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StartseiteUmwelt und VerbraucherDesinfizieren kann auch der Gesundheit schaden11.06.2020

Hygiene zur Corona-Prävention Desinfizieren kann auch der Gesundheit schaden

Im Kampf gegen das Coronavirus werden in öffentlichen Bereichen häufig Desinfektionsmittel eingesetzt. Oft seien das regelrechte Chemikalien-Cocktails, warnt das Hamburger Umweltinstitut, und können gesundheitsschädlich sein. Besonders beim Sport, weil man dann den Sprühnebel tief einatmen könnte.

Von Anke Petermann

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Blick in ein leeres Klassenzimmer. Auf einem Tisch steht Desinfektionsmittel.  (picture alliance / GES / Markus Gilliar)
Knapp 6000 Liter Desinfektionsmittel stellte die Berliner Bildungsverwaltung ihren Schulen Ende April zusätzlich zur Verfügung - als Teil des „Musterhygieneplans Corona“. (picture alliance / GES / Markus Gilliar)
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Nicholas Amofa sprüht alkoholbasiertes Desinfektionsmittel in ein Papiertuch, wischt damit gründlich das Bedienfeld und die Scheibe des Fahrkartenautomaten: Flächen, die viele Reisende berühren. Amofa ist einer von 2.000 Reinigungskräften, die derzeit an deutschen Bahnhöfen unterwegs sind. Mit seinem Putzwagen steuert er als nächstes die Abfallbehälter an, poliert den Stahl mit einem Synthetik-Putztuch.

"Das ist normale Glaspolitur."

Amofa verwendet hier Haushaltsreiniger, kein Desinfektionsmittel. 

"Desinfiziert im klassischen Sinn werden die Fahrkartenautomaten, Handläufe, Vitrinen", erläutert Bahnhofsmanager Martin Landegl: "Die Böden werden mit heißem Wasser, mit Dampf, behandelt, so dass auch hier die Viren abgetötet werden", ohne chemische Lösungsmittel. An Bahnhöfen, die Böden mit kaltem Wasser behandeln, statt mit Heißwasser-Hochdruckreinigern, wird allerdings Desinfektionsmittel zugesetzt.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Reaktion auf Desinfektionsmittel

Zum Problem kann das für Asthmatiker und Allergiker werden, für alle, die empfindlich auf Chemikalien reagieren. Wie Gisela Kirschstein, die an Multipler Chemikaliensensibilität MCS leidet. Seit Beginn der Corona-Lockerungen, so ihr Eindruck, wird es vielerorts übertrieben mit der chemischen Desinfektion, in Supermärkten zum Beispiel. Unlängst sackten ihr beim Einkaufen die Knie weg.

"Ich musste auch so einen Wagen nehmen, der war frisch desinfiziert worden, auch der hatte diesen komischen Geruch, der für mich wie Gestank riecht, und ich hab dann gemerkt, dass der im ganzen Markt verbreitet ist, dieser Geruch."

Ein paar Atemzüge davon und der chemikalienempfindlichen Kundin geht’s schlecht.

"Mir dreht sich alles, ich kriege Schwindelanfälle, ich kann überhaupt keinen Gedanken mehr fassen und werde richtig duselig im Hirn. Das ist, als würde dir jemand den Stecker ziehen. Da sagen dir deine Synapsen von jetzt auf gleich: ‚Ende‘. Es ist wie eine Blockade."

Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts fuer Virologie der Charite Berlin, am 29.01.2020 in einem der Labore im Institut für Virologie.  (laif / Andreas Pein)Prof. Christian Drosten (laif / Andreas Pein)Virologe Drosten: Im Alltag eher Lüften als Desinfizieren
Die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole, also Schwebeteile in der Luft, gerät immer mehr in den Fokus. Sie könnte gleichbedeutend mit der Tröpfchenübertragung sein, sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf. 

Desinfektionmittel kann "ein ziemlich großer Chemikalien-Cocktail" sein

Der Chemiker Michael Braungart beobachtet zu Corona-Zeiten den massenhaften Einsatz von Lösungsmittelgemischen. Als besonders schädlich stuft er diejenigen auf der Basis von Isopropanol ein.

"Dazu Duftstoffe, Hilfsstoffe, Stabilisatoren teilweise, das ist ein ziemlich großer Chemikalien-Cocktail", erläutert der wissenschaftliche Leiter des Hamburger Umweltinstituts am Telefon. Solche Cocktails könnten krebserregend und allergieauslösend sowie lungen-, leber- und nervenschädigend wirken. Wo sie flächendeckend eingesetzt würden, sei das ein Rückschlag.
 
"Wir warnen seit Jahrzehnten vor flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen in Gebäuden, weil sie gesundheitsschädlich sind. Und jetzt bringt man diese Substanzen, die giftige Lösungsmittel sind, absichtlich in verschlossene, versiegelte, gasdichte Gebäude ein. Das ist doch ziemlich absurd."
 
Zumal das Robert-Koch-Institut routinemäßige Flächendesinfektion ausdrücklich nicht empfiehlt und viele Hygienepläne der Länder im öffentlichen Bereich gründliches Reinigen mit fettlösenden Haushaltsreinigern als ausreichend ansehen. Kommunen machen eigene Vorschriften, zum Beispiel für ihre Sportstätten. In Mainzer Turnhallen sollen Sportler die Toilette nach der Nutzung desinfizieren. Manche Vereine stellen ein Spray für die Flächendesinfektion neben jeden Übungsplatz. Michael Braungart bezweifelt, dass diese Form der Hygiene zur Corona-Prävention beiträgt. Am Telefon warnt der Chemie-Professor vor den Aerosolen aus dem Sprühnebel der Desinfektionsmittel. Insbesondere dort, wo man sich körperlich anstrengt: 

"An Sportstätten ist das besonders problematisch, weil man diese Substanzen besonders tief einatmet. Das heißt, man sollte aus meiner Sicht solche Plätze lieber meiden."

Chemikalienempfindliche tun notgedrungen genau das: auf Fitness- und Friseur-Studio verzichtet Gisela Kirschstein derzeit. Fürs Einkaufen hat sie sich vorgenommen, jetzt mal die Bioläden zu testen. In der Hoffnung, dort besser durchatmen zu können.
 

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