Mittwoch, 25. Mai 2022

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Im Zeichen des Tuffs

Der Vulkanpark Eifel ist zum zweiten Mal mit dem "Europa Nostra Award" ausgezeichnet worden. Damit werden von der Europäischen Union herausragende Leistungen zum Schutz und zur Pflege des Kultur- und Naturerbes würdigt. Der Geopark erstreckt sich über die Landkreise Daun, Mayen und Ahrweiler.

Von Rüdiger Heimlich | 21.11.2010

Sechs, sieben Meter fällt der Bach in die Tiefe, hüpft dann munter in Stromschnellen treppab und windet sich zu Tal. Auch wir klettern hinab und stehen dann staunend vor einer 20, 30 Meter hohen Steilwand aus massiver Asche. Die hat der Laacher Vulkan vor 13.000 Jahren hierher gespukt, erklärt uns Holger Schaaf:

"Sie müssen sich das so vorstellen. Im Zuge des Vulkanausbruchs steigt eine mächtige Eruptionssäule auf, über 30 Kilometer hoch. Wenn man das Mal vergleicht mit einem heutigen Verkehrsflugzeug, also drei Mal so hoch wie man heute fliegt. Und diese Eruptionssäule bricht immer wieder in sich zusammen und so genannte pyroklastische Ströme, Glutlawinen und Ascheströme, rasen durch die Landschaft und die suchen sich vor allen Dingen die alten Täler aus. Und rasen durch diese Täler, die Hänge hinunter quasi. Und so entsteht der Tuffstein."

Nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt den Stein" hat sich der Bach im Laufe der Jahrtausende gleichsam durch den Tuff gesägt, bis tief hinunter in sein altes Bett. Und von da aus schaut man nun nach oben auf eine imponierende Steilwand. Auf der lassen sich alle Stadien des Vulkanausbruchs deutlich ablesen, Schicht für Schicht, 30 Meter hoch.

Wir sind an einem wildromantischen Fleck, in der Wolfsschlucht. Tatsächlich finden sich hier überall Höhlen und Gänge. Aber die stammen nicht von Wölfen und Füchsen, die sind von Menschenhand, erzählt der Archäologe Holger Schaaf. Schon die Römer haben sich hier in die Hänge gebohrt und nach hartem Tuffstein gesucht. Holger Schaaf:

"Der war ihnen bekannt aus Italien, Stichwort Pompeji, Herkulaneum. Das sind die Tuffvorkommen im Bereich des Vesuvs. Und das kannten die Römer von zu Hause quasi und haben mit der Ausbeute auch sehr schnell angefangen. Denn dieser Tuffstein hat besondere Eigenschaften. Er ist leicht abzubauen, er ist druckstabil und fest. Und trocknet dann auch noch, wenn man ihn abgebaut hat, sodass er an Gewicht verliert, was für den Transport von Bedeutung ist. Das ist ein erster antiker Leichtbaustein, so darf man es, glaube ich, formulieren."

Nach abenteuerlichen zwei Kilometern mündet der Tönissteinerbach in die Brohl. Kaum zu glauben, dass auch dieses schöne Tal vor gar nicht allzu langer Zeit ein lautes und staubiges Industriegebiet war. Holger Schaaf:

"Heute ist ein besonders schöner Tag. Es ist sonnig. Wir haben leichte Wolken am Himmel. Die ganze Landschaft ist grün. Die Hänge sind stark bewaldet. Und immer wieder sehen wir weiße Flecken. Das sind die großen Tuffwände, die hier noch freiliegen, zum Teil noch freiliegen, und die sind im Zuge des modernen Tuffabbaus der letzten 200, 250 Jahre entstanden."

Holger Schaaf leitet den Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. Der sitzt nicht im fernen Mainz, sondern in Mayen, also mitten im Geopark Vulkaneifel. Die Wissenschaftler interessieren sich für die Geschichte des antiken und neuzeitlichen Tuffabbaus. Denn schon im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt war hier das Zentrum der größten Steinindustrie nördlich der Alpen. Die Römer bauten mit Tuff. Holger Schaaf:

"Ja, bestes Beispiel ist Köln. Ganz Köln, egal wo sie aufs römische Köln stoßen, finden Sie immer den hiesigen Tuffstein. Weiteres großes Bauvorhaben ist Xanten, das römische Xanten, heute schön als archäologischer Park hergerichtet. – das ist die Eisenbahn, die wir jetzt hören. Sie sehen, immer noch ein reger Verkehr – das sind so die beiden großen Bauvorhaben. Aber sie finden in jeder römischen Siedlung, in jedem römischen Kastell von hier bis an die Nordsee unseren Stein verbaut."

Hoch über uns, auf dem Viadukt, quert der "Vulkanexpress" das Brohltal verschwindet dann in einem Tunnel. Holger Schaaf:
"Das ist die Brohlbahn, eine Schmalspurbahn. Die spielt eine wichtige Rolle beim Tuffabbau. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts hier errichtet und hat halt wesentlich zum Erstarken der Tuffindustrie im 20. Jahrhundert beigetragen."

Heute ist es ein Touristenbähnchen, das zwischen Brohl am Rhein und dem Ort Engeln in der Vulkaneifel immerhin 400 Meter Höhenunterschied überwindet. Noch bis 1960 transportierte sie vor allem Arbeiter und Material zwischen den Eifeler Steinbrüchen und der Brohler Verladerampe. Und auch hier im Unteren Brohltal wurde der Tuff in industriellem Maßstab abgebaut. So wurde das Tal mit der Zeit immer weiter und die Hänge immer steiler. Holger Schaaf:

"Hier sieht man jetzt sehr schön, wie eine solche Tuffwand aufgeschlossen ist. Heute steht hier weitestgehend nur noch weiches Material. Das Ziel der Ausbeute war aber in römischer Zeit wie in moderner Zeit der harte Stein. Den muss man aber heute regelrecht suchen."
Der Wanderweg ist gut ausgezeichnet und führt meist entlang der Steilwände. Holger Schaaf:

"Wir suchen noch mal den letzten Rest des alten Abbaues hier. Wir gehen jetzt gerade in eine solche Tuffwand hinein. Ein Tunnel, in den wir uns jetzt bewegen. Aber sie sehen schon, am anderen Ende kommt schon wieder Licht heraus. Es also hier nicht gefährlich und man braucht auch eine Taschenlampe. Das sind alle die letzten Spuren des Tuffabbaus, allerdings des modernen Tuffabbaus. Weil, es ist schon sehr schwierig eine Stelle zu finden, wo die Römer abgebaut haben. Es gibt aber ein paar Stellen, wo man dem römischen Abbau zumindest nachempfinden kann."

Einige der Höhlen sind wild überwachsen und nur für wenige überhaupt erkennbar. Holger Schaaf hofft, hier vielleicht doch eines Tages Reste römischer Abbauhöhlen finden zu können. Holger Schaaf :

"Ja, Sie müssen sich vorstellen, der römische Bergbau konnte durchaus 40, 50 Meter in den Berg gehen. Durch den Abbau der letzten 200 Jahre, der hat natürlich auch viel vom Berg weggenommen. Im Tagebau wurde dann abgebaut, sodass praktisch die römischen Stollen immer kürzer wurden. Und man jetzt bestenfalls nur die hintersten Enden finden könnte."

An den Steilwänden des Unteren Brohltals ist die Abbausituation von vor 2000 Jahren aber immerhin noch recht gut nachvollziehbar. Holger Schaaf:

Hier stehen wir schön an der für mich schönsten Stelle. Denn hier ist mir klar geworden, was tatsächlich hier passiert, ist hier im Brohltal, auch warum man heute keine Spuren mehr findet. Schauen Sie mal hier geht es doch gut und gerne 20, 25 Meter in die Höhe. Es ist doch sehr steil. Und wir haben eine weiße helle Wand vor uns. Und hier auf halber Höhe kann man heute noch mit bloßem Auge ganz gut erkennen, dass wir eine starke Partie von festem Stein haben, etwa fünf Meter auf drei Meter in der Ausdehnung. Und dieser feste Stein war gleichzeitig das Ziel der Ausbeute der römischen Zeit. Und sie sehen aber hier auch ganz gut, wie gefährlich das ist. Ich stand mal auf der Leiter und wollte mir ein Stück für unsere Sammlung herausschlagen, aber das ist schon ziemlich unheimlich, denn wenn sie auf diesen festen Stein schlagen, bebt quasi die ganze Umgebung drum rum. Und ich hab das auch schnell sein lassen, bin wieder von der Leiter runter. Denn bei diesem Abbau, bei dieser Höhe, wenn dann noch mal die Partien, da geht, es ja noch mal 10, 15 Meter weiter, wenn die dann durch die Erschütterung sich lösen, das ist gefährlich. Und wir wissen auch aus dem 19. Jahrhundert kennen wir Quellen, wo Leute eben hier tot geblieben sind, wie man hier sagt, beim Tuffabbau. Von der Wand verschüttet.

Hier stampft nicht der Vulkanexpress. Das ist das Rad der Mosenmühle. Früher trieb die Brohl wohl zehn Mühlen an, von denen viele den Tuff zu Trass zermahlten – ein mit Wasser schnell abbindendes Steinmehl, das vor allem für den Unterwasserbau verwendet wurde, erzählt Müller Herbert Mosen:

"Diese Mühle hier war ursprünglich eine Mahl- und Ölmühle. Und als dann die Blütezeit des Trasses wiederkam, hat man in einem zweiten Gebäude eine Trassmühle mit einem Kollergang, der auch noch da ist, und man hat dann zwei Mühlen gehabt. Voll voneinander unabhängig, auch von zwei Wasserrädern angetrieben. Eine für die Getreidemühle und eine für die Trassmühle. Und unsere Mühle hat noch bis Ende des 2. Weltkrieges gelaufen, wir haben dann auch den Trass bis Anfang der 60er Jahre noch abgebaut, aber nur als Rohtrass. Der wurde nicht mehr vermahlen, nur als Rohtrass in Brohl am Hafen verschifft."

Heute ist Reiner Mosen der letzte Müller im Tal. Seit vier Generationen betreibt seine Familie die Mühle unterhalb der Schweppenburg. Die erhebt sich hoch über das Untere Brohltal, zu ihren Füßen aber ist der Fels überall ausgehöhlt. Herbert Mosen:

"Das nennt man hier im unteren Brohltal Bleichloch. Das heißt dieser Trass, damit man ihn auch gut mahlen konnte, musste der eine bestimmte Trockenheit haben. Also der durfte nicht zu feucht sein. Und der wurde hier, müssen Sie sich vorstellen, wo jetzt hier der Wald ist, das waren alles große Flächen. Der wurde in den Gruben abgebaut, wurde ganz dünn auf diese Flächen aufgetragen, von der Sonne getrocknet, also gebleicht, und dann wurde, damit man auch im Winter mahlen konnte, dieses Material hier in solche Löcher gefahren, die man vorher ausgebeutet hatte. Das ist also im Grunde genommen, wir sagen Bleichloch, das ist ein Trass-Silo gewesen. Das war zu meines Großvaters Zeiten. Die haben dann auch im Winter mahlen können."

Müller Mosen kennt die Brohl seit Kindheitstagen. Früher schillerte der Bach an manchen Tagen in allen Farben, sagt er. Was da über sein Mühlrad floss, stank bisweilen bis zum Himmel. Für Mosen ist es ein Wunder, dass sich der Bach davon erholte, die Fische zurückkehrten, selbst seltene Orchideen- und Vogelarten.

In der Abenddämmerung steigen wir hinunter ins Bachbett. Da gäbe es interessante Dinge zu sehen, sagt Reiner Mosen und sucht nach einem bestimmten Stein im Wasser. Müller Herbert Mosen:

''"Sehen Sie, ich hatte hier so ein klein bisschen ausgegraben. – Es blubbert! – Hier blubbert’s überall.""

An einer flachen Stelle im Bach steigen Gasblasen empor. Müller Herbert Mosen:

"Und weil ich das schon ein paar Jahre beobachte, sehe ich in der Tendenz, dass das mehr geworden ist. Also wir sind ja hier in der Vulkan-Eifel und wir haben ja hier die Mineralbrunnenbetriebe in unserer unmittelbaren Nähe. Wir haben in Burgbrohl und in Klees und in Wehr diese starken Kohlesäure-Vorkommen. Und das ist nix anderes in klein. Nun wird ja immer spekuliert, ist der Vulkanismus, wird der aktiver, oder ist es halt nur mehr eine Ruhephase. In der Tendenz behaupte ich, dass es hier in den letzten paar Jahren etwas mehr geworden ist … Also das ist jetzt hier seit Samstagabend wirklich ununterbrochen zugange … Das ist schon interessant."

Ja, interessant und lehrreich ist so ein Geo-Spaziergang entlang der pyroklastischen Ströme. Eigentlich braucht man dafür nur dem Lauf des Wassers zu folgen. Das sucht sich ganz allein seinen Weg durch die Jahrtausende der Natur- und Menschheitsgeschichte.