Freitag, 12. August 2022

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Hungernde Geier

Der Maul und Klauenseuche (MKS) und der Rinderkrankheit BSE fallen in Spanien die Geier zum Opfer. Sie erkranken nicht, es sind die EU-Bestimmungen zur Bekämpfung der Krankheiten, welche die Aasfresser in Not bringen. Statt auf der Speisekarte der Geier zu landen werden verendete Tiere seit dem 1. Januar in speziellen Anlagen verbrannt. Der Speiseplan der Geier, die Spanien wieder zu Tausenden Bevölkern, ist mager. Die Tiere, auch bedrohte Arten wie der Lämmergeier, leiden Hunger. Durch den Ausbruch der Maul und Klauenseuche hat sich die Situation noch verschärft. In ihrer Not fallen die hungernden Aasfresser nun zum Leidwesen der Bauern auch lebende Tiere an. Bewirkt die EU-Politik also, dass sich Geier von Aasfressern zu Raubtieren verwandeln?

Von Ralf Streck | 29.05.2001

    In weiten Bögen gleiten die Geier über den Himmel der nordspanischen Provinz Alava. Hier wo die grünen Berge des Baskenlandes auf die trockene spanische Hochebene stoßen, suchen sie, wie in ganz Spanien nun vergeblich die zerklüfteten Berge nach Nahrung ab. Geier sind Aasfresser dachte Javier Vadillo bisher. Doch der Bauer im Dorf Guinea irrte sich.

    "Auf einem Hof, fast Mitten im Dorf, haben wir gesehen, wie Geier eine Kuh attackierten die gerade am Kalben war. Etwa 15 waren es und viele andere flogen umher. Das Kalb hatte nicht einmal Zeit zum aufstehen. Fast alle im Dorf haben es gesehen. Wir sind sofort hin, um sie zu Vertreiben, aber ohne Erfolg".

    Nachdem Javier mit eigenen Augen gesehen hatte, dass Geier lebende Tiere angreifen, war seine Geduld am Ende. Gut zwei Wochen zuvor hatten sie ihm eine Kuh und ein Kalb getötet. Javier zeigte den Vorfall bei den Behörden an, erfolglos.

    "Sie behandeln uns als wären wir verrückt. Dabei weiß ich auch, dass Geier bisher keine lebenden Tiere angegriffen haben. Früher war das auch nicht zu beobachten. Doch seit dem Rinderwahn und der Maul und Klauenseuche verhalten die sich komisch".

    Das Verhalten der Behörden in Alava verwundert ebenso, denn die eigenen Veterinäre, wie Carlos Marin, bestätigen die Angriffe:

    "Diverse Berichte, selbst von unseren Förstern, haben viele dieser Attacken bestätigt".

    Marin schränkt ein. Es beträfe nur kranke Tiere, eingeklemmte oder wehrlose bei der Geburt. Javier widerspricht. In seinem Fall sei die Geburt am Abend zuvor erfolgt, Kuh und Kalb wären wohlauf gewesen. Als er am nächsten Morgen nach dem rechten sah, waren beide tot. 60 Geier hackten auf die noch warme Kuh ein, das Kälbchen nur noch ein Skelett.

    "Derlei Fälle bestätigt der Veterinär nicht. Marin sieht auch keinen Zusammenhang zu den Anordnungen der EU im Zusammenhang von BSE."

    Diese Anzeigen gibt es schon seit fünf bis sieben Jahren. Sie haben nichts damit zu tun, dass die EU angeordnet hat, wegen des Rinderwahnsinns, tote Tiere zu beseitigen. Die Anzeigen hängen vielmehr mit dem spektakulären Anwachsen der Zahl der Geier in ganz Nordspanien zusammen, hier, in Navarra und in Aragon.

    Durch Schutzprogramme hat sich die Zahl der Geier in den letzten 20 Jahren stark erhöht. 1980 waren einige Arten vom Aussterben bedroht. Damals gab es in Alava 80 Tiere, heute sind es etwa 1000. Doch im angrenzenden Navarra, das etwa die zehnfache Menge Geier beheimatet, sieht man sehr wohl einen Zusammenhang zu BSE. Schon letztes Jahr hat die Regionalregierung bei der EU Hilfsgelder beantragt, bisher erfolglos. 1000 Tonnen Fleisch verzehren die Geier dort pro Jahr. Vor BSE war der Bedarf gedeckt. Die Bauern wurden angewiesen, verendete Tiere einfach als Futter liegen zu lassen, oder sie gar zu Futterplätzen zu bringen. Die Maul und Klauenseuche hat die Lage im Frühjahr drastisch verschärft. Schafe, Ziegen und Rinder dürfen nicht mehr in die Berge. Trotz EU-Bestimmungen fiel dort zuvor immer etwas für die Geier ab. Sie fanden die toten Tiere einfach schneller.

    Die Bauerngewerkschaft EHNE hat jetzt Alarm geschlagen: Ihr Sprecher Jon Zuazabeitia erklärt:

    "Wir haben uns an die zuständigen Stellen gewandt, damit das Thema ernst genommen wird und die nötigen Untersuchungen angestellt werden. Wir müssen wissen, wie sich die Geier aktuell verhalten, es gab in der letzten Zeit sehr viele Anzeigen über Angriffe."

    Für Zuazabeitia ist es aber nicht damit getan, die Bauern zu entschädigen und die Geier zu füttern. Falls es zu viele Geier gibt, verlagerten Fütterungen das Problem nur. Er plädiert dafür, weitsichtig zu handeln. Die Geier zu schützen bedeute, die traditionelle Landwirtschaft zu stärken, die artgerechte Haltung, wie Javier sie betreibt als Grundlage. Sonst würden die Geier mit der traditionellen Landwirtschaft verschwinden.

    "Heute ist doch der kleine Viehzüchter vom Aussterben bedroht, der bodennah in den Bergen wirtschaftet. Es muss eine Wendung zur Qualität, zu sozialen und ökologischen Zielen geben. Die Agrarpolitik zielt aber auf, um so mehr produziert wird, um so besser. Das die Landflucht zunimmt und das Land verödet, fällt hinten weg".