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StartseiteStreitkulturHat die DDR-Opposition die friedliche Revolution bewirkt?07.09.2019

Ilko-Sascha Kowalczuk vs. Detlef PollackHat die DDR-Opposition die friedliche Revolution bewirkt?

1989 kollabierte die DDR. Um ihr Ende ist jetzt ein heftiger Streit unter Historikern entbrannt. War die DDR-Opposition ursächlich für die friedliche Revolution? Oder war es nicht die Abstimmung mit den Füßen der vielen Ausreisewilligen und DDR-Flüchtlinge, die das Regime zu Fall brachte?

Moderation: Karin Fischer

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Hunderttausende Menschen demonstrieren am 24. Oktober 1989 in Leipzig für mehr Demokratie, Bürgerrechte und Reformen. (dpa/Lehtikuva)
Hunderttausende Menschen demonstrierten am 24.10.1989 in Leipzig, DDR, für mehr Demokratie, Bürgerrechte und Reformen (dpa/Lehtikuva)
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Die Gründe für das Ende der DDR und den Fall der Mauer sind historisch gut aufgearbeitet und werden in diesen Tagen gern erinnert: Die Proteste formierten sich nach der Aufdeckung der gefälschten Kommunalwahl am 7. Mai 1989, schwollen an, und im Sommer begann die Massenflucht über Ungarn. Als Anfang September in der Wohnung der Witwe von Robert Havemann 30 Intellektuelle das "Neue Forum" gründeten, war all das natürlich nicht zu ahnen. Und heute wird die Rolle der Opposition bei der friedlichen Revolution ganz unterschiedlich bewertet.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Pro: Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker, Mitglied der Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit", Buchautor, z.B. "Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR" oder "Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde"

"Die Opposition und die Bürgerrechtsbewegung in der DDR haben maßgeblich die Revolution 1989 vorangetrieben und auch motiviert. Es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit es zu einer revolutionären Situation kommt. Zugleich bedarf es in dieser Situation mutiger Männer und Frauen, die gewissermaßen das Heft des Handelns in die Hand nehmen, die die ersten Aktionen einleiten, die Öffentlichkeit herstellen und die darüber die Öffentlichkeit informieren. Genau das hat die Opposition, hat die Bürgerrechtsbewegung mit ihrer Erfahrung seit Mitte der Achtziger Jahre dann im Sommer und Herbst 1989 auch getan."

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack (dpa/Uni Münster/brigitte Heeke)Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack (dpa/Uni Münster/brigitte Heeke)

Contra: Detlef Pollack, Soziologe an der Universität Münster, er hat bereits im Jahr 2000 eine Studie zu Politischem Protest und politisch alternativen Gruppen in der DDR vorgelegt.

"Natürlich hat der Umbruch sehr viele Ursachen, innere Ursachen, äußere Ursachen. Entscheidend für den Sturz der SED war der Massenprotest und in den Wochen, als sich der Massenprotest formierte, waren die Oppositionsgruppierungen mit anderem beschäftigt als die Demonstrationen zu organisieren. Sie strebten, mit dem Neuen Forum an der Spitze, den Dialog an mit der Bevölkerung, auch mit verschiedenen Kräften in der Gesellschaft, nicht zuletzt mit der SED, und sie warnten vor einem blinden Aktionismus. Die Oppositionsgruppierungen sind insofern ein wichtiger Kristallisationspunkt des Umbruchs, aber nicht die Ursache. Ausschlaggebend für die Demonstrationen war vor allen Dingen die Ausreisewelle in meinen Augen, die jedem in der DDR klar machte, dass es so nicht weiter gehen kann."

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