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StartseiteKultur heuteIm Netz deutscher Geschichte19.09.2013

Im Netz deutscher Geschichte

Der Film "Zwei Leben" von Georg Maas soll ins Oscar-Rennen gehen

Von den Nazis aus Norwegen verschleppt, von der Stasi als Spionin wieder eingeschleust: Kathrine, die Hauptfigur aus "Zwei Leben" gewöhnt sich so sehr an ihre falsche Identität, dass sie diese nicht aufgeben möchte. Eine schwere Last, die der Film in ebenso schwer genießbaren Dialogen aufarbeitet.

Von Josef Schnelle

Regisseur Georg Maas arbeitet die deutsch-norwegische Geschichte auf (picture alliance / dpa)
Regisseur Georg Maas arbeitet die deutsch-norwegische Geschichte auf (picture alliance / dpa)

"Nach dem Krieg hat man mich direkt in ein Lager gesteckt. So machte man das mit Frauen wie mir." – "Hier in Norwegen?" – "Mh. Ich wurde bestraft weil ich einen Deutschen liebte." – von den eigenen Landsleuten." – "ich wurde erst nach zwei Jahren entlassen. Ich bin dann sofort nach Deutschland gefahren um Kathrine zu suchen."

Zwischen 1940 und 1945 wurden in Norwegen mehr als 10.000 Kinder geboren, die aus einer Beziehung zwischen einer Norwegerin und einem deutschen Soldaten zum Teil als gewollte "Zuchtresultate" entstanden waren. Ein paar Hundert dieser Kinder mit nach NS-Lesart besonders wertvollem nordischem Blut wurden in "Lebensborn"-Kinderheime der SS nach Deutschland verschleppt. Diese wenig bekannte, einem abstrusen rassistischen Größenwahn entsprungene Aktion, nimmt der Spielfilm von Georg Maas zum Ausgangspunkt seiner Geschichte.

Inzwischen leben Mutter und Tochter ausgesprochen glücklich zusammen. Kathrine hat eine erwachsene Tochter und einen norwegischen Traummann. Aber da war doch was? Gewiss. Aus dem Unrechtsregime der Nazis wurde das der ostdeutschen Stasi. Doch Katrine schaffte es Ende der 60er Jahre über die Ostsee zu fliehen. Soweit - so unwahrscheinlich. Man merkt es gleich am stets verschreckten Blick der Hauptdarstellerin Juliane Köhler. Irgendetwas stimmt nicht an ihrer Biografie. Ein Anwalt taucht auf, der ihren Fall vor ein internationales Gericht bringen will. Ken Duken spielt diese Figur steif und leblos, so als wäre ihm bewusst, dass er das schreckliche Schauspielerschicksal erleidet, ein Drehbuchscharnier zu sein.

Weil Nazi-Verbrechen allein nun einmal nicht mehr dazu taugen, einen deutschen Film im Oscar-Rennen unterzubringen oder weil es überhaupt schick ist, die beiden deutschen im Grunde sehr unterschiedlichen Diktaturen miteinander zu verbinden, ist Kathrine nicht wirklich geflohen, sondern wurde mit der perfekten Biografie eines vermeintlichen Nazi-Opfers von der "Stasi" ins Norwegische eingeschleust. Inzwischen hat sie sich an ihre Lebenslegende so gewöhnt, dass die neuen Enthüllungen die Sicherheit ihrer glücklichen Existenz gefährden. Naturgemäß ist ihr besonders der eifrige Anwalt ein Dorn im Auge.

"Wieso bist Du eigentlich so dagegen, bei dieser Klage mitzumachen. Das muss man doch öffentlich machen." – "Nein. Muss man nicht." – "Warum soll ich denn überhaupt Jura studieren? Da kommt ein Anwalt zu uns und Du lügst ihn einfach an."

Lügen kann sie. Das hat sie von der offenbar auch nach der Wende noch geräuschlos und effektiv (wozu eigentlich?) funktionierenden "Stasi" gelernt. Grimmige Westentaschenagentenführer aus dem Fernsehklischeemuseum für Knatterchargen machen ihr das Leben schwer und nach einigen misslungenen Vertuschungsversuchen muss sie sich auch vor ihrem Traummann endlich rechtfertigen.

"Hast Du mich deshalb geheiratet, damit du besser spionieren kannst?" – "Nein, ich hab dich nie ausspioniert. Die wollten es. Aber ich hab´s nicht getan." – "Und das soll ich Dir glauben? Du tischst uns jeden Tag was Neues auf. Wie sollen wir Dir noch was glauben?"

Glauben, Vertrauen. Die schwere Last der allmächtigen Superdiktaturen aus Deutschland verquirlt dieser Zutatenfilm zu einem schwer genießbaren konfrontativen Dialogbrei, an dem auch am Rande Ingmar Bergmans Muse Liv Ullmann als "bleiche Mutter" der tragisch-unfreiwilligen Agentin ihr Päckchen zu tragen hat. Man hört oft, ein Film sei überkonstruiert. Dieser Film ist mit dem Metallbaukasten trotz einiger fehlender Teile grob und unglaubwürdig zusammengeschraubt. Die Emotionalität und die Glaubwürdigkeit halten sich in Grenzen. Wer sich wirklich informieren möchte, dem sei eine WDR-Dokumentation namens "Deutschkinder" von 2006 empfohlen (oder man hört einfach Ani-Frid Lygstad zu. Als Teil von Abba ist sie das berühmteste echte "Tyskkind" im Weltgedächtnis geblieben.)

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