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StartseiteHintergrundIhr Kinderlein kommet21.06.2006

Ihr Kinderlein kommet

Das Elterngeld vor der Verabschiedung im Bundestag

Vom Elterngeld verspricht sich die große Koalition eine Erhöhung der Geburtenrate in Deutschland. Doch allein eine stärkere finanzielle Förderung wird keinen Kindersegen bringen. Für einen fehlenden Kinderwunsch sind verschiedene Faktoren ausschlaggebend.

Von Jacqueline Boysen

Das Bundeskabinett hat die Einführung des Elterngeldes beschlossen. (AP)
Das Bundeskabinett hat die Einführung des Elterngeldes beschlossen. (AP)
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"Kinderlärm ist Zukunftsmusik."

Die FDP-Abgeordnete Ina Lenke erntet für einen so lapidaren Satz im Bundestag viel Beifall und die Zustimmung aller Parteien. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen war Applaus zunächst nicht beschieden. Hartnäckig hat die ambitionierte Christdemokratin um ihr Elterngeld gerungen, nun feiert es die große Koalition als eine "kopernikanische Wende in der Familienpolitik" - oder schlicht als Volltreffer:

Leyen: "Das Elterngeld kommt, es steht eins zu null für die Familien."

Noch vor kurzem haben insbesondere Unionspolitiker die Verfassungsmäßigkeit des neuen Elterngeldes angezweifelt. Kritiker halten die Zuwendung für Familien für einen unlauteren Eingriff des Staates in private, innerfamiliäre Angelegenheiten. Die Option, dass auch junge Väter ihre Arbeit Frau und Kind zuliebe wenigstens für ein paar Monate ruhen lassen, wurde in konservativen Kreisen als "Wickelvolontariat" verspottet.

Leyen: "Am Anfang hatten sich nur wenige mit mir auf den Weg gemacht, aber mehr Mitstreiter überzeugen können. "

Die energische Christdemokratin verkörpert selbst den Typus der erfolgreichen Akademikerin, der es gelingt, sieben Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen - und womöglich noch Zeit zum Plätzchenbacken und Musizieren zu finden.

"Familie ist der Ort, wo beide Eltern sich für beides verantwortlich fühlen: für das wirtschaftliche und seelische Wohl der Kinder."

Bunte Illustrierte zeichnen gern ein idyllisches Bild von der Familie der Ministerin, die gesellschaftliche Realität freilich sieht anders aus. Und so versucht die große Koalition dann auch ein weitgefasstes Familienbild zu zeichnen, eines, das alle Generationen und verschiedene Lebensentwürfe miteinander zu verbinden sucht - getreu dem Diktum: Familie ist da, wo Kinder sind. Kernstück der Familienpolitik der Bundesregierung ist das einst von der SPD propagierte Elterngeld, das ab dem kommenden Jahr junge Familien wirtschaftlich absichern soll.

Junge Erwerbstätige, die sich keine Sorgen über subjektiv als bedrohlich empfundene Verdienstausfälle machen müssen, würden der Gesellschaft nun bereitwillig Nachwuchs schenken, so die Hoffnung der Familienministerin. Wo Akademiker auf Kinder verzichten, bemerkenswert wenig Kindergarten- und nahezu keine Krippenplätze zur Verfügung stehen, die frühkindliche Pädagogik unterentwickelt ist und die niedrigste Frauenerwerbsquote in Europa herrscht - da ist staatlicher Eingriff dringend geboten. Denn obgleich die Bundesrepublik im OECD-Vergleich überdurchschnittlich viel Geld in ihre Familien- und Sozialpolitik steckt, leidet sie unter der vieldiskutierten niedrigen Geburtenrate. Zeit zu handeln, befindet der Ökonom Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln:

"Der Staat hat ja nicht nur die Freiheit der heutigen zu gewähren, sondern auch die Familien künftiger Generationen und insofern: Bei aller urliberalen Position, die ich als Ökonom habe, bin ich der Meinung, langfristig ist eine schrumpfende Bevölkerung nicht hinnehmbar."

Zur Zufriedenheit des Wirtschaftswissenschaftlers winkt die Bundesregierung jungen Eltern ab dem kommenden Jahr mit einer individuell angepassten Belohnung für das Kinderkriegen. Das neue Elterngeld wird nicht etwa pauschal gewährt, vielmehr orientiert es sich an der Höhe des Einkommens, auf das die Mutter oder der Vater nach der Geburt eines Kindes verzichten: 67 Prozent des wegfallenden Lohnes werden vom Staat ersetzt. Die Obergrenze liegt bei 1800 Euro pro Monat, wobei Verheiratete diese Summe allerdings versteuern müssen. Arbeitslose Eltern erhalten mindestens 300 Euro pro Monat, und diese werden nicht mit anderen Sozialleistungen verrechnet. Allein schon das Prinzip der einkommensabhängigen Zuwendung stößt auf Kritik:

"Zum ersten Mal geben wir mehr an die Rechtsanwältin als an die Rechtsanwaltsgehilfin, wenn sie schwanger sind","

empört sich ein Parteikollege der Bundesministerin. Armin Laschet, Familienminister in Nordrhein-Westfalen, verficht eine altbundesrepublikanische Haltung: Wenn jedes Kind dem Staat gleich viel wert ist, müsse auch in jedes elterliche Portmonee die gleiche Summe fließen. Kritiker halten für Teufelswerk, dass eine neue Form der Leistungsgerechtigkeit in der Familienpolitik Einzug hält. Ganz im Sinne von Frau von der Leyen stellt der Ökonom Michael Hüther dagegen klar: Das neue Elterngeld fällt sozialpolitisch nicht unter die Kategorie Hilfe für Bedürftige.

""Wir müssen eher von der Logik hinkommen, von der Fürsorge zur Lohnersatzleistung, insofern ist es ein mutiger Schritt."

Mutig auch deshalb, weil das nun auslaufende pauschal gezahlte Erziehungsgeld über 24 Monate bezahlt wurde, das neue Elterngeld in voller Höhe aber generell nur ein Jahr lang gilt. Gern wird übersehen, dass bislang 20 Prozent der Eltern überhaupt nicht in den Genuss des alten Erziehungsgeldes kamen, weil ihr Familieneinkommen zu hoch war. Im schwer durchschaubaren Dickicht des deutschen Zuwendungs- und Steuersystems verbergen sich ohnehin unzählige Ungereimtheiten, so auch das Ehegattensplitting. Dank dieser Besonderheit im deutschen Steuerrecht begünstigt der Fiskus Familien, in denen der Vater klassisch in der Ernährerrolle steckt und die Mutter wenig oder gar nichts hinzuverdient. In anderen europäischen Ländern werden Steuern individuell erhoben, also Paare nicht gemeinsam veranlagt. Aus Furcht vor ihrer konservativen Klientel beeilen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zu erklären:

Stoiber: "Wir wollen die Ehe nicht relativieren durch Diskussionen über die Abschaffung des Ehegattensplittings."

Merkel: "Wer sich zusätzlich für Kinder entscheidet, muss gefördert werden."

Offenbar orientiert sich die Kanzlerin am Vorbild Frankreichs, wo die Kinderzahl für die Höhe der Steuer relevant ist. Bei uns wird fortan gelten: Wenn sich beide, Vater und Mutter, an der Babybetreuung beteiligen, so wird dies in jedem Fall vom Staat prämiert. Sofern auch der weiterverdienende Partner mindestens zwei Monate lang im Job aussetzt, kann die Familie das Elterngeld 14 Monate lang beanspruchen. Möglich wäre auch, die Unterstützung über den doppelten Zeitraum zu strecken, dann natürlich halbiert sich die Summe pro Monat. Damit erhalten junge Eltern bedeutend mehr Freiheit, ihr Familienleben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, so das Urteil von Insa Schöningh, Geschäftsführerin der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen:

"Die Betreuung eines Babys ist nun mal sehr zeitintensiv. Das zweite, was wir begrüßen: Es ist ein Zeichen für Elternverantwortung, nicht nur Mütterverantwortung, sondern auch Väterverantwortung."

Insa Schöningh, selbst alleinerziehende Mutter, begrüßt zudem, dass die Koalition mit dem neuen Elterngeld versucht, der veränderten gesellschaftlichen Realität in Deutschland gerecht zu werden:

"Für Alleinerziehende ist es besonders erfreulich, weil die heute, wenn sie ledig sind, und keine Ersparnisse oder reiche Eltern haben, im Grunde darauf angewiesen sind, Hartz IV zu beantragen mit allen Folgen, also Kündigung, Altersvorsorge etcetera, nur weil sie ein Kind haben wollen, was ja eigentlich gesellschaftlich erwünscht ist, insofern ist es erfreulich, dass sich Alleinerziehende so wirklich für ein Kind entscheiden können."

Der Gesetzentwurf, den Ursula von der Leyen nun aus der Taufe hebt, enthält zwei weitere wesentliche Neuerungen:

"Erstens die Berechnungsgrundlage für die Ermittlung des Einkommens, das ersetzt wird. Das war zunächst drei Monate vor Geburt, jetzt erweitert auf zwölf Monate, um Missbrauch zu verhindern. Und wir haben die Anmeldefristen für die Elternzeit für Väter deutlich verbessert. Bisher mussten Väter ihre Vaterzeit acht Wochen vor Antritt anmelden, der Kündigungsschutz aber greift exakt acht Wochen. Wir haben mit Gewerkschaft und Wirtschaft jetzt die Frist auf sieben Wochen vor Antritt der Vaterzeit verkürzt, der Kündigungsschutz bleibt, es ist also eine Woche, in der die Vaterzeit angemeldet werden kann."

Allein das Wort "Vaterzeit", das der christdemokratischen Ministerin so locker über die Lippen geht, erregt den Unmut jener, die ein anderes Familienbild pflegen als die akademisch gebildete siebenfache Mutter und Politikerin. Armin Laschet schimpft und bezweifelt, dass sich junge Väter nun engagierter der Erziehung ihrer Kinder widmeten und karrierebewusste Akademiker sich künftig leichten Herzens für Nachwuchs entscheiden würden:

"Wenn das ein Beitrag dazu wäre, dass Väter und Mütter über ihre Aufgaben nachdenken und auch Arbeitgeber anfangen, sich vorzustellen, dass Männer alleine erziehen und Elternzeit nehmen, dann würde ich es für gerechtfertigt halten. In Skandinavien, wo es ja praktiziert wird, nehmen viele Väter das aber als verlängerten Jahresurlaub und danach ändert sich wiederum an der Aufgabenverteilung nichts."

Die Familienministerin entwickelt gerade in diesem Punkt geradezu missionarischen Eifer. Wenn derzeit nur fünf Prozent der jungen deutschen Väter bereit sind, für einen begrenzten Zeitraum ihre Arbeit ruhen zu lassen, sei der Staat aufgerufen, sich aktiv einzumischen. Das Familienministerium hegt die Erwartung, dass sich in den kommenden Jahren ein Viertel der Väter eine Auszeit nehmen wird. Wie fest aber das Bild vom Vater als Ernährer von Frau und Kind in deutschen Köpfen verwurzelt ist, beschreibt der Berliner Soziologe Hans Bertram:

"Dass der eine die Windeln wechselt und der andere das Geld verdient, ist biologisch nicht erklärbar. Das ist unsere Tradition. Wir gehen davon aus, dass Männer sich voll dem Beruf hingeben. Das ist noch ganz im Sinne der traditionell puritanischen Ethik."

Der Soziologe Hans Bertram kann immerhin feststellen, dass die Familienväter in den 60er Jahren nur eine Stunde pro Woche im Haushalt Hand anlegten, heute sich aber schon 16 Stunden mit Babyfläschchen, Waschmaschine oder Staubtuch beschäftigen.

"Junge Männer müssen ja auch ein solches Modell, wenn es gelebt werden soll, gegenüber Kollegen und Vorgesetzten durchsetzen, das heißt, wenn ein Vater sagt, ich gehe heute früher, um mein Kind abzuholen, wird nicht jeder Chef und jeder Kollege erfreut sein. Also, wenn man über das Vaterbild spricht, muss man nicht nur die jungen Väter anschauen, sondern auch die Umwelt. Da herrscht das Bild des Mannes vor, der berufstätig ist."

Wie schwer es ist, sich diesem Bild entgegenzustellen, davon wissen Väter, die tatsächlich Erziehungsurlaub nehmen, ein Lied zu singen:

"Die Ernährerin mit dem Grundgehalt ist meine Frau. Was ich bringe, ist wichtig, aber der Zusatz. Daher konnte sie gar nicht so lange aussteigen."

Der 34-jährige Jurist ist zum zweiten Mal im Erziehungsurlaub, und doch lässt er seine Arbeit nicht gänzlich ruhen:

"Eigentlich arbeite ich auch, aber ich unterschreite nur eine wöchentliche Arbeitszeit von 30 Stunden. Faktisch tue ich viel mit meinen Kindern. Es könnte natürlich immer mehr sein. Ich habe beim ersten Kind mehrere Monate Elternzeit genommen, beim zweiten Kind habe ich es auch, aber immer mit der geringen Wochenarbeitszeit dabei. Viel ist freiberuflich, da halte ich als Rechtsanwalt Mandantenkontakt, also diese Dinge müssen neben den Kindern herlaufen."

Für den jungen, arabischstämmigen Familienvater dagegen läge im Vaterschaftsurlaub der Reiz, dass seine Kinder nicht nur mit der deutschen Sprache ihrer Mutter aufwachsen, sondern er ihnen besser Arabisch beibringen könnte. Würde er vielleicht beim nächsten Kind die Vatermonate beanspruchen und seine Arbeit als Verwaltungsfachkraft ruhen lassen?

"Also gern, nicht weil ich faul bin, sondern gern für das Kind da. Und weil ich meine Frau damit entlasten kann, aber je nach dem, wer gerade besser verdient, bleibt zu Hause. Aber nach dem neuen Gesetz bleibt der zu Hause, der besser verdient, also man hätte weniger Einbußen zu verkraften und der, der weniger verdient, geht zur Arbeit.""

Ganz anders reagiert der Student, der bei ihm gerade ein Praktikum absolviert. Er ist gewissermaßen Prototyp des jungen Akademikers ohne Kinder. Weckt das neue Elterngeld bei ihm einen Kinderwunsch?

"Ein Anreiz wäre, wenn ich meine Familie ernähren könnte, aber so. da hab ich keine Lust zu. Solche Maßnahmen finde ich fragwürdig, auch im Sinne der Gleichberechtigung. Ich glaub, die Frauen finden es auch albern."

Ist das so? Die selbständige Grafikerin sagt, sie werde derzeit oft mit der Frage konfrontiert, warum sie keine Kinder habe - unerfreulich oft:

"Finanzielle Gründe sind überhaupt nicht relevant. Ich habe mich bis vor zwei Jahren gar nicht für das Kinderkriegen interessiert, weil ich mich nicht reif und erwachsen gefühlt habe und außerdem gern gearbeitet habe und mir nicht vorstellen konnte, das nicht zu tun. Das hat sich geändert, und jetzt liegt es daran, dass mein Partner nicht an Kindern interessiert ist."

Die 33-jährige Akademikerin gehört zu jener Gruppe der Bevölkerung, an die sich das Elterngeld richtet: hochqualifiziert, aktiv im Erwerbsleben - und mit einem latenten Kinderwunsch. Warum zögern Frauen wie sie?

"Das hat mit der Gleichberechtigung zu tun. Frauen, die eine lange Ausbildung hinter sich gebracht haben, haben nicht unbedingt Lust, zum Abschluss dieser Ausbildung direkt in ein Hausfrauendasein überzugehen. Ich bin 1972 geboren und hatte eine immer berufstätige Mutter, die unendliche Probleme hatte, mich im katholischen Süden unterzubringen. Es gab einen einzigen Kindergarten mit einer Volltagesbetreuung, aber wenn der um 17 Uhr schloss und meine Mutter natürlich noch nicht Feierabend hatte, bin ich von einer Ecke zur anderen geschoben worden, weil es nichts gab. Das ist heute noch fast genauso problematisch, und deshalb sagen viele Frauen: Das ist nicht vereinbar, und wenn ich engagiert arbeite, habe ich keine Chance."

Bernhard Heeb, Soziologe aus der Schweiz, hat eine ganz andere Begründung dafür, dass es gerade Akademikern beiderlei Geschlechts in Deutschland so schwer fällt, Kinder und die wissenschaftliche Karriere unter einen Hut zu bekommen:

"Wenn man eine Berufsbiografie von Akademikern anschaut, da kommt es nicht so drauf an, ob man mal ein bisschen zu Hause bleibt, sondern man muss dranbleiben, wenn man einen längerfristigen Job will: Publizieren, Klotzen, nicht Nachlassen. Da kommt es nicht auf das Geld an, sondern die Knappheit an Arbeitsplätzen, der Verteilungskampf, dann kann man keine Pause machen. Da kann ich auch verstehen, dass eine Frau, wenn sie lange studiert hat sich da nicht herauszieht und nicht wieder reinkommt. Bis man es geschafft hat, ist soviel Zeit vergangen, dass man sich fragen muss, kann ich überhaupt noch Kinder bekommen oder nicht?"

Daran wird das Elterngeld wenig ändern, befürchtet auch Heike Kahl. Die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung begrüßt zwar das Elterngeld, warnt aber davor, in diesem ein Allheilmittel für die desolate Situation vieler Familien zu sehen:

"Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen materieller Armut, Bildungsarmut, Fettleibigkeit der Kinder, Demokratie- und Sozialfähigkeit. Frau von der Leyen selbst spricht von dem Dreiklang Elterngeld, Betreuung und eine neue Unternehmenskultur. Der erste Schritt ist gemacht, aber der bleibt auf der Strecke, wenn nicht die anderen Teile nachziehen, und das ist, was ich noch nicht sehe."

Der Präsident der Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt hat sich nicht eben begeistert vom Elterngeld gezeigt. Er befürchtet, dass Unternehmen nun Mütter oder Väter länger beurlauben müssten und das Interesse an Teilzeitjobs wachsen würde. Hundt moniert, Eltern, die sich bemühen, rasch wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, würden bestraft, der Staat setze einen Anreiz zu einer Ausdehnung der Elternzeit. Unberücksichtigt lässt der Arbeitgeberpräsident, was Studien verschiedener Institute zeigen und was schlicht der Lebenserfahrung entspricht: Wem es leicht gemacht wird, Arbeit und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen, ist nicht nur zufriedener, sondern auch produktiver und eher zu hohen Leistungen bereit als derjenige, dem es unnötig schwer gemacht wird. Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft:

"Die Wirtschaft erlebt zunehmend, dass die Familienfreundlichkeit wichtig ist, wenn man hochqualifizierte Arbeitskräfte gewinnen will. Es gibt also ein automatisches Vorgehen, ein nüchternes ökonomisches Kalkül mit der Frage, wie gewinne ich Hochqualifizierte. Die Unternehmen werden sich dem nicht entziehen können."

Darauf hofft auch die Bundesfamilienministerin. Wenn pro Jahr künftig fast vier Milliarden Euro in das neue politische Steuerungsinstrument investiert werden, so dürfen Finanzminister wie Steuerzahler auch einen positiven Effekt erwarten. Zugleich aber sollten wohlsituierte Familien wie auch Politiker nicht überhören, dass in der Zukunftsmusik des Kinderlärms manchmal auch ein Hilfeschrei mitschwingt: Heike Kahl, Kinder- und Jugendstiftung:

"Sozial schwächeren Eltern mehr Geld in die Hand zu geben, ist kein Garant dafür, dass es den Kindern besser geht. Wo die Kinder in ihrem Dorf niemanden mehr haben, der regelmäßig zur Arbeit geht, sondern der Vater mit der Bierbüchse Frühstücksfernsehen guckt, in der Turnhose, und niemand mehr einen strukturierten Tagesablauf hat, dann bezweifele ich, dass die Stärkung der Familie eine qualitative Verbesserung des Lebens von diesem Kind hat."

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