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Im Konzert der "Großen"

Präsident Lula ist beliebt, er hat im eigenen Land Zustimmungswerte, die bei 80 Prozent liegen. Das hat mit seinen innenpolitischen Erfolgen zu tun. Und Präsident Lula vermag es auch, dem neuen "Riesen" Brasilien auch außenpolitisch Respekt zu verschaffen.

Von Gottfried Stein | 25.09.2010
    Als IOC Präsident Jaque Rogge im Oktober letzten Jahres Rio de Janeiro zur Olympiastadt 2016 erklärte, war es ein Triumph für ganz Brasilien – und speziell, für seinen Präsidenten, Lula da Silva, der das Prestigeprojekt massiv gefördert hatte und die Sportwahl zum politischen Großereignis erklärte:

    "Ich denke, dass es ein Tag zum Feiern ist. Denn Brasilien ist von dem Niveau eines 2. Klasse-Landes weg gekommen, und wir sind in den Club der 1.Klasse-Länder aufgestiegen. Heute haben wir den Respekt gespürt, den die Leute so langsam vor Brasilien haben"."
    Zumindest auf der sportpolitischen Ebene ist Brasilien international auf den Spitzenplätzen: 2007 die Panamerikanischen Spiele in Rio, 2014 die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, 2016 Olympia am Zuckerhut. Das ist Balsam für die Seele der 190 Millionen Menschen, und gut für ihr Selbstbewusstsein, meint der bekannte Fernsehjournalist Gudryan Neufert:

    ""Nicht, dass die Brasilianer früher kein Selbstbewusstsein hatten. Aber dieses Selbstbewusstsein der Brasilianer war stets eine momentane Sache, oberflächlich. Das setzte nur ein, wenn man eine Fußball-WM oder wenn ein Pilot die Formel 1 gewann. Das war dann ein sehr spontanes Selbstbewusstsein, das eine Woche lang anhielt. Heute habe ich den Eindruck, dass es ein permanentes Selbstbewusstsein ist".

    Tatsächlich hat Brasilien den Sprung in die erste Liga, in den Kreis der großen Industrienationen geschafft. Schon seit längerem ist Lula Wortführer der großen Schwellenländer, zum Beispiel bei den Welthandelsgesprächen in Doha.
    Der schlitzohrige ehemalige Arbeiterführer versteht es glänzend, Brasilien je nach Bedarf als Noch-Entwicklungsland oder als prosperierenden Zukunftsstaat zu verkaufen. Mauricio Santoro, Politikwissenschaftler aus Sao Paulo:

    ""Die Regierung unter Lula hat sich zu einer Regierung entwickelt, unter der Brasilien zur Brücke und zu einer aufstrebenden Macht geworden ist, zu einem Holder und zur Führungsmacht der Entwicklungsländer. Das heißt, die Diplomatie hat große Ambitionen in Lateinamerika, in Afrika, in Asien. Außerdem hat sie keine Probleme, kontroverse Positionen zu vertreten, die unterschiedlich zu den Positionen der Vereinigten Staaten und Europas sind"."

    Das Selbstbewusstsein Brasiliens auf internationaler Bühne ist auch andernorts zu spüren. Brasilia fordert einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat, zählt seit neuestem zu den Geberländern des internationalen Währungsfonds, besetzt immer stärker eine Führungsrolle in Lateinamerika. Bei regionalen Treffen mit seinen Kollegen fordert Lula immer wieder mehr Integration ein:

    ""Es gibt keinen alleinigen Weg für ein Land Lateinamerikas. Wir glauben an eine faktische und rechtliche Integration und arbeiten daran, damit die Integration passiert im politischen, kulturellen Raum, bei der technisch - wissenschaftlichen Entwicklung und weil Ihnen allen das Wort Integration gefällt"."
    Lula ist der einzige Lateinamerikaner, der im Dauerkonflikt zwischen Kolumbien und dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez die Gemüter beruhigen kann. Nicht nur US-Präsident Obama fordert, Brasilien müsse endlich als größtes Land die Führungsrolle auf dem Subkontinent übernehmen. Aber Brasilien hat es schwer, wie man bei den Welthandelsgesprächen sähe, meint der Politologe Tullo Vigevani von der Universität Sao Paulo:

    ""Ich glaube, dass es im Falle von Lateinamerika gar nicht die Möglichkeit gibt, dass ein Land die Führungsrolle übernimmt. Was die Doha-Verhandlungen angeht, hat Brasilien ganz klar eine wichtige Rolle. Aber selbst in den Punkten, die Brasilien am meisten interessieren, wie die Agrarexporte, ziehen andere Schwellenländer nicht mit. Und selbst in Lateinamerika gibt es Differenzen in Bezug auf diese Verhandlungen"."

    Der gemäßigte Sozialist Lula, der eine eher konservative Wirtschaftspolitik betreibt, scheut sich auch nicht, sich zum Beispiel im Streitfall um die Atompolitik auf die Seite Irans zu schlagen oder offen Position für Kuba zu beziehen. Damit verprelle er nicht nur die USA, sondern überschätze auch seinen Einfluss, meint der Soziologe und Wirtschaftsexperte Demetrio Magnoli:

    ""Präsident Lula und Kräfte des Außenministeriums träumen davon, Brasilien zu einer großen internationalen Macht aufzubauen. Und im Fall Irans haben sie so getan, als hätten sie diese Position, die sie in Wirklichkeit aber gar nicht haben. Brasilien hat nicht das Gewicht, um in Konflikten wie im Mittleren Osten zu vermitteln, um sich in den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern einzumischen, so wie die Regierung dies anpreist"."

    Für Kritiker wie Magnoli wird die Bedeutung Lulas vor allem im Ausland überschätzt. Der märchenhafte Aufstieg des bettelarmen Jungen zum Gewerkschaftsführer und Staatspräsidenten würde manchmal verklärt. Ohne Zweifel ist die Bedeutung Brasiliens auch schon unter Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardozo permanent gewachsen. Und nach Einschätzung Magnolis werde das politische strategische Gewicht Brasiliens weiter steigen, aber:

    ""Brasiliens politisches Gewicht wird niemals so groß sein wie sein wirtschaftliches Gewicht. Zuerst einmal wegen seiner geographischen Lage, denn Brasilien und Südamerika liegen abseits der großen Machtzentren der Welt. Der zweite Faktor ist die Option Brasiliens, keine Nuklearmacht werden zu wollen. Deshalb hat das politische Gewicht Brasiliens eine Grenze im internationalen Szenario wegen dieser strategischen Option, keine Atommacht zu sein"."