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StartseiteUmwelt und VerbraucherIm Straßenverkehr gleichberechtigt Flächen nutzen19.03.2013

Im Straßenverkehr gleichberechtigt Flächen nutzen

"Shared Spaces" gibt es in Deutschland bisher als Pilotprojekt

Eine Innenstadt ohne Schilder, ohne Ampeln – einfach nur freie Flächen für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer. Dieses Konzept der "Shared Spaces" will nun auch ein Netzwerk in Deutschland fördern.

Von André Zantow

An vielen Stellen könnten Flächen von allen Verkehrsteilnehmern geteilt werden. (dpa/Malte Christians)
An vielen Stellen könnten Flächen von allen Verkehrsteilnehmern geteilt werden. (dpa/Malte Christians)

Die "Straße des 17. Juni" in Berlin: sechs Fahrspuren, dazu am Rand und in der Mitte üppige Parkflächen. Keine Frage, dieser öffentliche Raum gehört den Tausenden Autos, die hier täglich durchrollen. "Das muss nicht sein", sagt Katalin Saary vom SRL, dem Berufsverband der Stadt- und Raumplaner. Nach einem Blick auf die Straße nickt sie. Auch hier könne ein Shared Space entstehen. Ein öffentlicher Raum ohne Ampeln und Verkehrsschilder, den alle - Fußgänger, Radfahrer und Autos – gleichberechtigt nutzen können.

"Wenn der Bedarf da ist, dass viele Menschen hier rübergehen möchten, sich viele Menschen im Seitenraum aufhalten wollen, dann wäre das schon zu überlegen. Ich könnte mir gut vorstellen, wenn hier das Parken weg wäre, kann ich hier viel auch mit Grün machen. Die beiden Seiten würden mehr zusammenwachsen. Es würde eine Verbindung entstehen und es wäre nicht mehr so autodominiert."

Die "Straße des 17. Juni" als gleichberechtigter Raum. Das wäre wohl das Vorzeigeprojekt des neu gegründeten "Netzwerk Shared Space". Dazu gehört neben dem Berufsverband der Raumplaner SRL auch der Verkehrsclub Deutschland, der sich für ökologische Verkehrskonzepte einsetzt. Sprecherin Anja Hänel:

"Es ist so, dass Shared Space darauf ausgelegt ist, dass man die Linearität der Straße etwas bricht. Im Moment sind unsere Straßen hauptsächlich so gestaltet, dass man schnell von A nach B kommt. Wenn wir da mehr Aufenthalt haben wollen, dann müssen wir von dieser Linie wegkommen und mehr zu einem Raum kommen."

Wie das aussehen kann, zeigt sich in der niedersächsischen Stadt Bohmte. Hier sind seit fünf Jahren alle Schilder und Ampeln abmontiert, der Untergrund ist eben und die Verkehrsteilnehmer verständigen sich über Blickkontakt. Im Ergebnis gibt es bisher etwas mehr Sachschäden, aber weniger Unfälle mit Personen. Was in Deutschland noch als Pilotprojekt läuft, ist in Österreich schon Gesetz. Ab dem 1. April dieses Jahres können sogenannte Begegnungszonen eingerichtet werden. Was die bewirken, weiß Dietmar Schwaab vom österreichischen Verein für Fußgänger:

"Ein Fußgänger müsste sonst am rechten Fahrbahnrand gehen. Der kann jetzt die Fahrbahn benützen. Ein PKW hätte immer den Vorrang und das ändert sich damit und das ist erfreulich."

In den österreichischen Begegnungszonen ist die Höchstgeschwindigkeit 20 km/h. Genauso wie beim Vorbild Schweiz. Hier gibt es schon seit 2002 offiziell Shared Spaces. Allerdings nicht gleichberechtigt, sondern "mit Vortritt für Fußgänger". Die verweilen dadurch länger in den Innenstädten, wodurch die ansässigen Geschäfte profitiert haben.

Ein Problem mit Shared Spaces hat Werner Glaser vom Deutschen Blinden- und Seebehindertenverband. Er könne sich nicht mit Blickkontakt verständigen. Und er brauche Bordsteine oder sonstige Begrenzungen im Untergrund.

"Es kann nicht sein, dass alles platt gemacht wird, denn gerade Blinde und Sehbehinderte brauchen auch taktile Orientierung, brauchen auch taktile Leitstreifen. Und natürlich, wenn man an große Plätze denkt, auch eine geschlossene Wegekette, an der sie sich orientieren können."

In Österreich gibt es gesetzliche Regelungen für Blindenleitsysteme auf den Shared Spaces. Hierzulande taucht das ganze Konzept bisher nicht mal in der Straßenverkehrsordnung auf. Das will das neue "Netzwerk Shared Space" ändern.

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