Samstag, 25. Juni 2022

Archiv


"Ich habe kein Problem, Deutschland hat eins"

Mit seinem Bericht über den Massenmord an mindestens 180 jüdischen Zwangsarbeitern auf Schloss Rechnitz im österreichischen Burgenland, der in der Nacht vom 24. März 1945 verübt wurde, hat der Journalist David Litchfield eine Kontroverse ausgelöst. Litchfield zufolge sei das Massaker grausamer Höhepunkt einer Party im Schloss gewesen, Gastgeberin war Gräfin Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza. Doch Litchfields Quellen sind umstritten.

Von Annette Brüggemann | 07.11.2007

" Meine Faszination hatte nichts mit dem Fall Rechnitz zu tun. Mit einer solchen Ungeheuerlichkeit habe ich wirklich nicht gerechnet. "

Aufgrund seiner Involviertheit in die Familiengeschichte, kommt das Erstaunen spät, über das, was die Thyssen-Tochter Margit Batthyány zu verbergen hatte. 2003, erst kurz vor Ende des Buchprojekts, fahren Caroline Schmitz und David Litchfield nach Rechnitz. Von dem Dorflehrer Dr. Josef Hotwagner erfahren sie, was passiert ist. Hotwagner war damals acht Jahre alt und wird ihr einziger Augenzeuge bleiben, das Buch habe mit Zeitdruck abgeschlossen werden müssen. So kommt es, dass sie sich den Dokumentarfilm "Totschweigen" der österreichischen Filmemacher Margeratha Heinrich und Eduard Erne aus dem Jahr 1994 nicht ansehen. Die preisgekrönte Doku erzählt auf berührende Weise, wie ein derartiges Trauma ein Dorf zum Schweigen bringt. Und auch den Bericht der Historikerin Eva Holpfer aus dem Jahr 1998 über die geführten Prozesse lesen Caroline Schmitz und David Litchfield nicht. Trotzdem behauptet David Litchfield, dass Gräfin Margit Batthyány in direkter Verbindung zu dem Verbrechen stehe. Und dass sie ihr sadistisches Vergnügen an der Misshandlung von Juden gehabt habe. Auch habe sie zwei Haupttätern zur Flucht verholfen. Deutsche und österreichische Journalisten reagieren mit Zweifel.

" Es fasziniert mich, dass die deutschen Medien mehr mit der Verlässlichkeit meiner Quellen befasst sind, als mit der Ermordung von 200 Juden aus einer Party heraus. Ich möchte über den Tod von 200 Juden reden und nicht vor Gericht stehen wegen meiner Quellen. "

David Litchfield hat mit seinem Artikel über die "Killer-Gräfin", wie er sie nennt, einen wunden Punkt getroffen. Die Reaktionen auf deutschsprachiger Seite sind empfindsam - es würde zu denken geben, wären sie es nicht. Auf der anderen Seite vermutet Litchfield alte Nazi-Küngeleien, wo keine sind.

Dem zur Bertelsmann-Gruppe gehörenden spanischen Verlag "Random House Mondadori" wirft er eine Verschwörung vor, da sie Nazibezüge hätten streichen wollen und sein Buch schließlich nicht veröffentlicht haben. Diese jedoch hatten Differenzen mit dem Autor, die nicht beigelegt werden konnten, auch wenn sie sein Buch gerne veröffentlicht hätten. Dann jedoch hätte es grundlegend auf seine Quellensituation hin überprüft werden müssen.

David Litchfield hat eich einen anderen spanischen Verlag gesucht, der sein Buch gedruckt hat. Nun möchte er es in Deutschland veröffentlichen.

" Wenn Deutschland dieses Buch nicht haben will, sich damit nicht auseinandersetzen möchte, sogar versucht, ihm aus dem Weg zu gehen, indem es sagt, ich sei ein "Boulevard-Liebling" und habe die Sache nicht richtig ernst genommen und würde eine Sonnebrille tragen und Rotwein trinken mit Heini Thyssen. Na dann, viel Spaß! Ich habe damit kein Problem. Vermutlich hat Deutschland eins. "

Nicht nur sein Autorenfoto mit Sonnebrille und Zigarette hatte ihm den Vorwurf des Sensationsjournalisten eingebracht. Auch seine Vergangenheit als "society reporter" und sein Hang zu reißerischen Statements. Es stimmt: "Sex & Crime" haben ihn mehr interessiert als kritische Analysen. Sein Thyssen-Buch bewegt sich stilistisch auf "Gala"-Niveau, inhaltlich bietet es aber tiefe Einblicke in Familiengeheimnisse. Und wer hätte das die letzten Wochen gedacht - David Litchfield hegt altruistische Gedankengänge.

" Ich würde gerne sehen, dass die Thyssens - und das schließt für mich die Thyssen AG, jetzt Thyssen-Krupp mit ein - etwas tun für den Ort Rechnitz. Ich denke, es ist ihre Verantwortung. Darum geht es. Zuzugeben, was passiert ist und zurück zu gehen an genau diesen Ort und etwas für den Verlust der Seele dieses Ortes zu tun. Damit meine ich das Schloss, Rechnitz war ja wie eine Garnisonsstadt, sie hatten nichts anderes. "

Vor allem von der in Österreich lebenden Thyssen-Tochter Francesca von Habsburg wünscht er sich ein Statement.

David Litchfield und die FAZ haben eine wertvolle Diskussion angestoßen, die vielleicht zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Litchfield selbst hat gute Werbung gemacht. Neun Verlage haben Interesse an seiner Thyssen-Biographie bekundet. "Na dann, viel Spaß!", würde er wohl an dieser Stelle sagen.