt. In den Vereinigten Staaten dagegen blieb das Hummel-Gefüge stabil – bis vor einigen Jahren Blaubeerfarmer über einen Rückgang der Brummer auf ihren Feldern berichteten. Es ist schwer, aus solchen Einzelbeobachtungen klare Schlüsse zu ziehen. Deshalb hat Sydney Cameron, Professorin für Insektenkunde an der Universität von Illinois, eine Studie in zwei Teilen gestartet. Teil eins war eine Reise in die Vergangenheit, zu Hummeln in Museumssammlungen in den ganzen USA.

    "Ohne diese Sammlungen, mit ihren Hunderttausenden von aufgespießten Insekten, jedes mit genauen Angaben zur Fundzeit und Fundort, wäre unsere Studie nicht möglich gewesen."

    Sydney Cameron und ihre Kollegen haben über 75.000 Museums-Hummeln noch einmal nachuntersucht und konnten so die Verbreitung von 8 der rund 50 amerikanischen Hummelarten über die letzten 100 Jahre nachzeichnen. Dann folgte der Studie zweiter Teil. Die Insektenkundler schwärmten aus und besuchten die historischen Fundorte noch einmal. Jeweils sechs Forscher schwangen ihre Netze auf genau abgesteckten Flächen und sammelten für eine halbe Stunde Hummeln ein. Die wurden auf Eis gelagert, bestimmt und fast alle wieder freigelassen. Anschließend wurden die 16.000 aktuellen Hummel-Sichtungen mit den historischen Daten verglichen. Ergebnis:

    "Nicht alle Hummeln in den USA gehen zurück. Bei vier der acht untersuchten Arten gab es Hinweise auf Probleme und das konnten wir bestätigen. Aber den vier anderen Arten geht es gut."

    Die vier gefährdeten Arten haben tatsächlich ein Problem. Zum einen ist ihr Verbreitungsgebiet seit den 90er-Jahren deutlich geschrumpft. Eine Art hat sich auf gut ein Zehntel ihres ursprünglichen Lebensraums zurückgezogen. Zum anderen finden sich selbst auf den Restflächen nur noch wenige Vertreter dieser Hummelarten. Sydney Cameron wollte wissen, was die angeschlagenen von den stabilen Hummelarten unterscheidet. Im Darm der gefährdeten Arten fand sich viel häufiger ein Pilz namens Nosema bombi.

    "In den USA vollzieht sich der Rückgang dieser Hummelarten sehr schnell. In Europa findet das schon seit den 60ern statt, bei uns erst in den letzten 15 Jahren. Ein Krankheitserreger, der in die USA eingeführt wurde oder der sich im Land plötzlich verändert hat, passt zu diesem Muster des schnellen Rückgangs."

    In Europa dagegen sind wohl eher langfristige Veränderungen im Lebensraum der Hummeln für die Probleme mancher Arten verantwortlich. Über die Auswirkungen des Rückgangs einiger Hummelarten kann Sydney Cameron vorerst nur spekulieren.

    "Hummeln sind für ganze Pflanzengruppen von großer Bedeutung, für Tomaten, Paprika und Auberginen, und für die Familie der Blaubeeren und Cranberries. Die brauchen den tiefen Brummton der Hummeln, damit sich ihre Pollen von der Blüte lösen. Ich sagen nicht, dass die Welt zugrunde geht, wenn einige Hummelarten verschwinden. Aber sie sind ein entscheidender Teil im Netzwerk der Bestäubung ganzer Pflanzengruppen."

    Kommerzielle Blaubeerfarmer holen sich inzwischen Bienenvölker auf die Felder, die durch ihre schiere Zahl den Rückgang der effektiven Bestäuber, der brummelnden Hummeln ausgleichen.