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"Ich möchte sagen, dass beim Theater der Weg das Ziel ist"

25. Juli 1963: Wieland Wagner, Regisseur und Leiter der Bayreuther Festspiele über das Theater im Wandel der Zeit.

01.04.2012
    Wieland Wagner: Es lassen sich doch während der letzten 50 Jahre immer zwei Tendenzen verfolgen – die Tendenz der Abstraktion und des Operntheaters.

    Operntheater bedeutet für mich Fülle, Abwechslung, Bewegung um jeden Preis, Asymmetrie. Das andere Theater – ich möchte es das archetypische Theater nennen – bedeutet für mich leerer Raum, Farbe, Stimmung, Strenge, choreografische Führung – meine Gegner nennen es Reißbrettregie. Aber diese Tendenz ist ja nicht nur eine Bayreuther Tendenz, sondern es ist ja eine Grundtendenz, ich möchte sagen eine grafische Tendenz unserer Zeit, die knapp, klar, präzis ist, im Gegensatz zu dem unverbindlichen Operntheater der früheren Zeit.

    Egloff Schwaiger: Heißt das nun, dass Sie nach einem gültigen Prinzip suchen, das irgendwie vor Ihren Augen steht und das dann wirklich als letzte Gültigkeit dasteht, als letzte Lösung?

    Wagner: Ich möchte sagen, dass beim Theater der Weg das Ziel ist. Es gibt beim Theater niemals verbindliche Lösungen, und hat man eine verbindliche Lösung gefunden, dann ist die bereits tot, und man muss eine neue Lösung finden. Schauen Sie, eine der schwächsten Punkte des alten Bayreuth war zweifellos, dass die Parsifal-Inszenierung von 1882 noch 1933 gültig war. Das gibt es am Theater nicht, das ist ein Albtraum für alle Theaterleute. Damit macht man ja das Theater zum Museum.

    Sendezeichen aus 50 Jahren DLF
    50 Jahre Deutschlandfunk