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Im Reich der schwarzen Pharaonen

Noch reisen nur wenige Touristen in den Sudan, das größte Land auf dem afrikanischen Kontinent. Im vergangenen Jahr waren es schätzungsweise 2000. Doch das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Vor allem der Nordsudan ist für Abenteurer und Archäologie-Interessierte ein Eldora.

Von Iris Völlnagel | 24.06.2007

Rund 200 Minuten dauert die Fahrt von Khartoum bis nach Naga, einem Ort mitten in der nordsudanesischen Steppe. Vor 2000 Jahren war Naga die südlichste Stadt des nubischen Königsreichs von Meroe. Jede Minute Fahrt steht für einen Kilometer. Mit jedem Kilometer, den wir uns von Khartoum, dem politischen und kulturellen Zentrum des modernen Sudans entfernen, reist man zehn Jahre in die Vergangenheit, meint Dietrich Wildung. Der Archäologe muss es wissen. In den vergangenen zehn Jahren ist der Professor und Leiter des Ägyptischen Museums in Berlin unzählige Male in den Nordsudan gereist. Diesmal ist er mit einer deutschen Reisegruppe unterwegs. Von Khartoum her kommend ist Naga der nächstgelegenste Ausgrabungsort und deshalb Startpunkt vieler Reisen. Dabei wurde es selbst für Archäologen erst in den letzten Jahren bedeutend:

"Man wusste von der Existenz von Naga seit 1822. Es gab auch 1844 bereits eine preußische Expedition ins Niltal mit Richard Lepsius, die im Februar 1844 hier war und eine erstaunliche Menge von hochqualitativen Zeichnungen mitgebracht hat, von all dem, was damals aus dem Sand schaute. Aber es haben damals keine Ausgrabungen stattgefunden. Dass dann 150 Jahre später, als wir anfingen hier auszugraben, alles noch so aussah wie 1844 liegt in erster Linie natürlich daran, dass Naga hohe logistische Anforderungen stellt: der Ort ist weit vom Niltal entfern, mitten in der Steppe. Da braucht man eine gewisse Mentalität dazu."

Der Nordsudan und seine historischen Stätten sind kein Reiseziel für den Massentourismus. Noch nicht. Wer hierher kommt, braucht schon etwas Abenteuerlust, denn viele der nubischen Altertümer wie etwa die Tempelanlagen von Naga sind nur mit dem Allradwagen über eine Sandpiste zu erreichen. Doch wer die Strapazen der Reise auf sich nimmt, wird belohnt mit einer bezaubernden Landschaft und archäologischen Funden in nahezu unberührter Natur.

Die Geschichte des Nordsudans, auch Nubien genannt, ist eng mit der Ägyptens verbunden. Doch für die alten Ägypter war das Land südlich des Asuan-Sees zwischen der ersten und sechsten Stromschnelle am Nil, den sogenannten Katarakten, vor allem eine wichtige Quelle für Gold, Elfenbein, Felle und Sklaven. Kusch - so der ägyptische Name - zählte in ihren Augen nicht viel. Als Zeichen ihrer Macht errichteten die Ägypter zwischen dem dritten und vierten Katarakt in der Nähe des Bergs Jebel Barkal einen großen Tempel zu Ehren ihres Gottes Amun. 2003 wurden die Anlagen zusammen mit der antiken Stadt Napata zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Dass es im Nordsudan aber zugleich eine eigenständige, nubische Kultur mit eigenen Königreichen gab, wurde selbst unter Archäologen lange nicht wahrgenommen:

"Ich glaube, eine der wichtigsten Erkenntnisse, die sich bei vielen archäologischen Unternehmungen hier im Sudan in den letzten Jahren herausgebildet hat, ist, dass eine der wesentlichen Wurzeln der altägyptischen, der pharaonischen Hochkultur, der Griechenland, der Rom und damit auch wir so viel unendlich viel verdanken, hier in Afrika, in Ostafrika, ihre Wurzeln hat. Wir entdecken hier die African Roots der ägyptischen Zivilisation. Und das wirft auch ein neues Bild, einen neuen Blick nicht nur auf den Sudan als eine der großen antiken Kulturen, sondern auch ein verändertes Licht auf Ägypten."

Nach über zwei Stunden Fahrt auf einer geteerten Landstraße biegt unser Fahrer plötzlich rechts ab. Dass dies der richtige Weg sein muss, erkennt er an den Spuren, die zahlreiche Autos vor uns hier hinterlassen haben. Weit und breit sind nur Sand und einzelne Büsche zu sehen. Vereinzelte Kamele suchen im Schatten der Büsche Schutz vor der Sonne. Gelegentlich fahren wir an einfachen Hütten vorbei, davor spielen einige Kinder. Dann endlich nach etwa 30 Kilometern Sandpiste entdecken wir einen modernen Wohncontainer, mitten in der Wüstenlandschaft: der Eingang zum Ausgrabungsgelände von Naga.

Der Tempel liegt unübersehbar auf einem leichten Hügel. Eine riesige Rampe führt geradewegs auf ihn zu. Wir gehen sie hinauf, genau den Weg, den auch die Pilger vor 2000 Jahren gegangen sind. Um in die Säulenhalle mit dem Allerheiligsten zu gelangen, passieren wir zuerst eine Allee mit jeweils sechs Widdern auf jeder Seite. Danach kommt ein kleines Kiosk, eine Art Wegstation und danach nochmals sechs Widder. Ein riesengroßes Steintor markiert den Zugang in eine Säulenhalle mit verschiedenen Räumen. Von hier sind es nur noch wenige Schritte ins Allerheiligste. Jedes Mal, wenn Dietrich Wildung hier steht, muss der Archäologe daran denken, wie es war, als er Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal hierher kam:

"Der Tempel, in dem wir heute auf dem originalen Tempelplatz stehen, so wie vor 2000 Jahren der König und die Priester schaute mit seinem oberen Drittel aus dem Sand bei den hohen Tempeltoren, vom Rest sah man überhaupt nichts. Aber man konnte vermuten, dass darunter sehr viel gut erhalten sein würde.

Als wir zu graben anfingen, purzelten die Überraschungen: Wir stellten fest, dass im Säulensaal nicht nur eine Säule übrig geblieben war, die man noch sah, sondern sieben andere mit Reliefs und Inschriften dekorierte Säulen einfach am Boden lagen. Wir haben davon fünf wieder aufgestellt in den letzten Jahren. Und dann gibt es eine beträchtliche Menge von Tempelausstattung. Der Tempel ist infolge eines Erdbebens eingestürzt und hat unter sich den laufenden Kult-Betrieb begraben."

Vor 2000 Jahren gehörte Naga zum Königreich von Meroe. Naga war zugleich der südlichste Ort im Königsreich und galt als Tor nach Schwarzafrika.

In zwei Jahren spätestens, so hofft Dietrich Wildung, können die Besucher das gefundene Tempelinventar in einem kleinen Museum, das neben der Tempelanlage errichtet werden soll, besichtigen. Doch auch im Nationalmuseum in Khartoum und im Ägyptischen Museum in Berlin sollen nach der Wiedereröffnung der Berliner Museumsinsel Funde aus Naga ausgestellt sein. Bereits jetzt ist im Berliner Ägyptischen Museum eine Replik des bedeutendsten Fundobjekts von Naga zu besichtigen: der Altar aus dem Amuntempel.

"Der Altar, der hier im Allerheiligsten des Tempels des Amun steht, den wir hier intakt an seiner originalen Stelle gefunden haben, sogar noch mit einem Opferbecken davor, der Kult lief also, als der Tempel einstürzte, zeigt in ganz exemplarischer Weise, wie sich hier im Nordsudan ägyptische Anregungen mit lokalen Kunstformen verbinden, also eine Symbiose vom sehr stark nach Norden orientierten Ägypten und den afrikanischen Elementen der meroitischen Kultur."

Beispiele für die Verknüpfung von ägyptischer und afrikanischer Kultur gibt es gleich mehrere: Auf zwei gegenüberliegenden Seiten zeigen die Reliefs des Altars den ibisköpfigen Gott Toth und den falkenköpfigen Gott Horus. Sie binden Papyrusstängel um ein Hieroglyphenzeichen, das für Vereinigung steht als Symbol für die Einheit und Stabilität des meroitischen Königreichs. Auffällig sind auch die Hieroglyphen: Sie sehen zwar ägyptisch aus, haben aber andere Lautwerte und stehen für eine eigene Sprache, das Meroitische. Die Schriftzeichen verraten, wer der Erbauer des Tempels war: König Natakamani und Königin Amanitore.

Bis heute ist es den Archäologen nicht gelungen, die meroitische Schrift vollständig zu entziffern. Sie zu ergründen würde helfen, die Kultur besser zu verstehen, meint Sylvia Schoske, leitende Direktorin der Staatlichen Sammlung Ägypischer Kunst in München. Und typisch für Afrika: Auch in Nubien gab es lange keine schriftlichen Überlieferungen, obwohl die Kultur des antiken Sudans eine Hochkultur war.

"Die Problematik darin ist - da sind die alten Ägypten eigentlich genau so gewesen wie die modernen Forscher -, die Kulturen des antiken Sudan waren bis in die meroitische Zeit hinein illiterat, das heißt, sie haben nicht ein Aufzeichnungsbedürfnis entwickelt. Natürlich hatten sie ihre eigenen Sprachen, aber sie haben kein eigenes Schriftsystem - auch etwas afrikanisches - entwickelt. Wenn sie geschrieben haben, haben sie ägyptische Hieroglyphen und ägyptische Schrift verwendet und erst in meroitischer Zeit, übrigens in Naga im 2. Jahrhundert vor Christus finden wir die älteste meroitische Inschrift. Aus diesem Grund haben die alten Ägypter von oben herab auf die Nubier heruntergeguckt und die immer nur als die Elenden von Kusch bezeichnet."

Normalerweise ist es in Naga sehr still, doch heute ist ein besonderer Tag. Die deutschen Archäologen haben ihre Arbeit am Amuntempel abgeschlossen und das Heiligtum den Sudanesen übergeben. Das wird gefeiert. Auch viele Beduinen, die in den letzten Jahren fleißig Hand angelegt haben, sind gekommen. Für die meisten von ihnen waren die Archäologen die ersten Europäer, die sie getroffen haben, erinnert sich Grabungsleiterin Karla Kröper.

"Wir sind hier ganz unbedarft angekommen, haben in der ersten Kampagne in Zelte gewohnt, weil wir nichts zu wohnen hatten, und während wir hier waren, sind schon die Beduinen gekommen und haben natürlich erstmals bestaunt, weil vorher keine Europäer oder fast keine Europäer da gewesen waren. Und dann haben wir ein oder zwei gefragt, ob sie mithelfen wollen, erst mal ein paar Sachen tragen, Wasser holen und solche Sachen. Und dann haben wir gemerkt, dass wir uns verständigen können - da sprechen alle nur schlechtes Arabisch, aber man kann sich verständigen -, und die haben dann ihre Brüder mitgebracht, die haben dann ihre Cousins mitgebracht, und so hat sich das ausgebreitet, bis eine Gruppe beisammen war."

Auf diese Weise ist auch der 28-jährige Yussuf Grabungshelfer geworden. Früher zog der in typischer Landtracht mit weißem Turban und weißem, langem Gewand bekleidete Beduine mit seinen Schafen und Ziegen durch die karge Wüstenlandschaft. Die Tiere hat er inzwischen seinem Bruder überlassen, denn mit den Ausgrabungen verdient Yussuf jeden Tag drei bis vier Euro - mehr als durch Schafe hüten.

"Die Arbeit ist sehr hart. Wir arbeiten mit Besen, Schaufeln und einigen anderen Geräten. Manchmal muss ich auch Sand wegtragen. Aber das mache ich nicht so gern. Doch mit dem Graben kann ich viel Geld verdienen. Meine Frau ist dann glücklich, dass sie so viel Geld bekommt."

Mehrere Monate übers Jahr verteilt sind die deutschen Archäologen aus Berlin mit den Grabungen zugange, für die Beduinen eine gute Einnahmequelle. Denn in dieser kargen Gegend, wo die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen darin besteht, nach der Regenzeit am Nil bei der Ernte zu helfen, sind vier Euro Tageslohn viel Geld. Sehr verändert habe der neue Reichtum das Leben hier trotzdem nicht, meint Karla Kröper:

"Wir haben festgestellt, dass die Nomaden sehr robust sind gegen jede Veränderung. Und ich habe in den letzten zehn Jahren eigentlich keine Veränderung gesehen. Sie haben vielleicht ein bisschen mehr Kleidung, das ist wirklich war, sie kaufen sich manchmal vielleicht eine Galerea. Manchmal kommen sie auf so Ideen wie, dass ihre Frauen plötzlich Pulvermilch wollen in den Dosen, und dafür geben sie sehr viel Geld aus, auch wenn es sehr teuer ist. Aber die wohnen noch genauso, wie sie vor zehn Jahren gewohnt haben."

Wer Glück hat und nicht zur heißesten Jahreszeit nach Naga fährt, kann Karla Kröper und ihr Team bei der Arbeit antreffen. Neben dem Amuntempel liegt noch eine ganze Stadt auf einer Fläche von rund drei Quadratkilometern unter dem Wüstensand begraben. Alles auszugraben würde 50 Jahre dauern. Karla Kröper ist froh, mit dem Amuntempel nach zehn Jahren einen ersten Meilenstein geschafft zu haben. Über die Kultur ihrer Vorfahren wissen die Beduinen heute nichts mehr. Dass jetzt immer mehr hellhäutige Besucher kommen und nach den alten Schätzen graben, hat auch sie fragend gemacht:

"Die Leute, die mit uns gearbeitet haben, die sehen es inzwischen als etwas Wichtiges, nicht für sich selbst direkt, aber weil wir so sorgsam damit umgehen, haben sie es übernommen. Und sie fangen auch an, sich damit zu identifizieren. Wir haben mehrere Male schon Stücke gefunden von Königsköpfen und solchen Sachen, wo dann einer sagt, 'Ah, das sieht genau aus wie Mohammed - mein Bruder!' Und jetzt fangen sie an, auch in den letzten Jahren immer wieder an zu fragen, was da eigentlich ist, wer da gelebt hat, wie das war, ob die die gleichen Tiere hatten wie sie heute."

Viele Fragen, auf die auch die Archäologen nicht immer eine Antwort haben..

Von Naga aus fahren wir weiter in Richtung Norden. Diesmal können wir auf der geteerten Straße bleiben. Vorbei an ärmlichen Dörfern und Ölraffinerien ist unser Ziel schon von weitem sichtbar: die Pyramiden von Meroe. Warum die Nubier im dritten Jahrhundert vor Christus ihre Grabstätten von der Hauptstadt Napata ins südlich gelegenere Meroe verlegten? auch das ein noch ungelöstes Geheimnis..

Wie abgebrochene Zahnstümpfe ragen die Pyramiden aus dem rötlichen Wüstensand. Am Eingang des Geländes erwarten uns die Beduinen auf ihren Kamelen, die weißen Turbane und Gewänder glitzern in der Mittagssonne. Einige Frauen sitzen auf dem Boden, um sie herum ausgebreitet liegen Schüsseln und Tonkrüge sowie viele kleine, aus Stein gehauene Tiere, die sie zum Verkauf anbieten. Es ist heiß hier in der Mittagssonne, und so bieten uns die Nomaden an, den kurzen Fußweg auf dem Rücken ihrer Kamele zurückzulegen. Über 100 Pyramiden, viele von ihnen auch schon sehr verfallen, zählen zum königlichen Friedhof, aufgeteilt in einen Nord- und einen Südteil:

"Die ältesten Gräber sind dort drüben. Da beginnt die Geschichte der Königsnekropole von Meroe um 300 vor Christus, sehr respektable und große Bauten. Sie repräsentieren die gesamte meroitische Geschichte von 650 Jahren. Sämtliche Herrscher - mit einer kurzen Unterbrechung, wo die Gräber dann wieder am Jebal Barkal sind - sind hier bestattet. Und ich glaube, dass auch die Tatsache, dass hier das ganze Königshaus über Jahrhunderte sich an einem Ort bestatten ließ, ein afrikanischer Zug ist, nämlich der Clan, der zusammenhält nicht nur im Leben, nicht nur in der Realität, sondern auch im Tod. Die Stammesgemeinschaft bleibt auch über das hiesige Leben hinaus in die Ewigkeit erhalten. "

Über 600 Jahre lang, vom 3. Jahrhundert vor Christus bis zum Untergang des meroitischen Reichs im 4. Jahrhundert nach Christus, wurden die Könige und ihre Beamte hier begraben. Es ist totenstill, als wir im feinen Sand von einer Pyramiden zur nächsten schreiten. Verglichen mit den ägyptischen Pyramiden sind diese hier mit höchstens 30 Metern geradezu klein und wesentlich spitzer gebaut. Kaum eine ist noch vollständig erhalten. Zu sehr hat der Wind und die Natur daran genagt. Trotzdem drückt der Ort eine faszinierende Stille aus:

Ursprünglich stand vor jeder Pyramide eine vorgelagerte Kapelle mit einem oder zwei Räumen. Einige sind noch gut erhalten. An ihren Wänden erzählen Reliefs vom Leben der Verstorbenen:
"In der Mitte dann das eigentliche Eingangstor, wenn sie nachher ein klein wenig herumstreifen, werden Sie dort über dem Eingang oft eine geflügelte Sonnenscheibe haben und dann die Bilder, die Reliefs, die wir hier vorne sehen. Und der regierende König ist dargestellt. Und da dies die Pyramide Nummer sechs der Königin Amanishakheto ist, haben wir hier auf beiden Flügeln, diese wohlbeleibte, dem afrikanischen Schönheitsideal entsprechende Königin vor uns. Auch noch sehr martialisch, wir wissen, dass es hier auch ein Ideal gegeben hat, sich kriegerisch zu zeigen."

Was auch unter Frauen durchaus üblich war. Denn im Reich der Meroiter spielten die Frauen als sogenannte Schwarze Königinnen eine wichtige Rolle. Amanishakheto war nur eine von ihnen. Vermutlich war sie die Mutter der Königin Amanitore, die in Naga als Erbauerin des Amuntempels erwähnt wird. Von den weiblichen Herrscherinnen ist auch schon in der Bibel zu lesen. Das Neue Testament berichtet von einem Angestellten der Königin Kandake, der nach Jerusalem reist, um im Tempel zu beten. Kandake, so meint die Ägyptologin Sylvia Schoske, ist kein Name, sondern ein Titel, vermutlich der der Königinmutter.

"Es ist sicherlich ein afrikanisches Element der nubischen Kulturen, dass wir hier nun immer wieder darauf stoßen, dass es selbstständig regierende Königinnen gegeben hat und dass bei der Erbfolge nicht automatisch ein Sohn bevorzugt worden ist und auch die Position der Königinmutter scheint eine ganz wichtige gewesen zu sein.. Möglicherweise hat sich auch die Erbfolge über die weibliche Linie vererbt, und das sind dann auch wieder Dinge, die wir durchaus auch in Ägypten beobachten können. Diese sehr gute Position der ägyptischen Frau hat sich dann erst geändert, als Ausländer, die Griechen, ins Land gekommen sind. Von dem Moment an geht die Position der Frauen bergab."

Einst war die Pyramide Nummer sechs, das Grab der Königin Amanishakheto, eines der größten von Meroe. So berichtet es der Franzose Frederick Cauillaud zu Beginn des 19. Jahrhundert in seinen Reiseerzählungen. Seine Berichte animierten damals einige Abenteurer, in den Sudan zu reisen, darunter auch der italienische Arzt Guiseppe Fellini. 1834 kommt er auf der Suche nach Grabschätzen nach Meroe und hinterlässt Spuren:

"Wir haben in der Publikation von Frederick Cauillaud 1823 - er war nach Linon Belfont der erste, der hier war, der erste Europäer - einen wunderschönen Stich. Da ist diese Pyramide noch komplett inklusive Spitze und oben die kleine Scheintüre. Es war eine der größeren, fast größten. Amanischakheto gehört ins zeitliche Umfeld von Naganamato und Amanitore, also in die Blütezeite des Reiches. Zwölf Jahre später 1834 kommt Ferlini hierher, sucht sich, wir wissen nicht, warum, gerade diese Pyramide aus und trägt sie, eine Pyramide, die komplett war, bis auf den Zustand ab, der heute hier zu sehen ist. Und wenn sie da von hinten über die Düne hochgehen, dann schauen sie in einem tiefen Krater im Inneren, da hat er runtergegraben, und da liegt die Grabkammer, aus der dann der Goldschmuck geborgen wurde. Und jenseits hinunter liegen die ganzen Steinblöcke, die er von seinen lokalen Arbeitern abreißen und den Berg runterwerfen ließ."

Heute ist der Grabschatz der Königin Amanishakheto in den Ägyptischen Museen in Berlin und in München zu bewundern. Dem Sudan blieben nur die zerstörte Pyramide.

Und auch ein Deutscher hat in Meroe deutliche Spuren hinterlassen: Der Ostberliner Friedrich Hinkel. In den 60er Jahren als der Assuan-Staudamm gebaut wurde, kam er in den Sudan, um einige nubische Schätze vor der Überflutung zu retten. Danach blieb Hinkel in Meroe, um einige Pyramiden wiederaufzubauen. Heute wecken die grauen, glatten Wände Erinnerungen an sozialistische Monumentalbauten:

"Das war ein bestimmtes Konzept des Wiederaufbaus, der Restaurierung, dem man heute durchaus etwas gegenüber kritisch sehen kann. Es hat damals tatsächlich diplomatische Verbindungen zwischen dem Sudan und der DDR gegeben. Also man kann das schon fast als eine politische Mission bezeichnen."

Ende Juni wird die UNESCO- Kommission entscheiden, ob die Pyramiden von Meroe und die Tempelanlagen von Naga zum Weltkulturerbe ernannt werden. Für die deutschen Archäologen wäre dies eine Anerkennung ihrer Arbeit. Die Menschen im Sudan hoffen, dass ihr Land und seine einzigartigen kulturellen Schätze dadurch mehr Menschen zugänglich wird. Und vielleicht kommen auch ein paar Touristen mehr.