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Im Grenzland

Wer die Texte Sören Kierkegaards liest, hat den Eindruck, in ein erschreckend ernstes Spiel geraten zu sein. Spielerisch erscheinen die Gedanken mit ihrer literarischen Eleganz; sie sind jedoch so angeordnet, dass die Leser schnell in ein Labyrinth geraten.

Von Silke Kramer und Axel Grube | 03.12.2011

    Der Philosoph lässt sie ein Thema entdecken, das sie gleichsam am eigenen Leibe spüren: die Existenz des Menschen in seiner Verzweiflung und Hoffnung, mit seinem Leiden am Leben und seiner nie aufgegebenen Hoffnung. Er führt sie an die Grenze ihres Denkens über sich selbst.

    Im 20. Jahrhundert hatte Kierkegaard zwei Leser, die sich ähnlich fremd in ihrer Umgebung fühlten und ähnlich begabt waren mit schriftstellerischem Talent und Gespür für das Leiden am menschlichen Leben: Ludwig Wittgenstein und Franz Kafka.

    Auch ihre Texte verwirren durch ihre Mischung aus Spiel und Verzweiflung, aus Skepsis und unbegründbarer Hoffnung: Wittgenstein durch den raffiniert einfachen Stil seiner philosophischen Bemerkungen, Kafka durch seine rätselhaften, brennenden Geschichten und Tagebücher.

    In den Texten von Kierkegaard, Wittgenstein, Kafka erscheint der Mensch als ein Ausgesetzter - im Grenzland des Denkens und Lebens, als Einsamer und doch Hoffender.

    Sören Kierkegaard – Werke der Liebe (Hörheft)
    Sören Kierkegaard – Auszüge, zusammengestellt und gelesen von Axel Grube.

    Sören Kierkegaard – Werke der Liebe (Schmuckschachtel)
    Sören Kierkegaard – Auszüge, zusammengestellt und gelesen von Axel Grube.

    Sören Kierkegaard – "Darf sich ein Mensch für die Wahrheit töten lassen?" (Hörheft)
    "Darf sich ein Mensch für die Wahrheit töten lassen?" Eine Textauswahl aus Briefen und Werk, zusammengestellt und kommentiert von Axel Grube.

    Hörproben finden Sie hier:
    http://www.onomato.de/horbuch/soren-kierkegaard/soren-kierkegaard-werke-der-liebe-horheft.html

    "Hätte Hegel seine ganze Logik geschrieben und im Vorwort gesagt, dass sie nur ein gedankliches Experiment sei, in welchem er sich obendrein an vielen Stellen vor etwas gedrückt hat, dann wäre er wohl der größte Denker gewesen, der jemals gelebt hat. Nun ist er nur komisch." Die Abneigung Kierkegaards gegen das Hegelsche System oder gegen Systematiker überhaupt stellt ihn in eine Linie mit verwandten Denkern "freien Geistes" − von den Gnostikern bis zu Nietzsche. Kierkegaard allerdings als einen Begründer des existenzialistischen Denkens zu bezeichnen, würde die früheren Quellen dieser Lebenshaltung übersehen. Er war ein Erinnerer, Erkennender einer eigentlichen Lebensbejahung. Über die Berufung zu ihrem Verkünder und der Schwere einer solchen Aufgabe war er sich, wie ein Schamane, der oftmals diese Bestimmung um eines "grünen Lebens" (Friedrich Nietzsche) willen noch abzuwehren versuchte, schon früh bewusst: "Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, dass ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Das erste ist: dass es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann – und dass ich durch mein besonderes Kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, dass ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, dass Gott in Anbetracht meines besonderen Kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man solche Gedanken hat, ja, das weiß ich nicht, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen." (Sören Kierkegaard)

    Sören Kierkegaard: Kritik der Gegenwart oder: Zwei Zeitalter. Ein Kapitel aus der Schrift ‘Eine literarische Besprechung’
    1846. Herausgegeben von Methlagl, Walter.
    2011 Müller (Otto), Salzburg

    Die von Inger und Walter Methlagl vorgelegte neue Übersetzung von Kierkegaards Text ist umfangreicher, vor allem auf leichtere Lesbarkeit angelegt als die Erstveröffentlichung aus dem Jahr 1814, und ausführlich kommentiert. In einem von Walter Methlagl beigefügten Essay werden Kriterien, die Sören Kierkegaard einsetzte, um zu seiner Zeit herrschende Zustände kritisch zu durchleuchten, in einer Art Probe aufs Exempel exemplarisch in unsere Gegenwart "übersetzt". Gelten Kierkegaards Wahrheits-Kriterien auch noch heute? Angesprochen sind nicht nur philosophisch ausgebildete Leserinnen und Leser, sondern auch wissenschaftlich nicht-konditionierte, vor allem junge Menschen, die sich mit der Welt und dem, was sie zusammenhält, auseinandersetzen