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StartseiteCorsoToxische Männlichkeit als Internetkult09.11.2020

IncelsToxische Männlichkeit als Internetkult

Sie sind jung, wütend und verbreiten frauenverachtende Hetze im Netz: sogenannte Incels, unfreiwillig zölibatäre Männer. Autorin Veronika Kracher hat ein Buch über diese globale Online-Community geschrieben und berichtet im Dlf von dem, was man tun müsse, damit junge Männer nicht zu Incels würden.

Veronika Kracher im Gespräch mit Adalbert Siniawski

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Teilnehmer an einer rechtsextremen Kundgebung stehen am Samstag (04.09.2010) in Dortmund auf einem Parkplatz neben einem Polizeibeamten. Tausende Menschen haben am Samstag in Dortmund friedlich gegen einen Neonazi-Aufmarsch demonstriert. Am Rande der Proteste lieferten sich allerdings Demonstranten aus der linken Szene Scharmützel mit der Polizei. Foto: Rene Tillmann dpa/lnw (dpa)
Aussteigerprogramme und Prävention brauche seien wichtig, sagte Veronika Kracher im Dlf (dpa)
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Sie rotten sich in Online-Foren wie 4chan, lookism.net oder in Deutschland auf Wikimannia zusammen. Dort leben sie ihre kruden Phantasien aus: Der Feminismus sei schuld daran, dass sie keinen Erfolg bei Frauen hätten.

Sexuell frustrierte Männer im Netz 

Die Rede ist von sogenannten Incels - ein Wort, das sich ableitet vom englischen Begriff "involuntary celibates", also unfreiwillig Zolbibatären: Sexuell frustrierte Männer, die sich im Netz gegenseitig in Verschwörungsideologie reinsteigern. Die Grundlage für diese: Frauenhass, gepaart mit Rassismus und Antisemitismus. Auswirkungen sind Hass im Netz, die mitunter in tödlichen Attentaten gipfelt.

Die Journalistin Veronika Kracher hat nun ein Buch über die Incel-Bewegung geschrieben.

Im Deutschlandfunk sagte sie: "Ich habe angefangen mich mit dieser Grupppe zu beschäftigen, nach dem Attentat in Toronto 2018, das war auch der Moment, in dem die Incel-Community international auch bekannter geworden ist."

Der Attentäter hatte sich selbst als Incel bekannt, bevor er zehn Menschen tötete. Ähnlich auch vier Jahre zuvor der Täter von Santa Barbara. Und der antisemitische Attentäter in Halle wählte für den Soundtrack seines Live-Streams ein frauenfeindliches Lied aus der Incel-Szene aus.

Für ihre Recherche hat Veronika Kracher sich mit Incel-Aussteigern unterhalten, die sie im Internet kennengelernt hat. Zum einen, weil es ihr "wichtig war, einen Bick aus der Community zu offererieren." Sie aber zum anderen "keinen Frauenfeinden" eine weitere Bühne geben wollte.

"Joker" als Vorbild

Vorbilder finden Incels auch in der Popkultur. Allein ihre Selbstunterteilung in Red- und Black-Pills, sowie Pink-Pills für weibliche Incels, sogenannte Femcels, sind eine Referenz aus dem Film Matrix.

Ein jüngere Film, den Kracher in diesem Kontext kritisierte, ist "Joker" von Regisseur Todd Philips. Darin erfahre, der weiße Comedian Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) eine narzisstische Kränkung nach der anderen und sein Umgang damit werde, so Kracher, als etwas Nachvollziehbares geradezu Wünschenswertes dargestellt.

"Er kriegt immer eine rein und der erste Moment seiner Selbstermächtigung ist, als er in der U-Bahn drei Yuppies erschießt." Der Erweckungsmoment für eine gewalttätige Bewegung im Batman-Universum.

Für Veronika Kracher verharre der Film jedoch "im Riot-Porn" und entbehre einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den strukturellen Gründen für Flecks Kränkung. Kracher zitiert ihr eigenes Urteil aus einem Artikel ("Der letzte Dreck" in "Konkret" 11/19): "Todd Phillips hätte lieber Hangover 4 drehen sollen".

"Looksmaxxing" und Instagram

Ein weiterer wichtiger Radikalisierungshort ist die Plattform Instagram, bei der es, laut Kracher, "um eine Inszenierung von Attraktivität und Erfolg geht". Ein guter Nährboden für eine Praxis, die Incels als Looksmaxxing beschreiben.

"Die Incels, die diesem Looksmaxxing anhängen, glauben, dass Frauen nur auf attraktive Männer stehen. Und statt zu erkennen", führt Kracher aus, "dass neoliberale Verhältnisse und Selbstoptimierung das Problem sind, sehen sie Frauen und den Feminsimus als Problem". Das sei ein grober Fehlschluss.

Aussteigerprogramme und Präventionsarbeit

Nun, besteht das wirkliche Problem ja nicht nur darin, dass ein paar junge Männer im Netz hetzen und in ganz seltenen Fällen, Anschläge verüben. "Es seien ja", so Kracher, "auch Menschen, die Gewalt gegen Frauen ausüben." Sie sieht außerdem eine Verbindung zwischen der Incel-Ideologie und gesellschaftlichen Strukturen, in denen, laut Kracher "Frauenhass und Gewalt gegen Frauen nicht so ernst genommen werden, wie es sollte."

Um der Bewegung Einhalt zu gebieten, bedürfe es zum einen Aussteigerprogramme und zum anderen eine Präventionsarbeit, die bereits bei 13- bis 15-jährigen Schülern ansetze. Mit dem Ziel, dass diese "gar nicht erst zu Incels werden." Dies erreiche man aus Krachers Sicht über "gendersensible Pädagogik, pro-feministische Arbeit mit jungen Männern und einer Gesellschaft, die nicht mehr patriarchal organisiert ist."

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