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StartseiteKalenderblatt"Im Augenblick ist es nicht deutsch, die Wahrheit zu sagen"05.12.2008

"Im Augenblick ist es nicht deutsch, die Wahrheit zu sagen"

Vor 50 Jahren starb der Dramatiker Ferdinand Bruckner

Der österreichische Dramatiker Ferdinand Bruckner hatte eigentlich Komposition studieren wollen, entschied sich dann aber für das Schreiben. Mit Stücken wie "Krankheit der Jugend" und "Verbrecher" beschwor der Autor zur Zeit der Weimarer Republik Skandale herauf und wurde schnell berühmt. Unter den Nationalsozialisten wurde sein Werk jedoch verboten. Während des Exils und nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Bruckner nicht an seine frühen Erfolge anknüpfen. Vor 50 Jahren starb er in Berlin.

Von Ruth Fühner

Ferdinand Bruckners Werk umfasst expressionistische Lyrik, Zeitstücke, Historiendramen und politische Widerstandssstücke.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Ferdinand Bruckners Werk umfasst expressionistische Lyrik, Zeitstücke, Historiendramen und politische Widerstandssstücke. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Das ist ein alter, alter Trick von mir, dass ich über das neue Stück nicht spreche, aber seit 30 Jahren schreibe ich an einem neuen Stück. Jeweils."

So viel ist wahr: Ferdinand Bruckner war ein überaus produktiver Autor. Aber die Kontinuität von Leben und Werk, die dieses Bonmot vorspiegelt - die hat es nie gegeben.

Das fängt schon damit an, dass Ferdinand Bruckner gar nicht Ferdinand Bruckner hieß. Geboren 1891 als Theodor Tagger, groß geworden in Wien und Paris, bekehrte er sich im expressionistisch erregten Berlin vom Musikstudium zur Lyrik.

Schnell wurde er bekannt, gründete eine exklusiv aufgemachte Zeitschrift, in der die Crème de la Crème veröffentlichte, von Döblin über Kafka bis Hesse, die aber bald wieder einging - und er gründete ein Theater, das es noch heute gibt: das Renaissance-Theater.

Sein Pseudonym - übrigens eine Hommage an den Komponisten Anton Bruckner - wählte er, als seine ersten, gar nicht mehr so expressionistischen, eher neusachlichen Stücke uraufgeführt wurden:

"Angefangen hat es aber in Hamburg, an den Hamburger Kammerspielen, die noch unter der Leitung von Ziegel waren. Der brachte 'Krankheit der Jugend' heraus, und die 'Elisabeth' ist dann hier auch gespielt, am Deutschen Schauspielhaus nebenan, und ich glaube auch 'Verbrecher', natürlich ja - 'Verbrecher' war ich dabei, weil da Stinkbombenattentate waren während der Aufführung, der ganze Platz vom Bahnhof bis zum Deutschen Schauspielhaus war belegt von protestierenden Herrschaften - das war schon von den kommenden Nazis vorbereitet."

Kritik an Justiz und Todesstrafe, Frauen, die Frauen, und Männer, die Männer lieben, Abtreibung und Selbstmord, Psychoanalyse und Pazifismus - die Stücke "Krankheit der Jugend" und "Verbrecher" machten Skandal und Ferdinand Bruckner berühmt. Kein Wunder, dass, als die Nazis begannen, alles auszurotten, was ihr Weltbild störte…

"Übergebt alles Undeutsche dem Feuer, gegen Klassenkampf und Materialismus."

…das also am 10. Mai 1933 auch Bruckners Dramen auf dem Scheiterhaufen landeten. Immerhin konnte sein antifaschistisches Stück "Die Rassen", das Psychogramm einer akademischen Jugend im Bann von Judenhass und Irrationalismus, noch 1933 uraufgeführt werden - allerdings in Zürich. Thomas Mann notierte:

"Sehr günstige Aufnahme. Große Demonstration des Publikums bei den Worten: 'Im Augenblick ist es nicht deutsch, die Wahrheit zu sagen'."

1936 emigrierte Ferdinand Bruckner in die USA. Versuche, in Hollywood als Drehbuchautor Fuß zu fassen, scheiterten. Auch in New York interessierte sich kaum jemand für Emigranten wie ihn. Trotzdem engagierte er sich - in seiner literarischen Produktion wie in den unterschiedlichsten Zirkeln des Exils - nachdrücklich gegen die nazistische Gewaltherrschaft in Europa. Bis er schließlich in die Heimat zurückkehren konnte.

"Meine Anfänge waren in Berlin, und nach dem Exil bin ich wieder nach Berlin zurückgekehrt und bin so nett aufgenommen worden, dass ich dann gleich geblieben bin."

Das ist freundlich ausgedrückt. Erst 1953 zog Bruckner wieder nach Berlin, an die Erfolge der Vorkriegszeit konnte er nie anknüpfen. Auch nicht mit "Früchte des Nichts", einem Stück über die Wirtschaftswunderjugend nach dem Zweiten Weltkrieg, das in Mannheim uraufgeführt wurde.

""Seit drei Jahren taumelt es einem durch den Kopf. Was es für Dinge gibt. Und alle warten darauf, der schönen Frau geschenkt zu werden. Vielleicht gab es früher einmal Gefühle, Ideale… Kinder wollen und so weiter.
Wir leben im Zeitalter der Gefühlsabschaffung.
Jetzt aber gibt es nur Geld.
Weit und breit nur Geld und Pelze"

Eine materialistisch ausgerichtete Welt, rebellische junge Männer und Frauen, die nach Orientierung suchen - ab und zu mühen sich heute noch Regisseure, Bruckners "Früchte des Nichts" - oder noch lieber das Pendant aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die "Krankheit der Jugend" - dem Vergessen zu entreißen. In Wirklichkeit aber zählt Ferdinand Bruckner, der am 5. Dezember 1958 in Berlin starb, zu jenen Autoren, deren Karriere die Nazis erfolgreich zerbrachen.

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