Wo sie ein mumifiziertes und marodes System alter Männer sieht, Armut und Zwang, beschwören Castros Anhänger unbeirrt die glorreiche Revolution und die solidarische Gesellschaft. Ausführlich Raum zur Selbstinszenierung hat der spanische Journalist Ignacio Ramonet auch Fidel Castro selbst noch einmal geboten. In Gestalt eines dicken Interviewbandes, der jetzt auf deutsch erschienen ist.
Alles beginnt auf der Internationalen Buchmesse von Havanna im Februar 2002. Dort laufen sie sich über den Weg, dort kommen sie ins Gespräch: Fidel Castro und der spanische Journalist Ignacio Ramonet, Mitbegründer von ATTAC, einer der Organisatoren des Weltsozialforums, und Chefredakteur der französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique.
"Ich kam gerade vom Weltsozialforum in Porto Alegre. Ich war einer der Initiatoren des Forums. Fidel zeigte sich sehr interessiert an dieser Bewegung. Bevor ich die Bitte um ein Gespräch äußern konnte, fragte er mich erst einmal aus. Er wollte alles wissen über das Weltsozialforum."
Kubas Staats- und Parteichef zeigt sich sehr angetan von den Aktivitäten Ramonets und seiner Mitstreiter:
Es ist eine neue Generation von Rebellen geboren, und viele von ihnen sind Nordamerikaner. Sie nutzen neue Formen, andere Methoden des Protestes. Und sie machen die Herren der Welt zittern. Ideen sind wichtiger als Waffen. Um die Globalisierung zu bekämpfen, muss man alle Argumente nutzen – mit Ausnahme der Gewalt.
Ignacio Ramonet nutzt die Begegnung auf der Buchmesse, um Castro die Idee nahezubringen, sein Leben im Gespräch Revue passieren zu lassen – sozusagen "erzählte Memoiren" zu veröffentlichen.
Es würde eine Art 'zweistimmiger Biografie' werden, ein politisches Vermächtnis, eine in Form eines Gespräches von ihm selbst im Alter von achtzig Jahren gezogene Bilanz seines Lebens – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba im Juli 1953, wo in gewissem Sinne sein öffentliches Heldenepos begann.
Kubas Máximo Lider lässt sich fast ein Jahr Zeit, ehe er Zustimmung signalisiert. Der "Marathonlauf" kann beginnen: 80 Jahre Fidel Castro in 100 Stunden.
"Cien horas con Fidel" – "Hundert Stunden mit Fidel"
so denn auch der Titel der kubanischen Originalausgabe. Ramonet und Castro reden über Gott und die Welt, über die Errungenschaften und die Defizite der kubanischen Revolution, über die US-Invasion in der Schweinebucht und die Kuba-Krise 1962, über die kubanischen Feldzüge in Afrika und "das Verbrechen vom 11. September", das Kuba, ohne zu zögern, verurteilt habe, wie Castro betont. Doch gebe es neben dem Terrorismus in der Welt von heute eine Menge anderer ernsthafter Probleme.
Alledem müsste man die hegemonialen Bestrebungen der weltweit einzigen Supermacht hinzufügen, die den Besitz des ganzen Planeten anstrebt und arrogante Herrschaftspolitik betreibt.
Sollten die USA erneut Kuba angreifen, so Castro, dann gäbe es einen "schrecklichen Krieg".
Jeder Mann und jede Frau in Kuba würden eher in den Tod gehen, als unter dem Stiefel der Vereinigten Staaten zu leben.
Es mangelt nicht an markigen Worten - und - an Selbstkritik. Man müsse den Mut haben, die eigenen Fehler zu erkennen. Castro zu Ramonet:
In Havanna haben viele gelernt, wie die Verrückten zu stehlen. Wenn ich Ihnen die Geschichte aller Tankstellen in Havanna erzähle, dann würden Sie staunen; es gibt mehr als doppelt so viele, als es geben sollte, reines Chaos.
Es gab viele einfache Leute, die ihr Haus geschenkt bekamen und es später den Neureichen verkauften. Sieht so Sozialismus aus?
Es gibt hier – wir müssen es gestehen – einige Zehntausend Parasiten, die nichts produzieren und sich dennoch bereichern, zum Beispiel indem sie Benzin kaufen und stehlen.
Menschen als Parasiten? Ramonet hakt nicht nach, kommentiert nicht, sondern stellt Fragen. Und Fidel Castro nimmt kein Blatt vor den Mund, nennt die Schwachstellen des kubanischen Sozialismus beim Namen. Doch das sozialistische System steht für ihn nicht zur Disposition. Die westliche Konsumgesellschaft sei "eine der finstersten Erfindungen des entwickelten Kapitalismus und heute der neoliberalen Globalisierung".
Will man Castro Glauben schenken, so ist er ein armer Mann in einem armen Land – mit einem gebildeten und selbstbewussten Volk. Er verdiene umgerechnet 30 Dollar im Monat, aber er verhungere nicht, verrät er Ramonet. Kann man Castro Glauben schenken?
"Fidel Castros Lebensweise ist ausgesprochen asketisch. Er verhält sich sehr diszipliniert. Er lebt praktisch heute noch wie ein Guerillero – außerordentlich bescheiden, mit minimalen Bedürfnissen. Er verzichtet auf jede Art von Luxus. Was seinen Lebensstil betrifft, so ist Fidel Castro zweifellos ein einzigartiger Mensch."
Er habe "unnachgiebig jede Form von Personenkult oder Vergötterung bekämpft," behauptet Castro. Ramonet transportiert die Botschaft – stellt sie aber nicht in Frage. Man mag das kritisieren, man kann Ignacio Ramonet jedoch nicht vorwerfen, die Schattenseiten des kubanischen Sozialismus auszublenden. Klipp und klar konstatiert er:
Kein Demokrat kann die Existenz von politischen Gefangenen oder die Aufrechterhaltung der Todesstrafe akzeptieren.
Auf das Thema Todesstrafe angesprochen, antwortet Castro ausweichend: Gesetzlich habe man die Todesstrafe nicht abgeschafft. De facto wäre sie jedoch seit April 2000 nicht mehr vollstreckt worden. Auch die zum Tode verurteilten Terroristen, die Bomben in Hotels gelegt hatten, seien nicht hingerichtet worden. Demgegenüber würden in Europa Personen aus politischen Gründen "außergerichtlich hingerichtet", zum Beispiel Mitglieder der ETA in Spanien. Fidel Castro gibt zu Protokoll:
Wir garantieren, dass es in Kuba niemals eine außergerichtliche Tötung geben wird und auch keine Folter.
Ignacio Ramonet unterstreicht, dass Fidel Castro es in dem 100-Stunden-Dialog zu keinem Zeitpunkt abgelehnt habe, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Auch das Thema "Dissidenten" wird ausgiebig erörtert.
"Fidel weiß sehr wohl, dass es eine Opposition gibt, die nicht einverstanden ist mit dem System, mit der Regierung. Das sei legitim, das sei ein gesetzlich verbrieftes Recht. Und er fügt hinzu, dass jeder Häftling das Recht hätte, sich um seine Freilassung zu bemühen. Aber er betont auch, dass es in Kuba Gesetze gäbe. Und wer diese Gesetze verletze, der würde – wie überall in der Welt – zur Verantwortung gezogen."
Aus der Sicht von Ignacio Ramonet ist Kuba eine "Volksdemokratie" und Fidel Castro kein Diktator, sondern ein Träumer:
Der Fall der Berliner Mauer, das Verschwinden der Sowjetunion und das historische Scheitern des autoritären Staatssozialismus scheinen den Traum Fidel Castros nicht beeinträchtigt zu haben, in seinem Land eine neue, gerechtere Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, die gesünder lebt und besser gebildet ist, ohne Privatisierungen und Diskriminierungen, mit einer integralen, globalen Kultur.
Keine Frage, der Mann, der sich auf den Marathonlauf mit Fidel Castro eingelassen hat, ist bekennender Fidelista. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es Ignacio Ramonet gelungen, Gespräche mit dem Máximo Lider zu führen, die zuweilen langatmig, aber nie langweilig sind. Man erfährt ungemein viel über Castro und Castros Kuba – aus erster Hand bzw. aus erstem Mund, das so detailliert nirgendwo anders zu finden ist. Ramonets monumentales Fidel-Opus ist ein "Steinbruch für Historiker" – wie es die "Süddeutsche Zeitung" formuliert, es ist ein Meilenstein der Kuba-Literatur und – selbstverständlich – Stein des Anstoßes für jene, die Kuba aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Darüber ist sich der Autor im klaren.
"Man kann kein Buch über Fidel Castro mit Fidel Castro schreiben, ohne ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten."
Ignacio Ramonet: Fidel Castro - Mein Leben,
Rotbuch Verlag, 782 Seiten, Euro 29,90.
Alles beginnt auf der Internationalen Buchmesse von Havanna im Februar 2002. Dort laufen sie sich über den Weg, dort kommen sie ins Gespräch: Fidel Castro und der spanische Journalist Ignacio Ramonet, Mitbegründer von ATTAC, einer der Organisatoren des Weltsozialforums, und Chefredakteur der französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique.
"Ich kam gerade vom Weltsozialforum in Porto Alegre. Ich war einer der Initiatoren des Forums. Fidel zeigte sich sehr interessiert an dieser Bewegung. Bevor ich die Bitte um ein Gespräch äußern konnte, fragte er mich erst einmal aus. Er wollte alles wissen über das Weltsozialforum."
Kubas Staats- und Parteichef zeigt sich sehr angetan von den Aktivitäten Ramonets und seiner Mitstreiter:
Es ist eine neue Generation von Rebellen geboren, und viele von ihnen sind Nordamerikaner. Sie nutzen neue Formen, andere Methoden des Protestes. Und sie machen die Herren der Welt zittern. Ideen sind wichtiger als Waffen. Um die Globalisierung zu bekämpfen, muss man alle Argumente nutzen – mit Ausnahme der Gewalt.
Ignacio Ramonet nutzt die Begegnung auf der Buchmesse, um Castro die Idee nahezubringen, sein Leben im Gespräch Revue passieren zu lassen – sozusagen "erzählte Memoiren" zu veröffentlichen.
Es würde eine Art 'zweistimmiger Biografie' werden, ein politisches Vermächtnis, eine in Form eines Gespräches von ihm selbst im Alter von achtzig Jahren gezogene Bilanz seines Lebens – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba im Juli 1953, wo in gewissem Sinne sein öffentliches Heldenepos begann.
Kubas Máximo Lider lässt sich fast ein Jahr Zeit, ehe er Zustimmung signalisiert. Der "Marathonlauf" kann beginnen: 80 Jahre Fidel Castro in 100 Stunden.
"Cien horas con Fidel" – "Hundert Stunden mit Fidel"
so denn auch der Titel der kubanischen Originalausgabe. Ramonet und Castro reden über Gott und die Welt, über die Errungenschaften und die Defizite der kubanischen Revolution, über die US-Invasion in der Schweinebucht und die Kuba-Krise 1962, über die kubanischen Feldzüge in Afrika und "das Verbrechen vom 11. September", das Kuba, ohne zu zögern, verurteilt habe, wie Castro betont. Doch gebe es neben dem Terrorismus in der Welt von heute eine Menge anderer ernsthafter Probleme.
Alledem müsste man die hegemonialen Bestrebungen der weltweit einzigen Supermacht hinzufügen, die den Besitz des ganzen Planeten anstrebt und arrogante Herrschaftspolitik betreibt.
Sollten die USA erneut Kuba angreifen, so Castro, dann gäbe es einen "schrecklichen Krieg".
Jeder Mann und jede Frau in Kuba würden eher in den Tod gehen, als unter dem Stiefel der Vereinigten Staaten zu leben.
Es mangelt nicht an markigen Worten - und - an Selbstkritik. Man müsse den Mut haben, die eigenen Fehler zu erkennen. Castro zu Ramonet:
In Havanna haben viele gelernt, wie die Verrückten zu stehlen. Wenn ich Ihnen die Geschichte aller Tankstellen in Havanna erzähle, dann würden Sie staunen; es gibt mehr als doppelt so viele, als es geben sollte, reines Chaos.
Es gab viele einfache Leute, die ihr Haus geschenkt bekamen und es später den Neureichen verkauften. Sieht so Sozialismus aus?
Es gibt hier – wir müssen es gestehen – einige Zehntausend Parasiten, die nichts produzieren und sich dennoch bereichern, zum Beispiel indem sie Benzin kaufen und stehlen.
Menschen als Parasiten? Ramonet hakt nicht nach, kommentiert nicht, sondern stellt Fragen. Und Fidel Castro nimmt kein Blatt vor den Mund, nennt die Schwachstellen des kubanischen Sozialismus beim Namen. Doch das sozialistische System steht für ihn nicht zur Disposition. Die westliche Konsumgesellschaft sei "eine der finstersten Erfindungen des entwickelten Kapitalismus und heute der neoliberalen Globalisierung".
Will man Castro Glauben schenken, so ist er ein armer Mann in einem armen Land – mit einem gebildeten und selbstbewussten Volk. Er verdiene umgerechnet 30 Dollar im Monat, aber er verhungere nicht, verrät er Ramonet. Kann man Castro Glauben schenken?
"Fidel Castros Lebensweise ist ausgesprochen asketisch. Er verhält sich sehr diszipliniert. Er lebt praktisch heute noch wie ein Guerillero – außerordentlich bescheiden, mit minimalen Bedürfnissen. Er verzichtet auf jede Art von Luxus. Was seinen Lebensstil betrifft, so ist Fidel Castro zweifellos ein einzigartiger Mensch."
Er habe "unnachgiebig jede Form von Personenkult oder Vergötterung bekämpft," behauptet Castro. Ramonet transportiert die Botschaft – stellt sie aber nicht in Frage. Man mag das kritisieren, man kann Ignacio Ramonet jedoch nicht vorwerfen, die Schattenseiten des kubanischen Sozialismus auszublenden. Klipp und klar konstatiert er:
Kein Demokrat kann die Existenz von politischen Gefangenen oder die Aufrechterhaltung der Todesstrafe akzeptieren.
Auf das Thema Todesstrafe angesprochen, antwortet Castro ausweichend: Gesetzlich habe man die Todesstrafe nicht abgeschafft. De facto wäre sie jedoch seit April 2000 nicht mehr vollstreckt worden. Auch die zum Tode verurteilten Terroristen, die Bomben in Hotels gelegt hatten, seien nicht hingerichtet worden. Demgegenüber würden in Europa Personen aus politischen Gründen "außergerichtlich hingerichtet", zum Beispiel Mitglieder der ETA in Spanien. Fidel Castro gibt zu Protokoll:
Wir garantieren, dass es in Kuba niemals eine außergerichtliche Tötung geben wird und auch keine Folter.
Ignacio Ramonet unterstreicht, dass Fidel Castro es in dem 100-Stunden-Dialog zu keinem Zeitpunkt abgelehnt habe, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Auch das Thema "Dissidenten" wird ausgiebig erörtert.
"Fidel weiß sehr wohl, dass es eine Opposition gibt, die nicht einverstanden ist mit dem System, mit der Regierung. Das sei legitim, das sei ein gesetzlich verbrieftes Recht. Und er fügt hinzu, dass jeder Häftling das Recht hätte, sich um seine Freilassung zu bemühen. Aber er betont auch, dass es in Kuba Gesetze gäbe. Und wer diese Gesetze verletze, der würde – wie überall in der Welt – zur Verantwortung gezogen."
Aus der Sicht von Ignacio Ramonet ist Kuba eine "Volksdemokratie" und Fidel Castro kein Diktator, sondern ein Träumer:
Der Fall der Berliner Mauer, das Verschwinden der Sowjetunion und das historische Scheitern des autoritären Staatssozialismus scheinen den Traum Fidel Castros nicht beeinträchtigt zu haben, in seinem Land eine neue, gerechtere Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, die gesünder lebt und besser gebildet ist, ohne Privatisierungen und Diskriminierungen, mit einer integralen, globalen Kultur.
Keine Frage, der Mann, der sich auf den Marathonlauf mit Fidel Castro eingelassen hat, ist bekennender Fidelista. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es Ignacio Ramonet gelungen, Gespräche mit dem Máximo Lider zu führen, die zuweilen langatmig, aber nie langweilig sind. Man erfährt ungemein viel über Castro und Castros Kuba – aus erster Hand bzw. aus erstem Mund, das so detailliert nirgendwo anders zu finden ist. Ramonets monumentales Fidel-Opus ist ein "Steinbruch für Historiker" – wie es die "Süddeutsche Zeitung" formuliert, es ist ein Meilenstein der Kuba-Literatur und – selbstverständlich – Stein des Anstoßes für jene, die Kuba aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Darüber ist sich der Autor im klaren.
"Man kann kein Buch über Fidel Castro mit Fidel Castro schreiben, ohne ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten."
Ignacio Ramonet: Fidel Castro - Mein Leben,
Rotbuch Verlag, 782 Seiten, Euro 29,90.