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Ibsen in Traumbesetzung

Mit der Inszenierung des Theaterstücks "John Gabriel Borkman" kehrt der Regisseur Thomas Ostermeier zu den Wurzeln seiner großen Erfolge zurück: Nach "Nora" und "Hedda Gabler" bringt er nun das dritte Stück Henrik Ibsens am Theatre National de Bretagne in Rennes auf die Bühne - mit Kirsten Dene, Angela Winkler und Joseph Bierbichler in den Hauptrollen.

Von Eberhard Spreng | 11.12.2008

Die Zwillingsschwestern streiten um einen jungen Mann. Stattlich und mit herber Durchsetzungskraft die eine, zierlich und anscheinend verletzlich die andere. Gunhild, die verhärmte Frau des gescheiterten Bankdirektors und Mutter seines gerade erwachsen werdenden Sohnes, und Ella Rentheim, die allein lebende, kränkelnde Tante, bei der der Junge während einiger turbulenter Jahre gelebt hatte.

Über diesen Sohn wollen beide eine Wiedergutmachung für die Katastrophe erreichen, die John Gabriel Borkman in ihr Leben gebracht hatte. Da wird über die zweite Generation ein Kampf ausgetragen, bei dem es für die eine um gesellschaftliche Rehabilitierung geht, für die andere eine emotionale Heilung. In Ostermeiers Inszenierung treten Kirsten Dene als Gunhild und Angela Winkler als Ella den Kampf um eine letzte Hoffnung an.

"Ich soll das nicht glauben?

Du machst dir was vor, weil du sonst verzweifeln würdest, wenn du dich nicht an diese Hoffnung klammern könntest.

Ja, da würde ich tatsächlich verzweifeln und das wäre dir vermutlich das Liebste, Ella.

Ja, das wäre mir das Liebste, weil dir nichts anderes einfällt, als dass es auf Erhards Kosten geht.

Du willst dich zwischen uns drängen, zwischen Mutter und Sohn, du.

Ich will ihn deinem Einfluss entziehen, deiner Gewalt, deiner Herrschaft.

Das kannst du nicht mehr. "

Im Spannungsfeld materieller Gier, gesellschaftlichem Geltungsbedürfnis und Sehnsucht nach Liebe bewegen sich hier zwei Frauen und zwei Männer. Den Einfluss auf Märkte, Finanzen und die Politik hat John Gabriel Borkman verloren als er 16 Jahre zuvor in riskanten Finanzmanövern das Vermögen seiner Frau und seiner Kunden verspielt hatte, in der Hoffnung auf die Eroberung des Zukunftsmarktes Bergbau.

Die Hoffnung auf ein Leben an seiner Seite hatte Ella Rentheim verloren, als Borkman die Absicht, sie zu heiraten, zugunsten seiner Karriereinteressen aufgab und Macht über ihren Sohn verliert Gunhild an die junge, kokette Fanny Wilton, mit der er in einer Winternacht in die weite Welt verschwindet. Drei alte Leute kämpfen ihre letzte Schlacht; alles, was sie sich zu sagen haben, bezieht seine beißende Härte, seine bittere Ironie und Gehässigkeit aus dem längst schon verpatzten Leben.

Eine stickige Atmosphäre, eine gealterte Einrichtung stellte sich der Autor als Dekor dafür vor, aber Jan Pappelbaum hat einen Glaskasten gebaut, durch den hindurch man auf wabernden Bühnennebel schaut. Das äußerst spärlich und karg möblierte Zimmer, das der von Joseph Bierbichler verkörperte Borkmann seit acht Jahren nicht verlassen hat und in dem er auf und ab läuft wie ein eingesperrtes Tier, wird hier zum Haus in den Wolken, schon abgerückt von der Erde, in einem Nirgendwo zwischen Himmel und Hölle.

Dieses Bühnenbild greift auch Ibsens Naturmetapher am Ende des Stücks vor, dem Herztod des kalten Machtmenschen in der eiskalten Winternacht. Die düstere Meditation, die Ostermeier hier mit einer präzisen, nüchternen Regie mit einem brillanten Ensemble auf die Bühne bringt, verzichtet erfreulicherweise auf Querverweise zur aktuellen Finanzkrise. Auch scheint dieser Banker zwar mit der gleichen Unverbesserlichkeit und Selbstgefälligkeit ausgestattet wie die Finanzjongleure heute, aber der Gegenstand seiner Investition lässt sich im Gegensatz zu heutigen Finanzkonstrukten noch verstehen.

"Ich war an der Macht. Verflucht noch mal, ich hatte die Macht, in mir war unbeirrbar das Bewusstsein, berufen zu sein. Überall im Land lagen gefesselte Millionen und haben gerufen. Ich habe sie gehört aus der Tiefe der Berge, sie haben geschrien nach mir, ich soll die befreien. Keiner hat sie gehört, aber ich."

Bierbichlers Borkman, seine hemdsärmelige patriarchalische Ausstrahlung hat wenig von einem emotionalen Krüppel, einem nur eben kalkulierenden Machtmenschen, der das eigene sowie das Herzen seiner Mitmenschen bricht, und er hat viel von erdverbundener, fast bäuerlicher Überzeugung und Machtgier. Der Sohn des Bergmanns steigt in die Finanzbranche auf. So wollte es Ibsen. Und diesen Rohstoffkapitalisten verkörpert Bierbichler überzeugend.

Die Traumbesetzung, die Dene, die Winkler, der Bierbichler in tragenden Rollen, hat das von Rennes Intendanten François le Pillouër initiierte EU-Projekt "Prospero" ermöglicht. Zusätzliche Mittel im Rahmen europäischer Co-Produktionen erlaubten hier der Schaubühne eine aufwändige Realisation und der Bretagnestadt Rennes eine Wiederbegegnung mit einem, dem dortigen Publikum nach einigen Gastspielen schon bekannten, Regisseur. Außerdem kehrt Ostermeier zu Ibsen zurück, dem Klassiker seiner großen Erfolge und zeigt nun, nach Nora und Hedda Gabler, einmal nicht Leid und Revolte der junge Damen, sondern das Elend der älteren Leute in einer stimmigen Topbesetzung.

Die Innenräume der Seele, der Familienkrieg, der unerbittliche Kampf zwischen Männern und Frauen, Vätern, Müttern, Söhnen und Töchtern sind seine eigentliche Domäne. Bei Ibsen und in den Salons des alten Bürgertums findet Ostermeier den Stoff für den ewigen Krieg der Generationen.