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Imam statt Fußballstar

Rauf Ceylan: "Die Prediger des Islam. Imame in Deutschland - wer sie sind und was sie wirklich wollen." Herder Verlag

In der Debatte um den Islam in Deutschland sind seit einiger Zeit die Imame in den Fokus der Betrachtung gerückt. Sie gelten als Schlüsselfiguren, um die Integration voranzubringen - als Vorbilder ihrer Gemeinden wären sie die idealen Vermittler zwischen religiösen Interessen und unserem säkularem Staat.

Von Thilo Guschas

Die Freitagspredigten der Imame in Deutschland - eine oft ungenutzte Chance, die Integration zu fördern. (AP)
Die Freitagspredigten der Imame in Deutschland - eine oft ungenutzte Chance, die Integration zu fördern. (AP)
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Doch wer eigentlich diese Imame sind, wusste bislang niemand so genau. Nun hat Rauf Ceylan eine Studie zum Thema vorgelegt:

"Ein Imam erzählte mir davon, dass er eigentlich gern Fußballer werden wollte, aber die Familie hat ihn dazu überredet, eine Karriere als Imam anzufangen, weil er eben eine schöne Stimme hatte. Denn in der islamischen Geschichte spielte bis heute die Rezitation des Korans mit einer sehr schönen Stimme eine zentrale Rolle."

Ein Imam als verhinderter Fußballstar? Das passt eigentlich nicht so recht in unsere Vorstellungswelt. Wenn es in den Medien um islamische Vorbeter geht, erwarten wir eigentlich unbedingt Muezzingesang als Untermalung. Wir haben nunmal unsere Stereotype. Doch die nimmt uns nun, zum Glück, der Autor Rauf Ceylan. Er hat, als erster Sozialwissenschaftler überhaupt, eine Feldstudie über die Imame in Deutschland unternommen, die er in Interviews befragt hat. Und deren Geschichten beginnen manchmal auch – mit Fußball.

Doch es menschelt nicht nur in diesem Buch. Die Bilanz lautet, ganz trocken: Die Imame sind in muffigen und beklemmenden Strukturen gefangen. Viele Vorbeter sind sogenannte Import-Imame aus der Türkei, die nur für vier Jahre zu uns kommen. Gerade einmal genug, um den Kulturschock des fremden Landes zu verdauen. Plastisch machen dies die Freitagspredigten, die zentrale wöchentliche Ansprache an die Gemeinde. Eigentlich eine unvergleichliche Gelegenheit, Sensibilität für Themen der deutschen Gesellschaft zu schaffen. Doch stattdessen leiern viele Imame Texte herunter, die aus Ankara vorgegeben sind, wie Ceylan berichtet. Da kann es sogar um die Höhe der islamischen Almosensteuer gehen, die Bauern abzugeben hätten. Damit bestätigt Ceylan das gängige Vorurteil von abgekapselten Fremden. Ein Stereotyp, das er an anderer Stelle jedoch wieder bricht.

Rauf Ceylan:
"Gut ist, dass über 90 Prozent der Imame nicht extremistisch sind, dass über 90 Prozent eine positive Beziehung haben zum demokratischen Rechtsstaat, zum säkularen Rechtsstaat, dass sie gegen Extremisten sind, und auch dagegen aufrufen. Der größte Teil der Imame sind in der Tat konservativ, über 75 Prozent - vergleichbar mit konservativ-katholischen Priestern."

Sie mögen zuweilen verstockt wirken, wie Priester mit türkischem Brauchtum, doch den Islamisten geben sie keinen Raum. Eine überraschende Aussage, die in kein Klischee passt. Gleiches gilt für den Typus von Imamen, die Ceylan als "intellektuell-offensiv" bezeichnet, die nach seiner Einschätzung rund 15 Prozent aller Vorbeter ausmachen. Sie legen den Koran eigenständig aus und verstehen sich auch als Sozialarbeiter, der sich auch mal um den Jugendlichen ohne Lehrstelle kümmert, oder das Mädchen mit Liebeskummer. Die ideale Nahtstelle also zwischen muslimischer Gemeinde und deutscher Mehrheitsbevölkerung. Theoretisch zumindest.

"Wenn Imame dieses Typs versuchen, einen Generationswechsel zu initiieren, auch Veränderungen zu initiieren innerhalb der Gemeinde, dann sind sie auf die Unterstützung der progressiven Kräfte innerhalb dieser Gemeinde angewiesen. In der Gemeinde gibt es ja immer Kräfte, die sich öffnen wollen und Kräfte, die sich nicht öffnen wollen, und es gibt Mitglieder aus der ersten Generation, die nach wie vor eine informelle Machtposition haben, die noch alte, traditionelle Vorstellungen haben, wie ein Imam sein sollte."

Rauf Ceylan ist jemand, der kritisch hinschaut, und dennoch nicht alles verteufelt. Das hat auch mit seinem persönlichen Hintergrund zu tun: Geboren wurde er in Deutschland als Kind kurdischer Eltern. So beherrscht er auch die türkische Sprache – sein Schlüssel in die Moscheegemeinden, die er als promovierter Sozial- und Religionswissenschaftler beschreibt.

Sein Buch zitiert ausführlich aus Interviews, die Ceylan mit Imamen geführt hat. Er verschweigt auch verstörende Einblicke nicht: wie manche Imame sich als Exorzisten versuchen, oder wie andere davon überzeugt sind, die Türken seien Allahs auserwähltes Volk. Doch immer wieder löst sich das Buch von dieser konkreten Perspektive. Es analysiert die Strukturprobleme, die aus Sicht des Autors in den islamischen Ländern wurzeln, aus denen die hiesigen Imame stammen.

"Die Kritik ist nicht neu, dass eine Stagnation im islamischen Raum eingetreten ist, worauf auch intellektuelle Muslime schon seit Jahrzehnten hinweisen. Das Problem ist, dass in vielen islamischen Ländern die politischen Rahmenbedingungen dafür fehlen, sich frei, wissenschaftlich fundiert mit islamischen Quellen auseinanderzusetzen."

Ein Dilemma, aus dem es aus Ceylans Sicht nur einen Ausweg gibt: Eine Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten. Sie würde qualifizierte Imame hervorbringen – das Beste Rezept auch gegen sogenannte Hassprediger. Eingedämmt werden könnten sie am ehesten durch selbstbewusste, niveauvolle Gemeindevorsteher. Doch Ceylans Vision geht noch weiter. Ein Reformislam, den die "akademischen" Imame erlernen würden, so seine Hoffnung, könnte eine weitreichende Strahlkraft entwickeln:

"Deswegen bin ich davon überzeugt, dass eine islamische Theologie, die wir hier in Europa installieren - nicht nur in Deutschland, denn auch andere europäische Länder denken daran, eine islamische Theologie einzuführen -, dass dies langfristig gesehen auch Impulse setzen könnte zu islamischen Ländern."

Ceylan gelingt das Doppelspiel aus Nähe und Ferne. Der Autor zoomt sich nahe an die soziale Wirklichkeit der Imame heran. Ihre Perspektive, die niemand vor ihm auf diese Weise beschrieben hat, zeichnet er plastisch nach. Zugleich wahrt er Distanz. Und so bleibt ihm sogar Raum für die Vision einer großen Erneuerung. So viel Souveränität gestatten sich nicht viele Bücher zum Thema "Islam". Eine wunderbar unideologische Sozialstudie, mit erfrischender Distanz zu den üblichen Schlammschlachten.

Rauf Ceylan: "Die Prediger des Islam. Imame in Deutschland - wer sie sind und was sie wirklich wollen".
Herder Verlag, 192 Seiten, Euro 12,95.
ISBN: 978-3-451-30277-0

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