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StartseiteHintergrundIn Texas gehen die Uhren anders12.10.2004

In Texas gehen die Uhren anders

Der Heimatstaat George Bushs und die große Politik

Lange bevor er zu sehen ist, ist Kinky Friedman zu hören. Fünf Hunde rasen über eine Weide. Ein Esel steht daneben und mittendrin brüllt Kinky, der Texaner. Hier, irgendwo im Hill Country, der weiten Hügellandschaft südwestlich von Austin, der Hauptstadt dieses Staates, da sind sie zu Hause, die Typen, die Texas so besonders machen. Kinky Friedman ist einer von ihnen. 17 Bücher hat er geschrieben. Sänger ist er, mit der Countrylegende Willi Nelson war Kinky auf Tour. Und wenn Willy "No Place but Texas” singt, wird Kinky melancholisch.

Von Georg Schwarte

US-Präsident Bush bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Falfurrias im Bundesstaat Texas (AP)
US-Präsident Bush bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Falfurrias im Bundesstaat Texas (AP)
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Erst vor kurzem hat Kinky Friedman beschlossen, Governor von Texas werden zu wollen - das, was George Bush einst war, bevor er Präsident wurde. "Kinky - warum zum Teufel nicht" steht auf den Aufklebern, die er schon hat drucken lassen für eine Wahl, die erst in zwei Jahren stattfindet. Einer der Gründe, warum ich antrete, ist, weil ich denke, hier in Texas kann ich gewinnen, hier gibt es so viele Einzelgänger, unabhängige Geister, meint er. Texas, das ist das Land der Individualisten.

Und Kinky Friedman gehört dazu. Kinky, das heißt schrullig, verdreht, irgendwie spleenig, und der Name ist Programm. Und sie kennen ihn in Texas, den bunten Hund Kinky Friedman, den texanischen Philosophen, wie er sich selbst nennt:

Texas ist anders als der Rest Amerikas. Wir haben diese unendliche Weite hier, diese Einsamkeit, etwas von diesem Cowboygefühl. Europa versteht davon nichts. Europa ist viel zu eng und zu sehr mit Blut befleckt.

Wie so viele Texaner sagt Friedman, was er denkt. Er ist Jude und auf Europa - speziell auf Deutschland - nicht gut zu sprechen. Besser ein Jude in Texas als ein Jude in Deutschland. Und obwohl Kinky Friedman kein Republikaner ist wie George Bush, vor seiner Ranch nicht die amerikanische, sondern die texanische Flagge weht, springt er seinem Präsidenten bei - Texasehre halt - und verteidigt Bush gegen jede Kritik aus Europa. Ihr könnt euch über ihn lustig machen, wie ihr wollt und ihn als Deppen darstellen: Ihr, ihr seid doch die Idioten.

Kinky Friedman, diese Mischung aus Klaus Kinski und Charles Bukowski, ein Philosoph aus Texas, einer, der sich über die kommende Präsidentschaftswahl keine Illusionen macht. "Worüber haben wir gleich geredet? fragt er irgendwann, ach richtig, die Unterschiede zwischen George Bush und John Kerry. Die gibt’s nicht”, sagt er. "Außer, dass ich Bush kenne und ihn mag.”

Was das bedeutet, sagt er. Das bedeutet, dass wir hier in Amerika an der Supermarktkasse noch die Wahl zwischen Plastik- und Papiertüte haben, die Wahl zwischen Kaffee mit und ohne Koffein. Aber die wirklichen wichtigen Dinge, die werden längst ohne uns entschieden. Und Tag für Tag wird es schlimmer:

Hier in Fort Hood, fünf Autostunden von der Farm des texanischen Philosophen Kinky Friedman entfernt, marschiert Texas im Gleichschritt. Hier ist der Heimatstaat von George Bush dem Krieg im Irak ein kleines bisschen näher. Fort Hood ist einer der größten Militärstützpunkte der USA. Die Vierte Infanteriedivision hat im Irak gekämpft. Texas ist ihre Heimat und heute kehrt ein Teil der Truppe nach Hause zurück. Empfangen auf texanischem Boden mit einer riesigen Welcome-Home Party. Ein Jahr Krieg. Ein Jahr weit weg von Texas: Tausende Angehörige stehen auf dem Paradeplatz von Fort Hood, falten die Hände zum Gebet als Divisionskaplan Gil Richardson Gott für die Heimkehr der Soldaten dankt:

Freude, Tränen, es ging wild durcheinander. Wir haben gelacht und geweint. Wir wussten erst gar nicht, was wir machen sollten. Aber als wir uns dann in den Armen hielten, erst da war man sicher. Er ist wieder da. Er ist wieder sicher. Er ist bei uns.

Texas feiert seine Helden und Patricia, die deutsche Ehefrau von Command Sergeant Major Garcia feiert mit. Ein Jahr war ihr Mann im Irak. Die Zeit für seine Frau hier in Fort Hood, die Hölle in Texas, sagt sie:

Hoffen, beten, warten. Die Angst war immer da, dass ein Anruf kommt, dass alles in Ordnung ist. Immer, wenn ein fremdes Auto in die Siedlung fuhr, beten, dass es nicht bei dir hält. Aber bis jetzt ist ja alles gut gegangen.

Bei ihr schon. Bei 79 Familien aber kehrte statt des Soldaten die Trauer heim. Edward Wright weiß eine Menge von Trauer zu berichten. Sein Bruder Jimmy, 27 Jahre war er, als er am 18. September vor knapp einem Jahr im Irak getötet wurde. 11.000 Soldaten sind aus dem Irak hier in das riesige militärische Areal zwei Autostunden nördlich von Austin, der Hauptstadt, zurückgekehrt. Neulich hat Bush die Truppe hier in Fort Hood besucht, den Soldaten gedankt. Eine Chance für viele Soldatenfamilien, den Texaner im Weißen Haus mal aus der Nähe zu sehen.

Vier Autostunden Richtung Süden, da, wo sie in Texas nicht vom Öl, sondern vom Weinbau, dem Vieh und der Landwirtschaft leben, gibt’s Rabatt für Soldaten. Wir sind dankbar für ihren Dienst und stolz auf unsere Truppe, und deswegen zahlen sie bei uns weniger, sagt Robert Van der Lyn. Der Hotelbesitzer steht auf der Terrasse seines Hauses, das eigentlich ein Anwesen ist. Land, soweit das Auge reicht. Und alles gehört ihm und seiner Frau. Er ist in Texas geboren, hat dieses Land in sich aufgesogen, hat Jura studiert, Geld verdient. Irgendwann wollten beide etwas Neues ausprobieren - ein Hotel bauen, Unternehmer werden. Wir sind durch 35 Staaten gefahren auf der Suche nach dem geeigneten Platz, erzählt er. Sechs Monate lang hatten sie die USA durchmessen. Und dann kamen sie zurück nach Texas:

Wir fuhren über die Grenze bei El Paso und waren mitten in Westtexas, was verlassen und eher hässlich ist. Es war mittags, knapp 40 Grad. Wir machten halt an einem Imbiss, und als wir den Laden betraten, da warf die texanische Verkäuferin nur einen kurzen Blick auf uns. Und es klingt vielleicht komisch, aber in dem Moment hab ich gemerkt, was ich sechs Monate vermisst hatte, ohne es selbst zu wissen: diese unglaubliche texanische Freundlichkeit.

Sie sind in Texas geblieben, haben ihr Hotel gebaut, sind Unternehmer geworden. Patti, Roberts Frau, hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass der Rest der Amerikaner, aber auch viele Europäer, Texaner für verschrobene Hinterwäldler halten. Sie hat für sich den Spieß umgedreht.

Wir hier in Texas, wir lachen mittlerweile über die Leute in Washington, weil wir genau wissen, die halten uns für einen Haufen Provinzler, die von nichts eine Ahnung haben.
Aber die Leute hier sind hartarbeitende, intelligente Menschen, die einfach nur denken: Wir brauchen keine Regierung, die uns ständig sagt, wie wir zu leben haben. Und genau deshalb halten viele uns Texaner für eigenwillig.


Und wir sind’s ja auch, sagt Patti und lacht. Sie ist Unternehmerin, muss sehen, dass der Laden läuft, hat Angestellte und Verantwortung. Für Politiker, ob sie George Bush oder John Kerry heißen, hat sie nur einen Rat: Bevor Du nicht ein paar Meilen in meinen Schuhen gelaufen bist, sag mir nicht, wie ich mein Leben zu führen habe.

Die sollen sich mal anschauen, was es heißt, als Mittelständler den Papierkram für die Behörden hinzukriegen. Danach können sie uns vielleicht sagen, wie wir leben sollen.

Da scheint er dann durch, dieser texanische Eigensinn. Ihren Sohn schicken die Van Lyns übrigens nicht in die Schule. Sie setzen auf Home-Schooling, unterrichten selbst. Wir können das besser als die Behörde, der Staat. Diese Skepsis gegenüber allem, was Regierung heißt. In Texas ist sie mit Händen greifbar. Texas, das ist schon ein etwas anderer Staat, meint auch Robert. Er spricht vom Mythos. Von Anfang an haben sie den aufgebaut, sagt er. Dieses weite, reiche Land. Jeder kann hier sein Glück machen. Das ist der Mythos. Und zum Glück gehört für viele Texaner das eigene Stück Land. Da verbindet sich der Mythos mit dem Grund und Boden. "Und in diesem Sinne”, sagt Robert mit Blick auf George Bush und seine Ranch in Crawford, "in diesem Sinne sind George Bush und seine Frau Laura wirklich der Inbegriff von Texas."

Dass Bush Jahre seines Lebens an der Ostküste verbracht hat, an Elite-Universitäten der Ostküste studierte, als Kind reicher Eltern sein Glück nicht selber machen musste, das stört hier kaum jemanden.

Die Leute hier sagen: Bild Dir eine Meinung, bleib dabei, entscheid dich zwischen richtig und falsch. Und wenn ich Bush so sehe, dann verhält er sich genau so. Das ist guter alter Texas-Stil.

Gerald Beckman kann da nur nicken. Er wohnt auf der anderen Seite vom Highway. Drei Dutzend Schafe laufen über die kleine Ranch, die seinem über 80 Jahre alten Vater gehört. Sie leben hier auch vom Verkauf der Wolle und des Fleisches. Gerald Beckman steht in einer dreckverschmiertem blauen Jeans-Latzhose und Gummistiefeln im Garten. Nein, er sei kein Rancher sagt er:

Wochenendrancher allenfalls. Wochentags schraubt er Motoren zusammen auf der Randolph Airforce Base. Von Texas hält er ne Menge, von Bush noch viel mehr. Und das, was Patti, die Unternehmerin als urtypisch texanisch beschreibt, eben das hat Gerald Beckman bei Bush, seinem Präsidenten gefunden.

Bush hat seinen Standpunkt, er bleibt dabei und knickt nicht ein. Das mag ich an ihm. Er ist besser als andere, Clinton zum Beispiel. Der hat nur gequatscht. Aber reden hilft nicht. Handeln muss man.

Sechshundert Kilometer weiter im Süden, da, wo man am Strand von Texas nach Mexiko rüberschauen kann, da könnten sie jemanden brauchen, der endlich handelt. Zehn Frauen sitzen im Pfarrheim von San Felipe de Jesus. Krankenschwesterausbildung. Die Frauen sprechen kein Englisch, haben keinen Abschluss. Aber Hoffnung haben sie noch. Doktor Rafael, der Lehrer, hat eine Dolmetscherin dabei. Das Pfarrheim, in dem der Unterricht stattfindet, hat nur eine Postfachadresse. Straßennamen gibt es hier nicht, in dem Viertel von Brownsville, das die Bewohner "Colonia” nennen, Hüttendorf. "Uns gibt es eigentlich gar nicht", sagt Michael Seifert, der katholische Pfarrer der Gemeinde.

Die Leute in Austin, die nennen diese Gegend hier die Dritte Welt. Wahrscheinlich, damit sie uns hier mit ihrem Erste-Welt-Reichtum nicht helfen müssen." Die meisten Texaner glauben, wir gehören nicht zu Texas. "Nur wenn sie Leute brauchen, zum Baumwollpflücken, zum Toilettenreinigen, für den Zimmerservice in den Hotels, dann denkt Texas an uns.

"Ich bin nicht zynisch", meint er, aber Father Michael hat keine Illusionen mehr. Texas, die Nummer 14 auf der Liste der reichsten Staaten dieser Erde, hat ein Armenhaus. Die südlichste Gegend des Staates, um die Stadt Brownsville, direkt an der mexikanischen Grenze. Und Father Michael ist der Hausverwalter. Das Gebiet um Brownsville gilt als das ärmste in ganz Amerika. Durchschnittseinkommen: 4.100 Dollar - im Jahr. Brownsville ist das andere Texas. Nicht das der Ölbarone, der Glastürme von Dallas und Houston, nicht das reiche Texas, in dem Präsident Bush zu Hause ist, sagt Father Michael. Die Armut, das Elend hier. "Nein das ist wie aus den Köpfen der anderen Texaner gelöscht. Und auch Bush kümmere sich nicht. "Das ist zwar sein Staat hier. Bush spricht sogar ein bisschen Spanisch, aber uns, sagt der Priester, uns bietet er allenfalls ein paar Knochen an."

Father Michael kennt die hässliche Fratze von Armut und Krankheit. Gerade gestern hat er einen 35 Jahre alten Mann besucht, Prostatakrebs, Metastasen in den Knochen hat er, aber keine Versicherung, keine Arbeit, kein Geld. In Texas bedeutet das für einen unversicherten Krebspatienten einen qualvollen Tod. Und in Brownsville gibt es nicht einmal ein öffentliches Krankenhaus, dass diesen Mann kostenlos behandeln würde.

"Er hat keine Medikamente, er kann nicht mehr schlafen, der Mann wird buchstäblich verrückt vor Schmerzen", sagt der Pfarrer. Und das ist nur einer von vielen Fällen. Eine Zahl in der Statistik. Father Michael erzählt von einer alten Mexikanerin, die im Hüttendorf wohnt. Ihre Kinder haben die US-Staatsbürgerschaft. Sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Nachts muss die alte Dame durch den Grenzfluss Rio Grande nach Matamoros auf die mexikanische Seite schwimmen, um in Mexiko medizinische Versorgung zu bekommen.

Lupita Martinez hat vergleichsweise Glück. Sie ist nicht krank. Sie ist nur arbeitslos. 25 Jahre hat sie in Brownsville für Levis Hosen zusammengenäht, hat gut davon gelebt. Aber als Levis ging, kam die Armut nach Brownsville. Auch Lupita macht jetzt eine Fortbildung zur Krankenschwester - wie so viele hier. Aber einen Job kriegt sie trotzdem nicht.

Ich such in jedem Krankenhaus nach einem Job, in Labors, Pflegeheimen. Aber es gibt einfach nichts.

Lupita gehört zu den 98 Prozent Hispanics in diesem Teil des Staates. Hier klingt Texas spanisch. Und weil Lupita kein Englisch spricht, findet sie keinen Job. Stütze, Arbeitslosengeld, ist alles, was ihr bleibt.

330 Dollar krieg ich für den halben Monat. Das ist verdammt wenig für Wohnen, für Kleidung, für Essen.

Ray Guevara mag da nicht widersprechen. Er ist Arbeitsvermittler, Teil der sogenannten "Texas Workforce". "Die letzten fünf Jahre, das war eine Katastrophe hier, sagt er:

Wir sind ein wirtschaftliches Katastrophengebiet hier im Süden von Texas mit den Tausenden von Jobs, die wir nach Übersee verloren haben.

Erst ging Levis, dann Fruit of the Loom, dann machten andere Textilfabriken zu - und dann ging die Hoffnung. Die Leute hier im Armenhaus von Texas scheren sich nicht mehr um Republikaner oder Demokraten, George Bush oder John Kerry. Sie haben andere Maßstäbe. "Wer immer ihnen nur ein Fünkchen Hoffnung auf Arbeit gibt, ist ihr Mann. Die einzige Partei hört hier auf den Namen Jobs", meint Ray, der Arbeitsvermittler:

Wer keinen Job, sondern etwas zu essen will, der schaut bei George John vorbei. 1995 hat er eine Suppenküche gegründet. "Brot und Fische" hat er sie genannt, nach dem biblischen Vorbild. Man ist gläubig in Texas. Religiös-konservativ heißt das bei den Politologen. Mitmenschlich heißt das bei George John. Tag für Tag sind die Tische in der Suppenküche besetzt.

Von überall kommen sie her, auch aus der "Colonia” von Father Michael. Der lacht nur noch müde, wenn Fremde über Texas als das Land der Cowboys und Ölmilliardäre reden. "Das Schöne hier ist, dass wir fast keine Steuern zahlen", lästert der Priester. "Keine Steuern, keine Dienstleistungen. Das ist die einfache Rechnung.”

Wer immer diese Idee - möglichst wenig Steuern - gut findet, viel Glück. Schick ihn hierher in unseren Landkreis, dann kann er sehen, wie ein solches Land nach 50 Jahren aussieht.

Woche für Woche unterrichtet er die Kinder aus der Nachbarschaft. Und gerade erst hat ein elfjähriges Mädchen aus Mexiko ihm im Unterricht erklärt, wie das hier so läuft in Texas, wie der amerikanische Staat ihrer Meinung nach funktioniert. Von Republikanern, von Demokraten, von Bush und Kerry hat das Mädchen noch nie gehört, aber sie hat ihre Lektion Texas schon gelernt. "Raff zusammen, was Du kriegen kannst, pack alles in einen Topf, und setz Dich auf den Deckel", zitiert Father Michael das junge Mädchen. "Und wenn ich’s mir überlege", fügt er an, "genau so handeln derzeit die, die hier politisch Verantwortung tragen."

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