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Hyperdominanz im Regenwald

Ökologie. - Der Regenwald des Amazonas gilt als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Doch wenn es darum geht, die Biodiversität dort insgesamt genauer zu bemessen, fehlt es bisher an tiefergehenden Einblicken. Forscher haben jetzt erstmals anhand von Tausenden lokaler Erhebungen die Vielfalt allein der Bäume im Amazonasgebiet bestimmt. Die Ergebnisse bergen einige Überraschungen.

Von Lucian Haas | 18.10.2013

    Laut Schätzungen wachsen im Regenwald des Amazonas rund 400 Milliarden Bäume. Sie gehören den unterschiedlichsten Arten an. Wie groß die Vielfalt der Bäume tatsächlich ist, war bis heute allerdings nicht bekannt. Eine auf über 1000 Feldstudien beruhende Erhebung im Wissenschaftsmagazin Science nennt erstmals eine Zahl: 16.000 Arten. Allerdings sind die nicht überall gleich verteilt. Der Großteil des Regenwaldes wird von erstaunlich wenigen Baumarten dominiert. Hans ter Steege, Forstwissenschaftler am niederländischen Biodiversitätsforschungszentrum "Naturalis" in Leiden:

    "Dass einige wenige Arten weit verbreitet und viele andere Arten eher selten sind, ist etwas, dass man bei ökologischen Studien immer wieder findet. Aber es war schon überraschend zu sehen, wie wenige Baumarten den Großteil des Amazonas-Regenwaldes ausmachen. 227 von 16.000 Arten – das ist ein wirklich kleiner Anteil."

    Umgerechnet sind das gerade mal 1,4 Prozent. Doch diese 227 Arten allein stellen immerhin rund die Hälfte aller Bäume im Amazonas-Regenwald. Die Forscher sprechen deshalb von einer Hyperdominanz. Allerdings ist nur eine dieser Arten, Eschweilera coriacea, im gesamten Amazonasgebiet auffallend häufig vertreten. Die anderen dominieren nur in kleineren, abgegrenzten Regionen. Weshalb gerade diese Baumarten dort jeweils so verbreitet sind, dafür haben die Wissenschaftler keine schlüssige Erklärung.

    "Das ist noch immer die 1-Million-Dollar-Frage. Eine Möglichkeit ist, dass diese Arten besonders gut mit Parasiten zurechtkommen. Alle hyperdominanten Baumarten kommen in einigen Regionen in großer Dichte vor. Das legt nahe, dass sie sehr parasitenresistent sein müssen."

    Einer anderen Theorie zufolge könnte die Hyperdominanz auch auf den Einfluss des Menschen zurückgehen. In präkolumbischen Zeiten vor mehr als 500 Jahren siedelten weitaus mehr Menschen entlang des Amazonas und seiner Zuflüsse als heute. Sie könnten durch gezielte Waldwirtschaft die Verbreitung bestimmter Baumarten gefördert haben. Für die Studie waren mehr als 120 Forscher über zehn Jahr lang im gesamten Amazonasgebiet unterwegs. An mehr als 1000 Standorten kartierten und bestimmten sie auf kleinen Parzellen mit einer Fläche von jeweils einem Hektar alle Bäume, deren Stämme einen Durchmesser von mehr als zehn Zentimeter hatten. Insgesamt konnten sie so 4900 unterschiedliche Baumarten nachweisen. Auf die in der Studie genannte Gesamtzahl von 16.000 Arten kamen die Forscher durch Hochrechnungen. Sie liefern ihrerseits weitere überraschende Erkenntnisse. Hans ter Steege:

    "Viele der Baumarten sind extrem selten. Nach unseren Berechnungen dürfte es von 6000 Arten jeweils weniger als 1000 Bäume im gesamten Amazonas geben. Wenn man nun bedenkt, wie viele Bäume dort insgesamt wachsen, dann ist es eine enorme, wenn nicht sogar unlösbare Aufgabe, alle Arten finden zu wollen."

    Zumal es den Forschern schon bei den jetzt nachgewiesenen Baumarten nicht immer leicht fällt, sie eindeutig auseinanderzuhalten.

    "Wir haben einige Probleme bei der Artenbestimmung. Für 30 Prozent der gefundenen Baumarten gibt es nicht einmal einen Namen. Und wir sind uns auch nicht sicher, dass Bäume, die in Guayana den gleichen Namen tragen wie in Ecuador, tatsächlich zur selben Spezies gehören."

    Hans ter Steege setzt darauf, dieses Problem in Zukunft mit Hilfe der Genetik zu lösen. Durch das sogenannte Barcoding, einer Art genetischem Fingerabdruck, soll die immense Vielfalt der Amazonas-Bäume in Zukunft noch genauer erfasst werden können.