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"Ich sehe mich durchaus als Anfänger"

Als Rentner mit 72 Jahren hat David Abbott seinen ersten Roman "Die späte Ernte des Henry Cage" veröffentlicht. Die Hauptfigur ist ein Werber wie Abbott selbst. Der Autor gründete die größte Werbefirma Londons und hat diese auch geleitet.

David Abbott im Gespräch mit Tanya Lieske | 03.08.2011

Tanya Lieske: Dass Sie ein Buch schreiben wollten, Mr. Abbott, dass haben Sie, glaube ich, an Ihrem letzten Tag in der Firma angekündigt. Dann verging trotzdem noch einmal ein gutes Jahrzehnt, bis der Roman tatsächlich da war – 2010, letztes Jahr in Großbritannien erschienen unter dem Titel "The Upright Piano Player". Warum David Abbott, hat es solange gedauert, dieses Buch zu schreiben?

David Abbott: Ja, ich habe acht Jahre für diesen Roman gebraucht. Ich war unheimlich beschäftigt, als ich erst mal in Rente war, und konnte immer nur kleine Stücke schreiben. Irgendwann dann war das Manuskript so dick, dass ich es jemandem zeigen konnte, und dann nahmen die Dinge ihren Lauf.
Lieske: Sie haben ausgerechnet, dass Sie 146 Worte pro Woche geschrieben haben. Das ist ein sehr langsames Tempo. Wie verträgt sich das Schnelligkeit, die man in der Werbung doch manchmal an den Tag legen muss?
Abbott: Ja, das war ein wenig ulkig. Ich war in der Werbung wirklich schnell, habe schnell getextet und konnte auch Probleme ganz schnell lösen. Bei der Belletristik musste ich dann umlernen, das ist wirklich etwas ganz Anderes! Ganz egal, was man früher gemacht hat, ob Werbetexte oder Journalismus, man braucht viel Zeit, um die neuen Gesetze zu verstehen. Bei mir kam noch dazu, dass ich das Geschäft des Redigierens für mich entdeckt habe, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das ging so weit, dass ich viel lieber eine Passage umgeschrieben habe, statt eine neue zu entwickeln, und all das hat zu meiner Langsamkeit beigetragen.

Lieske: "The Upright Piano Player" ist der Titel Ihres Romans, zu Deutsch: "Die späte Ernte des Henry Cage". Sie erzählen die Geschichte eines Mannes, der wie Sie in der Werbung tätig war, dessen Leben nach dem Eintritt in den Ruhestand zerfällt. Die Beziehung des Helden zu seinem Sohn ist zerrüttet, er erfährt zum Beispiel erst im Laufe des Romans, dass er einen vierjährigen Enkelsohn hat, er ist geschieden, es war eine traurige Scheidung, und auch nach vielen Jahren ist er nicht in der Lage, seiner Frau zu verzeihen. Ihr Held verpasst oft das Wesentliche in diesem Roman, sehr zum Leidwesen der Leser kommt er auch oft zu spät an entscheidenden Stellen. Auch wenn der Roman sich leicht liest, finde ich, geht es doch sehr um substanzielle Themen: Es geht um Alter, Tod, Verlust, Schuld. Finden Sie, dass man so wie Sie ein wenig am Leben gereift sein muss, um diesen Komplex anzugehen, um ihm vielleicht so etwas wie Würde zu verleihen?
Abbott: Über diese Begriffe habe ich noch nicht nachgedacht. Ich habe meine Geschichte von einer Figur her entwickelt, das ist Henry Cage. Er ist ein guter Mensch und ein fehlerhafter Mensch, beides zur gleichen Zeit. Er ist nicht ganz in Kontakt mit sich selbst, er wirkt etwas unreif. Aber in vieler Hinsicht ist er auch ein sehr anständiger, ein liberaler Mensch, der erst noch lernen muss, mit seinen eigenen Gefühlen umzugehen. Das spiegelt sich auch in seinem Verhältnis zu seiner Familie wieder, von der er sich in den letzten Jahren entfernt hat. Alle seine Probleme haben mit einer gewissen Steifheit zu tun, mit der er seinem Leben begegnet, auch mit einer moralischen Rigidität. Damit hat auch sein größter Fehler, seine größte Unterlassung in dem Buch zu tun. Es gibt da diesen einen fatalen Moment, in dem er nicht in der Lage ist zu vergeben. Von hier aus baut der Roman seine Spannung auf.
Lieske: Wo kommt Ihre Aufmerksamkeit für diesen Punkt her?
Abbott: Ich glaube, aus dem Bemühen, eine Figur zu erschaffen, die sowohl interessant ist als auch in sich geschlossen. Und ich stecke natürlich auch mit meinen eigenen Ansichten drin. Für mich liegt in der Vergebung eine große Kraft. Wie würden wir sonst durch eine lange Ehe kommen oder unseren Beruf bestreiten, wenn wir nicht lernen würden, wie man vergibt? Ohne Vergebung wäre das Leben ein einziges Chaos.
Lieske: Henry Cage ist Ihnen an Jahren ähnlich und in seinem Lebenswerk, er hat auch in der Werbung gearbeitet, und er teilt die gleichen Vorlieben der Literatur, der Fotografie. Dennoch finde ich, dass die Unterschiede überwiegen. Sein Leben ist eines des Verlusts. Sie selbst sind fast 50 Jahre glücklich verheiratet, haben vier Kinder, acht Enkelkinder, haben eine schöne Karriere hinter sich. War der Roman so etwas wie ein Gegenentwurf, ein Schattenbild Ihres Lebens, denn man hat ja keine Garantie auf ein glückliches Leben?
Abbott: Da ist was dran. Alle Schriftsteller plündern ihr Leben, und ich habe das auch gemacht, als ich noch in der Werbung war. Und wie Sie sagen, ich bin nicht Henry, ich bin demnächst 50 Jahre verheiratet und stehe noch mit all meinen Kindern in Kontakt. Aber Henry hat doch viel von mir mitbekommen, einige Charaktereigenschaften, Teile meiner Biografie. Ich habe dann das gemacht, was Schriftsteller tun, ich habe diese Teile erweitert, verändert und verzerrt. Das hat mit der Tiefe zu tun, ein Buch kann diese Tiefe nur erreichen, wenn man sie auch als Schriftsteller empfindet. Es ist also keine Autobiografie, aber es hat schon viel mit mir zu tun.
Lieske: Da sind wir auch schon bei dem zentralen Unterschied zwischen der Werbung und der Literatur!
Abbott: Auf jeden Fall! Und das hat auch mit der Technik zu tun, ich musste, um diese Tiefe zu erreichen, einfach lernen, längere Passagen zu schreiben. Am Anfang dauerte eine Szene, die bei Martin Amis ein ganzes Kapitel gefüllt hätte, bei mir nur eine halbe Seite. Also dachte ich, das wird aber ein kurzes Buch, wenn ich nicht lerne, wie es geht! Aber ich bin auch froh, dass ich mein eigenes Tempo gefunden habe. So ein richtig dickes Buch werde ich wohl nie schreiben, ich glaube, das braucht man auch nicht. Man kann so viel mit so wenigen Worten ausdrücken, wenn die gut gewählt sind. Einer meiner Lieblingsmomente ist der, wenn Henry Cage seine Putzfrau verabschiedet, die ein ganzes Leben lang für ihn gearbeitet hat. Er ist dann ganz überrascht, wie rau ihre Hände sind. Es fehlt ihm einfach an Vorstellungskraft, er kam nicht auf die Idee, dass die Hausarbeit die Hände kaputtmacht. Das sagt so viel über Henry Cage, und dazu habe ich nur fünf oder sechs Worte gebraucht.
Lieske: Sie fangen ihn in vielen solchen kleinen Momenten ein, und einen davon würde ich jetzt gerne hören, er steht am Anfang ihres Romans. Es ist ein Auftakt, der den Begriff des "Cliffhangers" verdient. Ein Großvater fährt zur Beerdigung seines einzigen Enkels, eines Enkels, der nicht gestorben wäre, wenn er besser aufgepasst hätte.
Abbott (liest vor) Die Kirchenpforte war zu, doch durch die offenen Fenster konnte Henry das Auf und Ab eines Gebetes hören und wusste, dass es zu spät war, um noch hineinzugehen. Er stellte sich vor, wie die Kirchenpforte knarrte, wie seine Schuhabsätze auf den Steinfliesen klackten, sah die Köpfe der Trauergäste, peinlich darauf bedacht, sich nicht umzusehen.

Henry ging den Weg entlang zu dem frisch ausgehobenen Grab. Die Grasnarbe, die über die Seiten drapiert lag, erinnerte ihn an die Auslagen in Gartenzentren; das alles wirkte ein wenig aufdringlich an diesem Ort des müde Rasens und der alten Steine. Die Öffnung schien wie ein Scherz, sie war kaum mehr als einen Spalt in der Erde. Doch dann liefen wieder die Bilder in seinem Kopf, er saß mit einem Arm um die schmalen Schultern des Kindes auf dem Sofa, und er wusste, es war kein Irrtum. Bitte, Hirn, hör auf damit, flehte er.

Dann hörte er es. Aus der Kirche drang der vertraute Klang eines Cha-Cha-Cha. Eines Abends beim Essen waren sie alle der Meinung gewesen, Ruben Gonzalez sei der beste Musiker auf Kuba. Wieder sah Henry Cage den Jungen, wie er vom Stuhl glitt und durch die Küche tanzte; er hatte die Arme nach oben gereckt, seine dunklen Haare wehten; dieser makellose Hinterkopf. Seine Sorge um die Musik beschämte ihn jetzt. Wie hatte er nur bezweifeln können, dass sein Sohn es richtig machen würde? Niemand hatte dem Jungen näher gestanden als Tom, weiß Gott, niemand liebte ihn inniger. Nicht mal ich, dachte Henry, und ich habe ihn über alles geliebt.


Lieske: David Abbott mit einem Auszug aus seinem Roman "Die späte Ernte des Henry Cage". David Abbott, Ihr Roman hat eine recht ungewöhnliche Struktur. Sie stellen ein trauriges, ein tragisches Ende vorweg und entlassen den Helden am Ende seines Buches mit einer Hoffnung, von der wir schon wissen, dass sie enttäuscht werden wird. Hat Ihr Verlag versucht, Sie von diesem ungewöhnlichen Vorhaben abzubringen?

Abbott: Ja, viele Leute hielten das für einen ziemlich exzentrischen Einfall. Aber ich fand, dass das ein zu starker Schluss gewesen wäre. Außerdem hat mir der Spannungsbogen gefallen. Alles, was kommt, der weitere Verlauf der Handlung umfasst ja fünf Jahre, wird von diesem Anfang überschattet. Man sieht, wie es zur Katastrophe kommt, und jedes Ereignis hat so eine ganz besondere Bedeutung. Das hat fast schon etwas Elegisches. Außerdem gebe ich meinen Lesern in einem der Epigramme, die dem Roman vorausgehen, schon einen Hinweis. Es ist ein Zitat von Nietzsche: "Die Folgen unserer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig dagegen, dass wir uns inzwischen 'gebessert' haben." In gewisser Weise illustriert die Struktur meines Buchs dieses Epigramm.

Lieske: Das ist eigentlich auch das Prinzip, nach dem die klassische Tragödie gebaut ist.

Abbott: Genau.

Lieske: Man hört in der Passage, die sie gelesen haben, auch, dass ein visueller Autor am Werk ist, ein Augenmensch. Es sind da viele Substantive, die uns entgegen kommen, und die funktionieren fast wie Metaphern. Ist das Schreiben so etwas wie die Verlängerung Ihres Werks als Fotograf?

Abbott: Ich habe ein sehr visuelles Gedächtnis. Als ich diese erste Szene geschrieben habe, habe ich mir Kameraeinstellungen vorgestellt und sogar die passende Filmmusik. Auch in der Kürze meiner Passagen ähnelt der Roman einem Drehbuch. Der Einfluss des Films ist gut zu erkennen.

Lieske: Sie haben ein sehr erfolgreiches Berufsleben hinter sich gelassen, die größte Werbefirma Londons gegründet und auch geleitet - was vermissen Sie an diesem alten Leben?

Abbott: In den ersten neun Monaten nach meinem Ausscheiden war ich wehmütig, ich habe die Kreativabteilung vermisst und die jungen Leute, mit denen ich jeden Tag zusammengearbeitet habe. Und der Schnitt war auch hart, ich habe mir ein sofort kleines Appartement gekauft und dort angefangen zu schreiben. Aber nach den neun Monaten war die Sehnsucht verflogen. Die letzten 12 Jahre, in denen ich im Ruhestand war, gehören zu den Schönsten meines Lebens. Ich habe mich plötzlich wieder wie ein Student gefühlt, ich kann lesen, was ich will, ich kann schreiben, wenn ich es will, ich kann mein Lunch haben, wann und wo es mir passt. Mein Tag läuft nicht mehr im 15-Minuten-Takt, ich muss nicht mehr an Sitzungen teilnehmen, und unser Gespräch hier ist auch eine Ausnahme, ich muss mich sonst hinter kein Mikrofon und hinter keine Kamera mehr stellen. Das ist wunderbar.

Lieske: Sie beschreiben ein sehr privates Leben. Auch wenn man sich Ihre Website anschaut, hat man das Gefühl, dass Sie lieber hinter Ihrer Arbeit verschwinden. Wie sehr brauchen Sie die Öffentlichkeit?

Abbott: Ich bin immer schon gerne alleine gewesen. Auch als ich noch bei der Werbeagentur gearbeitet habe, war ich immer dann alleine, wenn ich Texte schreiben musste. Das habe ich meistens Zuhause und nachts gemacht, manchmal auch nächtelang. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit 72 Jahren noch einen Verleger gefunden habe, das ist ja keinesfalls selbstverständlich, und dafür gebe ich mir dann auch Mühe, wenn ich in die Öffentlichkeit muss, und hoffe, dass man mir das nicht anmerkt.

Lieske: Noch mal zurück zu Ihrer Website, man findet da Statements, die Ihr Leben illustrieren, mich hat besonders interessiert: "I love the Creative Process, I am always looking for ways to grow creatively." Ist der kreative Prozess immer der Gleiche, egal ob man textet, fotografiert oder einen Roman schreibt?

Abbott: Ja, das glaube ich schon. Ich denke, es geht darum, eine Verbindung zwischen verschiedenen Dingen zu schaffen, in einen Zusammenhang herzustellen, und das gilt für jeden kreativen Prozess. Ich bin zum Beispiel ein leidenschaftlicher Gärtner und habe in den letzten zwölf Jahren drei neue Gärten angelegt. Und das finde ich genau so aufregend, wie einen guten Satz zu schreiben oder einen guten Absatz oder einen Werbespot. Für mich ist auch alles visuell. Wenn ich irgendwo zu Gast bin, muss ich mich manchmal zusammenreißen. Wenn zum Beispiel Bilder schief hängen, dann ist die Versuchung groß, sie heimlich gerade zu rücken. Ein gesteigertes ästhetisches Empfinden ist ein Segen, es kann aber auch in eine Tyrannei ausarten.

Lieske: Viele Schriftsteller berichten auch, dass die Figuren ihrer Werke sich in ihrem Leben bemerkbar machen und ihnen erzählen, wie es weiter gehen soll. Ist Ihnen das auch so gegangen?

Abbott: Auf eine gewisse Art schon. Aber ich finde, man soll den Figuren nicht die Geschichte anvertrauen, der Autor sollte die Kontrolle behalten. Man kann seine Figuren mal eine Weile machen lassen, aber wenn es nicht funktioniert, stellt der Autor sie kalt oder ruft sie zurück.

Lieske: Sie sind selbst ein besessener Leser genau wie Henry Cage. Der liest James Salter, das ist auch einer Ihrer Lieblingsautoren, warum?

Abbott: Es gibt ein Buch von James Salter, das heißt "Lichtjahre". Es erzählt die Geschichte einer Ehe und einer Familie. Ich finde das Buch so poetisch und so schön, dass ich es einmal pro Jahr lese. Wenn ich in Urlaub fahre, habe ich es immer dabei, genau wie Henry Cage. Der zweite Autor, der mir viel bedeutet, ist William Maxwell, der lange auch beim "New Yorker" gearbeitet hat. Beide sind für mich auch Vorbilder, eines Tages würde ich gerne etwas schreiben, was so gut ist und so tief empfunden wie ihre Bücher.

Lieske: Das ruft geradezu nach der Frage, was als Nächstes kommt.

Abbott: Ich schreibe weiter, und sogar mit erhöhtem Tempo, ich bringe viel mehr als 146 Wörter pro Woche zu Papier, mal sehen, wie lange das anhält. Die Versuchung war groß, eine Fortsetzung zu schreiben, weil ich selbst neugierig darauf war, wie es mit Henry Cage weiter geht. Aber ich mache jetzt erst mal was anderes, in meinem Tempo. Ein schneller Schriftsteller werde ich wohl nie.

Lieske: Der britische Autor David Abbott, Werbetexter und Roman-Debütant heute im Büchermarkt.

David Abbott: "Die späte Ernte des Henry Cage". Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2011, 360 Seiten, 14,90 Euro