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Ikonen der Erziehungswissenschaft

Jean-Jacques Rousseau

Agnes Steinbauer | 01.08.2003
    Er forderte: "Zurück zur Natur" und gilt als der Entdecker des Kindes schlechthin. Rousseau ist der bekannteste Pädagoge der Aufklärung und schrieb mit seinem "Emile" den ersten pädagogischen Bestseller. "Alles - also auch der Mensch - ist gut..." lautet seine Grundthese. Rousseaus wichtigste Schlussfolgerung daraus: "Lasst die Natur lange wirken, ehe ihr Euch an ihrer Stelle handelnd einmischt..." Erziehung - vor allem in den ersten Lebensjahren - soll das Kind vor kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen schützen. Denn sie behindern nur die freie Entfaltung seiner natürlichen Anlagen. Noch im Jugendalter hält Rousseau die meisten Kulturerzeugnisse, wie etwa Bücher, für eher schädlich. Nur eines darf Emile lesen: Daniel Defoes "Robinson Crusoe". Rousseaus Einfluss auf Pädagogen bis ins 20. Jahrhundert hinein ist enorm. Auch wenn sein Werk und Leben voller Widersprüche ist. Er gilt nicht nur als Aufklärer und Reformer, sondern auch als Irrationalist und Theoretiker. Seine fünf Kinder gibt er allesamt sofort nach der Geburt ins Findelheim. E i n e n bedeutenden Pädagogen des 19. Jahrhunderts kann das nicht beeindrucken:

    Johann Heinrich Pestalozzi

    Sein einziges Kind lässt der Schweizer ganz im Sinne Rousseaus aufwachsen. Auch er glaubt an das Gute und die Entwicklungsfähigkeit des Menschen, distanziert sich aber nach und nach von dem bewunderten Franzosen, indem er vor der Verwahrlosung des wild aufwachsenden Kindes warnt. Besonders in seinen späteren Schriften betont er: "Die Erziehungsbedürftigkeit des Menschenkindes und die absolute "Notwendigkeit der Erziehung." Er kommt zu der Erkenntnis, dass viele Menschen nicht menschlich werden können, "weil niemand den animalischen Kräften ihrer Natur entgegenwirkt und so ihren göttlichen Anlagen zur Entfaltung verhilft". Ganz und gar offen für Rousseausche Theorien ist viel später der Vater der antiautoritären Erziehung:

    Alexander Sutherland Neill

    Er gründet 1924 in England die Internatsschule Summerhill, deren Prinzipien zur "gewaltfreien Erziehung" die antiautoritäre Bewegung der 60er und 70er Jahre maßgeblich beeinflussen. Nach Neill soll ein Kind ohne Drohungen, Strafen und Zwang aufwachsen: In voller Freiheit, die nur eine Grenze kennt: Die Freiheit des anderen. Maria Montessori - "Der Erzieher als guter Gärtner" Auch die Ärztin, Maria Montessori, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter anderem durch ihre Behindertenpädagogik hervorgetreten ist, glaubt an die Selbstbildungskräfte im Menschen. Im Gegensatz zu den Theorien der "freien Erziehung" entwickelt sie aber ausgeklügelte Methoden zur "Weckung der kindlichen Aktivität". Ermutigung und Förderung durch geeignete Arbeitsmittel sind die wichtigsten Stichpunkte. Erziehung bedeutet für sie Zurückhaltung, aber gezielte Unterstützung in bildungsfördernder Umgebung. Den Schlüsselbegriff ihres pädagogischen Denkens nannte Montessori selbst "Polarisation der Aufmerksamkeit". Nach Beobachtungen in ihrem ersten Kinderhaus in San Lorenzo, war für sie klar, dass ein guter Pädagoge in der Lage sein muss, die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Kindes für eine Tätigkeit wecken muss. Nur durch unbedingtes Interesse und Entdeckererfolg könne sich in Kindern das Bestmögliche entwickeln. Maria Montessori war Teil der reformpädagogischen Strömungen in Europa und den USA, die im Deutschland in der Weimarer Republik ihren Höhepunkt erreichten und durch den Nationalsozialismus jäh endeten. Im Zusammenhang mit Früherziehung darf einer nicht unerwähnt bleiben:

    Friedrich Fröbel

    Er gilt als Begründer der Spielpädagogik und des Kindergartens. Von ihm lässt sich unter anderem Maria Montessori inspirieren. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden reformpädagogische Impulse neu aufgenommen und flossen unter anderem in die Laborschule Bielefeld eines Hartmut von Hentigs oder in die Gesamtschulbewegung der 70er Jahre. Die Laborschule baut - mit großem Erfolg - auf Altersmischung und unterschiedliches Lernniveau in den Gruppen. Bis zur neunten Klasse gibt es keine Zensuren und kein Sitzen bleiben. Das gilt auch für die Waldorfschulen Rudolf Steiners, der Anfang des 20.Jahrhunderts seine anthroposophische Bewegung gründet und daraus seine Pädagogik ableitet. Ziel: Eine humane Schule, die die Individualität des Kindes und die Ausbildung seiner handwerklichen und musischen Fähigkeiten fördert.