Sonntag, 29.11.2020
 
Seit 13:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteSport am WochenendeIn der NFL nehmen die Dopingfälle zu01.12.2012

In der NFL nehmen die Dopingfälle zu

US-Politik erhöht Druck auf Spielergewerkschaft

In dieser Saison der National Football League gab so viele positive Tests, wie seit Jahren nicht. Es könnten womöglich sogar noch mehr sein, wenn auf das Wachstumshormon HGH kontrolliert werden würde. Doch davor zieren sich die Spieler der National Football League noch – und das ruft nun die Politik auf den Plan.

Von Heiko Oldörp

Ein Football neben einem Helm (Jan-Martin Altgeld)
Ein Football neben einem Helm (Jan-Martin Altgeld)

Jermaine Cunninghams NFL-Karriere verlief bislang eher bescheiden. In den beiden Vorjahren bestritt der Defensive End 24 Spiele für die New England Patriots, fiel dabei aber kaum auf. Nur einmal riss Cunningham den gegnerischen Quarterback zu Boden. In dieser Saison hingegen standen nach elf Partien bereits zweieinhalb Sacks für ihn zu Buche. Bei dieser Statistik wird es vorerst bleiben – Cunningham wurde positiv getestet und für vier Spiele gesperrt.

Andy Gresh, der in Boston eine tägliche Sportshow im Radio hat und die Patriots genau verfolgt, sieht diese Strafe als zu lasch an. Zwar gehen Cunningham jetzt 127.000 Dollar an Einsatzprämie verloren – dennoch, so Gresh, würden es einige Profis regelrecht darauf anlegen, mit dem Feuer zu spielen.

"”Viele sagen sich, ich opfere diese Summe, denn wenn ich eine gute Saison spiele, verdiene ich nächstes Jahr Millionen und habe das Geld für die Strafe schnell wieder raus.”"

Das Durchschnittsgehalt in der NFL beträgt 1,9 Millionen Dollar, selbst mittelmäßige Profis streichen im Schnitt noch 770.000 Dollar ein. Und viele wissen, wenn sie nicht dopen, haben sie ohnehin keine Chance, es in den jeweiligen Team-Kader zu schaffen.

Jermaine Cunningham ist bereits der 23. NFL-Profi, dem in dieser Saison die Einnahme illegaler Substanzen nachgewiesen wurde. Ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren – New Englands Trainer Bill Belichick gab sich dennoch beeindruckend unbeeindruckt.

"”Spieler machen leider manchmal Fehler und jeder ist dafür selbst verantwortlich. Ich denke, es hätte nicht so weit kommen müssen, diese Fälle sind nicht schwerwiegend, aber sie sind nun einmal Verstöße.”"

Was Belichick mit "nicht schwerwiegend” meinte, wurde deutlich, als klar war, dass Cunningham positiv auf Adderall getestet wurde. Ein Amphetamin, das für eine höhere Konzentrationsfähigkeit sorgt und letzte Kraftreserven mobilisiert.

Experten sind sich jedoch einig, dass das Medikament nur als "Schutzschild” gilt, um den Missbrauch ganz anderer Mittel zu vertuschen. Denn zum einen muss die Liga keine Angaben zu den gefundenen Substanzen machen, zum anderen ist Adderall von der NFL offiziell erlaubt. Zur Einnahme ist lediglich die Bescheinigung eines Arztes notwendig – als Grund könnten zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen angegeben werden.

Es ist kein Geheimnis, dass die Muskelpakete einiger Football-Profis nicht nur auf hartes Training und reichlich Milch-Shakes zurückzuführen sind. Bob Ryan, Kolumnist der Tageszeitung "Boston Globe”, hat Zahlen recherchiert, die Erstaunliches aussagen.

"”Um mal zu zeigen, wie sich Football physisch im Vergleich zu anderen Sportarten in den vergangenen 35 Jahren verändert hat und nicht mehr das ist, was er mal war: 1976 hat kein einziger NFL-Spieler 300 Pfund gewogen – heute hingegen sind alle größer, stärker, schneller. Glauben Sie, das ist normal?"

300 amerikanische Pfund sind 135 Kilogramm. In der Vorsaison waren 22 Prozent der NFL-Profis schwerer.

Der Doping-Debatte will sich nun das US-Repräsentantenhaus widmen. Wie der Deutschlandfunk vor einem Jahr unter dem Titel "Die große Angst vor dem kleinen Pieks” berichtete, hatten sich Liga und Spielergewerkschaft NFLPA im Sommer 2011 darauf geeinigt, Kontrollen auf das Wachstumshormon HGH einzuführen. Er sei zuversichtlich, dass diese Tests bald kommen werden, meinte Ligaboss Roger Goodell damals – und wiederholte diesen Standpunkt vor zwei Wochen erneut – denn in den vergangenen zwölf Monaten ist nichts passiert.

Die Gewerkschaft blockt immer noch mit dem Argument ab, dass man nähere wissenschaftliche Informationen zu den Untersuchungen haben wolle und den Beweis, dass diese auch zuverlässig seien. Dabei sind die Bluttests von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA anerkannt und finden seit 2004 bei Olympischen Spielen Anwendung.

Kommende Woche gibt es nun eine Anhörung zum Thema im US-Repräsentantenhaus. Aussagen werden Experten, wie Travis Tygart. Der Chef der nationalen Anti-Doping-Agentur hatte die Haltung der Gewerkschaft als "absoluten Witz” bezeichnet und der NFLPA vorgeworfen, mit der Hinhaltetaktik ihre Zitat: "Betrüger” schützen zu wollen.

Sollte es weiterhin keinen Fortschritt geben, könnte die Politik den Druck erhöhen – und nicht mehr nur versuchen, die Kontrollen auf HGH durchzusetzen, sondern auch Untersuchungen zum möglichen Missbrauch des Wachstumshormons einleiten. Die NFLPA und ihre Spieler sollten sich darüber im Klaren sein, welche Folgen dies haben könnte – nämlich Aussagen unter Eid, die bei Vergehen mit Gefängnis bestraft werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk