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Impressionismo Italiano

Nach der kriegerischen Einigung Italiens um 1870, hätte man einen patriotischen Aufbruch in der Kunst erwarten können. Der blieb aber aus. Vielmehr machten sich die Künstler auf und wanderten ab. Nach Paris zum Beispiel. Federico Zandoméneghi wohnte dort jahrelang mit Toulouse-Lautrec unter einem Dach. Zandò, wie sich der Venezianer Zandoméneghi nannte, wird nun zurzeit in seiner Heimat wieder entdeckt. In Rom ist ihm eine Retrospektive gewidmet.

Von Thomas Migge |
    Eine häusliche Szene. Links eine zartgrün gestrichene Tür. Ein ockerfarbener Fußboden. Im rechten oberen Bildteil ist ein Soda zu erkennen und im Zentrum des Gemäldes eine in weißes Hauskleid gewandete Frau, die auf einem Stuhl an einem Tisch sitzt. Federico Zandoméneghi malte sie von hinten. Man sieht nicht ihr Gesicht, sondern nur ihren leicht gekrümmten Rücken. Sie schreibt. Vielleicht einen Brief, einen Liebesbrief oder nur eine Liste der Besorgungen, die ihre Hausangestellte zu erledigen hat. Das Gemälde von 1894 wirkt ungemein intim. Ein alltägliches, ein intimes Sujet. Kein luxuriöses Ambiente wie bei Zandoméneghis Malerkollegen De Nittis oder Boldini.

    Auch die Gemälde "Spannende Lektüre" von 1912 und "Gespräch am Tisch" von 1896 zeigen Frauen in alltäglichen Situationen und in einfachem Ambiente. Vom Prunk der Belle Epoque findet sich auf diesen Bildern keine Spur, erklärt Renato Miracco, Kurator der ersten umfassenden Zandoméneghi-Retrospektive im römischen Chiostro del Bramante:

    "De Nittis, Boldini und Zandoméneghi waren die drei berühmtesten italienischen Impressionisten in Paris. Während aber die beiden ersten Maler vor allem die Glanzseiten des Paris jener Zeit wiedergaben, konzentrierte sich Zandoméneghi auf stille und intime Motive und spricht uns deshalb vielleicht viel mehr an als das Großbürgerliche und Aristokratische auf den Bildern der beiden anderen Italiener in Paris."

    Federico Zandoméneghi wurde 1841 in Venedig geboren. 1917 starb er in Paris. In Florenz schloss er sich zunächst der Bewegung der Macchiaioli an, doch distanzierte er sich schnell von ihnen und widmete sich fortan einem, wie Renato Miracco es nennt, sozialen Verismus:

    "Und genau dieser soziale Verismus unterscheidet ihn von den beiden anderen wichtigen italienischen Impressionisten in Paris. Zandoméneghi ist weder in Italien noch in Paris an eleganten Damen und Salons interessiert. Er lebte in Montmartre, ein Quartier, das damals noch Bohémien-Charakter besaß. Eng befreundet mit Toulouse-Lautrec und der Künstlerin Suzanne Valadon, die für Renoir, Lautrec und andere Modell saß, widmete er sich ausschließlich den kleinen Leuten und den Frauen des einfachen Bürgertums."

    Um sich sein Leben zu finanzieren arbeitete Zandoméneghi auch als Illustrator für Pariser Modezeitschriften. Die Ausstellung in Rom zeigt neben 100 Gemälden und Pastellbildern auch einigen Dutzend Modezeichnungen. Sie zeigen, dass auch der gebürtige Venezianer das gleiche Talent wie De Nittis und Boldini besaß, um die Eleganz der Belle-Epoque-Frauen wiederzugeben. Aber diese Realität interessierte ihn nicht besonders. Seine Darstellungen von Frauen bei der Toilette, beim Kämmen, beim Lesen und Plaudern zeigen die eher unbekannte Seite der Großstadt während der Zeit der Jahrhundertwende. Während sein Freund Toulouse-Lautrec vor allem die nächtliche Halbwelt der Cité Lumière malte konzentrierte sich Zandoméneghi auf die private Welt des übrigen Tages. Auf das Privatleben hinter den Fassaden der kleinen Leute und des Bürgertums.

    Renato Miracco:

    "Zandoméneghi war davon überzeugt, dass das Italienische in seiner Malweise die besonders intensiven und leuchtenden Farben sind. Er nutzte sie auch bei seinen zahlreichen en-plain-air-Gemälden wie "Die Mühle von Galette" oder der "Place d'Anvers". Zandoméneghis Farben unterscheiden sich deutlich vom typischen französischen Impressionismus."

    Der Venezianer war ein Freund von Pissaro. Von ihm ließ er sich in seinen Landschaftsbildern beeinflussen. Hier wie auch in seinen Frauenbildern fühlt man sich an die veristische Malerei der Italiener in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erinnert. Seine Nacktbilder sind deutlich von Renoir inspiriert, einem seiner engsten Freunde.
    Faszinierend sind die Stilleben Zandoméneghis. Das Ölbild "Teller mit Fisch" von 1910 zeigt einen weißen Porzellanteller auf einer leuchtend rotbraunen Tischplatte. Der Fisch, der Teller und die Tischplatte sind in fast schon verschwommenem Stil gemalt, der an spätere Maler erinnert. Vor allem an den jungen Renato Guttuso der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts.
    Der Impressionismus und Post-Impressionismus des Federico Zandoméneghi überrascht, denn im Unterschied zu seinen Kollegen De Nittis und Boldini weist seine Malweise weit ins 19. Jahrhundert hinein. Ausstellungskurator Renato Miracco schließt deshalb nicht aus, dass sich, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Maler wie der Amerikaner Edward Hopper in puncto Farben und Sujets von Zandoméneghi beeinflussen ließ.