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StartseiteForschung aktuellIn fast der Hälfte der Fälle fündig05.07.2012

In fast der Hälfte der Fälle fündig

Forscher geben Zwischenbilanz der Präimplantationsdiagnostik auf Brustkrebsrisikogen

Medizin. - Um die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik oder kurz PID, wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland heftig gestritten. Vor einem Jahr wurde dann wurde der Gentest am Embryo in Ausnahmefällen zugelassen, nämlich dann, wenn zum Beispiel Totgeburten oder schwere Erbkrankheiten verhindert werden können. In anderen Ländern Europas ist die Regelung weniger strikt. So testen zum Beispiel Ärzte in den Niederlanden und Belgien auf das Vorhandensein eines bestimmten Risikogens für Brustkrebs. Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange berichtet über die Zwischenbilanz, die die Forscher auf der Internationalen Konferenz für Reproduktionsmedizin und Embryologie in Istanbul vorstellten.

Michael Lange im Gespräch mit Monika Seynsche

PID zeigt Risiikogen für Brustkrebs (picture alliance / dpa - Waltraud Grubitzsch)
PID zeigt Risiikogen für Brustkrebs (picture alliance / dpa - Waltraud Grubitzsch)

Seynsche: Herr Lange, wie kann Brustkrebs durch einen Gentest am Embryo verhindert werden?

Lange: Es gibt bestimmte Gene, die in einer besonderen Variante, als in einer bestimmten genetischen Veränderung das Brustkrebsrisiko der Einzelperson erhöhen. Die bekanntesten davon sind schon seit Anfang der 90er-Jahre bekannt: das ist BRCA1 und BRCA2. Diese beiden Gene führen dazu, dass das Brustkrebsrisiko im Falle von BRCA1 auf 60 Prozent für die Genträgerin erhöht ist, als ein sehr hohes Risiko, bei BRCA2 ist es etwa geringer. Und diese Gene kann man einfach testen durch einen Bluttest am Erwachsenen, aber die lassen sich natürlich auch schon am Embryo testen, ob diese veränderte Genform vorliegt. Man nimmt einfach eine Zelle des Embryos und testet während einer künstlichen Befruchtung, sonst ist das nicht möglich, dieses eine Gen und kann dann eine Vorhersage des Brustkrebsrisikos geben.

Seynsche: Und zu welchem Ergebnis kommen die Forscher aus Belgien und den Niederlanden in dieser Zwischenbilanz?

Lange: Die Ärzte der Freien Universität in Brüssel und der Universitätsklinik in Maastricht führen die Präimplantationsdiagnostik wirklich routinemäßig durch. Über 600 Mal im Jahr. Und sie haben in dieser Studie 717 Embryonen auf die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 untersucht, eine Zelle aus dem achtzelligen Embryo entnommen, einen Gentest durchgeführt und sie sind bei 43,1 Prozent der Fälle, also fast in der Hälfte der Fälle fündig geworden, haben die veränderte Form, also das Brustkrebsrisiko entdeckt. Und dann wurde der entsprechende Embryo, wenn er denn Träger dieses Risikogens war, nicht übertragen. Und diese hohe Zahl, 43,1 Prozent, die resultiert daraus, dass es sich, dass es vor allen Dingen Familien oder beziehungsweise Frauen waren, in deren Familie gehäuft diese Gene bereits gefunden wurden. So dass also bereits ein hohes Risiko bestand. Die wollten einfach wissen: Hat mein zukünftiges Kind dieses Risiko nicht und sind deshalb zu diesen beiden Kliniken gegangen.

Seynsche: Lässt sich denn durch diesen Gentest das Risiko an Brustkrebs zu erkranken definitiv ausschließen?

Lange: Nein. Es geht hier nur um den familiären Brustkrebs. Der familiäre Brustkrebs, der also in einigen Familien gehäuft auftritt, der ist insgesamt für weniger als zehn Prozent aller Brustkrebsfälle verantwortlich. Insgesamt besteht ein Brustkrebsrisiko für jede Frau von etwa zehn Prozent, und das wird durch diesen Test mit diesen beiden Genen nur wirklich unwesentlich gesenkt. Und dieses Risiko von etwa zehn Prozent das besteht natürlich weiterhin. Es geht wirklich nur darum, dass ein bestimmtes Gen, das als familiärer..., als familiäres Brustkrebsrisiko bekannt ist, dass nur dieses Gen untersucht wird und ausgeschlossen wird. Also man kann definitiv Brustkrebs durch eine Präimplantationsdiagnostik nicht ausschließen.

Seynsche: Warum ist der Gentest denn eigentlich in Deutschland verboten?

Lange: Ja, in Deutschland dürfen ja nur Gentests bei Embryonen, also darf eine Präimplantationsdiagnostik durchgeführt werden, wenn das Risiko einer sehr schweren Krankheit besteht, oder eben einer Totgeburt. Das ist ja hier definitiv nicht der Fall. Brustkrebs ist eine schwere Erkrankung, sicherlich. Sie ist aber behandelbar und auch immer häufiger auch heilbar, zumindest gibt es Fortschritte in diesem Bereich. Und was viel wichtiger ist, es handelt sich um ein Risikogen. Das heißt also, die Trägerinnen dieses Gens erkranken gar nicht unbedingt. Selbst bei BRCA1, das ist das stärkste Gen, das trägt 60 Prozent, also 40 Prozent werden nie an Brustkrebs erkranken, und das ist in Deutschland nicht zulässig, solche Risikogene sind ja keine definitiven Krankheitsgene und es ist ja auch so, dass es Risikogene gibt, die zum Beispiel das Risiko für Diabetes um fünf Prozent erhöhen oder für Alzheimer um zehn Prozent. Wenn man da die Tür aufmacht – sagt man in Deutschland –, dann ist man ganz schnell in einem Bereich, wo man wirklich alles mögliche machen kann, und deshalb hat man hier bei uns die Tür zugemacht und ethisch gesagt: Solche Risikogene werden im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik bei uns weiterhin nicht getestet. In den Niederlanden und Belgien soll weiterhin getestet werden.

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