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In Sandalen zum Chopin-Konzert

Frédéric Chopin wurde in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. Bis heute ehrt man den Komponisten mit einem Festival im Lazienki-Park - umsonst und draußen.

Von Sabine Adler |
    Im Lazienki-Park rund um das Chopin-Denkmal blühen rosarote Rosen, zwischen den Beeten stehen Parkbänke. Wer früh gekommen ist, hat einen Sitzplatz darauf ergattert, alle anderen machen es sich auf den gepflegten Rasenflächen bequem oder auf den Mäuerchen, mit denen die Rosenbeete eingefasst sind. Immer neue Besucher strömen herbei. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Unmittelbar am Fuße des Denkmals ist der Flügel aufgebaut, über den eine Art Segel gespannt ist, das vor Sonne schützt. Nicht vor Regen, denn bei schlechtem Wetter werden Konzerte abgeblasen, was in den trockenen Warschauer Sommern aber nicht häufig vorkommt.

    Grzegorz Skrobiński sieht nicht aus wie ein Pianist, eher wie ein Motorradfahrer. Und doch: Der Riese liebt den Lazienki-Park und die Musik von Chopin, nicht nur weil er in dieser Saison das erste Mal auftreten durfte.

    "Es waren genau so viele Leute da wie jetzt, sie saßen auf Decken, lasen Bücher. Die Leute genießen es einfach, hier zu sein, Musik zu hören. Ich glaube und hoffe, dass die Konzerte im Lazienki-Park die Liebe zur Musik wecken und der eine oder andere dann in die Philharmonie kommt – oder wo immer wir sonst spielen."

    Ein Konzert im Lazienki-Park heißt in jedem Fall Chopin, der wegen seiner polnischen Mutter und seiner Geburt in Polen als Nationalheld verehrt wird. Das Denkmal zeigt den Komponisten verträumt, vor allem aber zerbrechlich, wie der Baum neben ihm, der nur mühsam einem Sturm standzuhalten scheint.

    "Chopin gehört zu unserer Welt, Chopin ist in Polen unerlässlich. Wir Musiker werden ständig gebeten, Chopin zu spielen. Wir sind in der Chopin-Kultur aufgewachsen. Das gehört ganz natürlich zu uns."

    Grzegorz Skrobinski ist der erste Pianist in seiner Familie, sein Vater motzt Oldtimer auf. Der junge Musiker mag die informelle Atmosphäre des Ortes, unwichtig, dass die Straße zu hören ist, die Pappeln rauschen, wenn der Wind bläst, der Kies auf den Wegen knirscht, denn auch das ist erlaubt: Aufstehen während der Konzerte. Erstaunlicherweise sind die Kleinen sehr still, spielen allein und leise, hören zu, kuscheln mit den Eltern. Ein Siebenjähriger untersucht wortlos sein Fahrrad, das neben ihm im Gras liegt.

    Über tausend Besucher kommen bei schönem Wetter. Beim zweiten Konzert um vier Uhr sind es meist sogar noch mehr als beim ersten um zwölf Uhr. Agnieszka, 40 Jahre alt, wurde schon von ihren Eltern mit in den Park genommen, sie hält es ebenso mit ihren Töchtern. Chopin im Lazienki-Park sei auch ideal für Paare, für die erste Verabredung.

    "Ich kenne mich nicht so gut aus mit Musik, dass wir wegen eines bestimmten Repertoires oder Pianisten kommen würden, aber wenn wir in der Nähe sind, richten wir es ein, dass wir eine Weile zuhören können. Man muss nicht bis zum Ende bleiben und man muss nicht für ein Konzert angezogen sein. In die Philharmonie kannst du zum Beispiel nicht in Sandalen gehen. "

    Während der deutschen Besatzung Warschaus verboten die Nazis, Chopin zu spielen und sprengten das Denkmal. 1959 wurde das neue eingeweiht und die Tradition der Konzerte fortgesetzt. Die besteht seit fast 80 Jahren. Für Warschaus Stadtverwaltung sind die Sommerkonzerte ein Aushängeschild, beliebt bei Touristen aus dem In- und Ausland.
    Inzwischen werden sie sogar exportiert. Nach Paris im Jardin du Luxembourg und ganz aktuell im Moskauer Gorki-Park wird Chopin von polnischen Interpreten gespielt. Der größte Erfolg: Chopin zu Füßen der Sphinx bei den Pyramiden lässt sich wegen der Unruhen in Ägypten vorläufig leider nicht wiederholen.


    Wer im Lazienki-Park auftreten darf, entscheidet Antoni Grudzinki von der Chopin-Gesellschaft. Ihm schicken Klaviervirtuosen aus aller Welt Land ihre Konzertmitschnitte zu. Das Repertoire im Park folgt nur einem Prinzip: Die Stücke sollen nicht zu lang und nicht zu komplex sein.
    "Die Konzerte hier sind anders als in der Philharmonie. In den Park kommen auch Leute ohne engeren Bezug zur Musik. Uns geht es eher um einen Überblick seines Werkes – Chopins Masurkas, die Etüden oder eine romantische Nocturne passt gut, aber eine Sonate ist für solche Konzerte schon ein zu großes Format."

    Zwei Freundinnen, eine Innenarchitektin und eine Wirtschaftsberaterin, um die 50 haben bis zum Ende auf einem Mäuerchen ausgeharrt, was nicht eben bequem war in ihren engen Etui-Kleidern. In ihren Gesichtern nichts als Freude:

    "Seit meine Kinder groß sind, ich meinem Mann für seine Karriere nicht mehr den Rücken freihalten muss, kann ich mich um mich selbst kümmern und habe die klassische Musik für mich entdeckt. Je mehr ich höre, desto besser lerne in diese Welt kennen. Das ist wunderschön. Meiner Freundin geh es genauso."

    Die gibt ihr Recht.

    "Das Leben ist besser, wenn man hierher kommt. Schauen Sie diese Kinder an, die das hier von Kleinauf sehen. Wir leben doch nicht nur, um zu arbeiten oder zu kochen."

    Die Besucher strömen in den weitläufigen Park, dessen zweite Attraktion die unzähligen Eichhörnchen sind, jetzt gehen viele noch etwas spazieren oder essen. Das Klavier dürfen sich jetzt die Kinder vornehmen.

    Maria Szraiber, Musikdozentin aus Warschau, steht sie aufgekratzt neben dem Chopin-Denkmal. Sie hat bereits Dutzende Konzerte hier gegeben. Die Pianistin ist ebenso schmal wie der große Meister, ihre Interpretation seiner Kompositionen haben das Publikum begeistert. Maria Szraiber nimmt Glückwünsche und Blumen entgegen.

    "Das ist ein ganz besonderer Ort – zauberhaft. Er atmet Chopins Geist. Aus Spaziergängern werden Zuhörer und die werden dann oft Musikliebhaber."