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StartseiteDlf-MagazinIm Stich gelassen16.12.2010

Im Stich gelassen

Die Opfer der Loveparade klagen an

21 Todesopfer forderte die Katastrophe bei der Duisburger Loveparade im Juli, über 500 Verletzte, und selbst, wer die Massenpanik körperlich unbeschadet überstand, hat mit den Erinnerungen an den Schrecken zu kämpfen. Eine Selbsthilfeinitiative will Betroffene unterstützen, mit den psychischen Problemen fertig zu werden.

Von Claudia Sanders

Katastrophe im Juli (AP)
Katastrophe im Juli (AP)

Die SMS ist kurz und knapp: "Viele Tote auf der Loveparade, ich bin schwer verletzt, macht euch keine Sorgen", schreibt die 16-jährige Virginia ihren Eltern - die zu der Zeit in Südfrankreich sind. "Das war ein Albtraum", sagt ihr Vater, der 47-jährige Jürgen Hagemann, heute. Es dauerte damals Stunden, bis die Eltern ihre Tochter telefonisch erreichten und erst nach Tagen war klar, dass Virginia - zumindest körperlich - wieder ganz gesund werden würde. Verbitterung bleibt bei ihm dennoch zurück:

"Also, was mich wirklich speziell in Duisburg überrascht und auch entsetzt hat, ist, dass niemand auf die Betroffenen zu gegangen ist."

Im Klartext: Bis heute hat sich niemand von der Stadt Duisburg oder vom Veranstalter bei den verletzten Opfern der Loveparade gemeldet - mit keinem Wort. Doch Jürgen Hagemann neigt nicht zum Jammern, er nimmt die Dinge lieber selber in die Hand. Energisch schlägt er die Beine übereinander, setzt sich aufrecht an den Bistrotisch und erzählt: Kurz nach der Duisburger Katastrophe gründet er eine Initiative, die später zum Verein "Massenpanik-Selbsthilfe" wird. Erst sollte es nur ein Forum werden, in dem die Betroffenen ihre zivilrechtlichen Ansprüche gemeinsam formulieren wollten. Doch schnell stellte sich heraus: Die psychischen Probleme sind nach dem Unglück so gravierend, dass hier die meiste Hilfe notwendig ist. Und das gilt bis heute:

"Bei allen äußert es sich wohl so, dass sie extreme Schlafstörungen haben, nicht in den Schlaf finden, wenn dann Albträume haben, ganz extremes Schlafdefizit haben. Dass die Bilder nicht abfließen, die Bilder bleiben stecken kann man sagen. Die Leute kriegen Flashbacks, irgendwelche Geräusche, Gerüche, irgendwelche Situationen, die erinnern die Leute, sie fallen zurück in diesen Moment der Todesangst."

Ein Problem, das fast alle der gut 80 Opfer haben, die dem Verein angehören. Doch einigen von ihnen wird die Bezahlung der dringend benötigten Trauma-Therapie von den Krankenkassen verweht. "Da hat selbst der engagierte Einsatz des Ombudsmann von der nordrhein-westfälischen Landesregierung nichts genutzt", ärgert sich Hagemann.

"Eigentlich ist es beschämend für ein Land wie Deutschland, wo alles organisiert ist, alles geregelt ist, dass zum Beispiel Behandlungskosten, die dringend notwendig sind, von der Krankenkasse verweigert werden. Oder so lange verzögert werden, über Wochen und Monate hinaus, dass die Leute nicht die Hilfe bekommen, die ihnen eigentlich zusteht."

Immerhin: Nicht alles ist nach der Katastrophe von Duisburg für die Betroffenen schlecht gelaufen. Der Notfallfonds der Landesregierung funktioniere tatsächlich ganz unbürokratisch. Und auch die Unterstützung durch die Notfallseelsorge sei Gold wert. Nur, dass immer noch nicht klar ist, wer für diese Katastrophe verantwortlich ist, das bedrückt Jürgen Hagemann. Und nicht nur ihn. "Wir suchen keinen Sündebock", sagt er, "aber wir wollen endlich wissen, welche Fehler zu diesem Unglück geführt haben". Denn ohne die nötige Aufklärung wird es keine zivilrechtliche Entschädigung geben. Und damit auch keinen inneren Frieden für die Opfer.

"Ich sage immer, die Betroffenen werden da durch diese Verzögerungstaktik zum zweiten Mal geschädigt. Denn es gibt Menschen, die sind darauf angewiesen, gerade die Fälle, wo Arbeitsplätze verloren gegangen sind, dass es dort eine schnelle Regelung gibt."

Denn auch das gehört zur traurigen Realität: Einige der Verletzten haben ihren Job verloren und stehen nun vor dem Nichts. Andere Folgen sind erst einmal nicht so offensichtlich, aber nicht weniger gravierend. Jenen Opfern, die eine Therapie in Anspruch genommen haben, bleibt in der Regel die Aufnahme in eine private Krankenversicherung oder der Abschluss einer Lebensversicherung verwehrt. Psychische Behandlungen gelten in der Regel als Ausschlussgrund. Ohne Lebensversicherung aber ist es fast unmöglich, noch jemals einen Baukredit gewährt zu bekommen.

"Wir formulieren derzeit eine Petition, die wir einreichen wollen, um dieser Benachteiligung dieser Betroffenen entgegen zu wirken und hoffen, dass da eine Regelung getroffen wird. Das sind zum größten Teil alles junge Leute, die am Anfang ihrer Karriere stehen und es kann nicht sein, dass ihnen aufgrund dieses Unglücks der Weg in diese Versicherung verbaut ist."

Anfang kommenden Jahres wollen Jürgen Hagemann und seine Mitstreiter die Petition beim Bundestag einreichen. Dann wird bei Familie Hagemann auch wieder ein Stück mehr Alltag einziehen. Denn dann geht Virginia zum ersten Mal nach dem Unglück wieder in die Schule.

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