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StartseiteRock et ceteraSpritzig und funkelnd25.08.2019

Indie Rock-Trio SparklingSpritzig und funkelnd

Klar, direkt, strahlend: Die Songs der drei Kölner Musiker von Sparkling glänzen, grooven und bestechen durch oft minimalistische Gitarrenriffs, drängenden (Sprech-)Gesang und scharfe Bass- und Schlagzeuglinien. Ist die Band der neue Stern am Indie-Rock-Himmel?

Von Anja Buchmann

Drei Männer stehen vor einer weißen Mauer und blicken in die Kamera (écoute chérie)
Auftritte in London haben sie sich vor einigen Jahren selbst organisiert (écoute chérie)

Musik: "Alive"

"Wir sind in der Ackerstraße in unserem Proberaum…"

Im rechtsrheinischen Stadtteil Köln-Mülheim, wo man sich zum Interview trifft.

Proben in Köln auf 18 qm

"...wo wir jetzt schon seit mehreren Jahren eigentlich immer proben und Songs schreiben. Ja, es ist ein schöner kleiner Raum, vollgepackt mit unseren ganzen Instrumenten und allem Equipment, das wir haben. - Anja: "Wie groß ist er etwa, geschätzt, 15 Quadratmeter?"  Levin: "18 Quadratmeter ungefähr" Leon: "Man sieht Synthesizer, man sieht ein Schlagzeug und sieht eine PA. Man sieht viele Verstärker, Gitarrenverstärker oder Bass Verstärker, Gitarren, Lärmdämpfungssachen."

"Jeder hat so ein bisschen seine kleine Ecke, wo er immer ist Schlagzeug Ecke dann gibt's die Ecke wo alle meine Effektgeräte stehen mein Mikrofon stehen mein Amp stehen, und dann auch die Bassecke und da wir bei unseren Konzerten auch noch eine vierte Person dabeihaben, gibt's dann auch die Synthesizer Ecke."

Es ist warm im kleinen, vollgestopften Proberaum von Sparkling. Bis zum Beginn des Interviews röhrt ein Ventilator, an einer Seite hat noch ein kleines Sofa Platz gefunden, an der Wand, wo unter der Decke des öfteren mal Schimmel entsteht. Proberaum-Romantik eben. Zur regelmäßigen Entfernung des Schimmels gibt es ein Chlormittel, das in einem kleinen Schränkchen steht, in dem Sänger Levin gerade noch rum räumt. Und das dann erst mal umkippt. Bezahlbare Proberäume sind schwer zu finden, also arrangieren sich Leon, Levin und Luca erstmal mit dem leicht verschimmelten 18 qm-Raum. Immerhin etwas größer als ihr Zimmer, das sie in London bewohnt haben: 2015 sind die drei für ein halbes Jahr in die britische Hauptstadt gezogen.

"Lass uns doch mal nach London ziehen"

"Und dann hatten wir gedacht, wir haben Bock nach England zu gehen und haben dann eigentlich erst mal so ein Konzert gebucht damals und haben dann gesagt: Okay wir spielen eine Show da und sind dann rüber und haben dann ein paar mehr Shows gespielt und dann kam irgendwie dieser Gedanke: Lass uns doch mal nach London ziehen. 2015 sind wir dann nach London gezogen für ein halbes Jahr und hatten da einfach eine total aufregende Zeit zu dritt in einem Zimmer und haben eigentlich die ganze Zeit Musik gemacht, sind auf total viele Konzerte gegangen, haben super viele Konzerte auch selber gespielt und waren da so in dieser Londoner Musikszene unterwegs."

Musik: "Is this our generation?"

Der britische Geschmack der Musik von Sparkling liegt zum einen daran, dass sich alle drei Musiker auf The Clash als gute Band einigen können, dass sie sich zum Teil am Post-Punk der 1970er- und 1980er-Jahre orientieren und sicher eben auch daran, dass sie das halbe Jahr in England sehr intensiv erlebt haben.

"Man muss sich das ja so vorstellen, dass wir zu dritt in einem Raum gewohnt haben und jeden Tag uns ausgetauscht haben, in den Proberaum gegangen sind und ganz viele kleine Jobs gemacht haben. Aber die Musik gemacht haben und auf Konzerte gegangen sind. Und das hat total zusammengeschweißt und auch musikalisch eine super enge Symbiose ergeben. Das auf jeden Fall auf der persönlichen Ebene."

Dass man in England oder London auch als Band, wenn man da was machen will, auch sehr sehr ernst genommen wird, das tut auch gut fürs Selbstbewusstsein. Also einerseits nein, weil die Konkurrenz so groß ist, andererseits weil man sehr ernst genommen wird. Und es gibt ein gutes Gefühl, dass Musik halt irgendwie Lebensmittelpunkt sein kann.

Musik: "I am here to stay"

"Dass da witziger Weise so anders als in Deutschland dann viele Leute waren – und es auch relativ schnell alles ist."

Schlagzeuger Leon über die Erfahrungen in ihrer Londoner Zeit: "Also viele Leute, die selber eigene Shows machen und buchen und dann haben sie gesagt: habt ihr Bock, nächste Woche… Und dann hat sich das so entwickelt. War aufregend. Wir haben sogar im National History Museum gespielt, in dieser riesigen Eingangshalle mit dem Dinosaurier. Das kam auch per Zufall einfach, da hatte uns der irgendwie auch gesehen - der Typ, der diese Shows organisierte -, der hat dann gesagt: Hey, eine Band ist abgesprungen und wollt ihr nicht spielen. Und dann haben wir da in dieser Halle gespielt, die unglaublich riesig war. Und wir dachten nur: Was passiert hier?"

EP mit Produzent Moses Schneider

Und so ging es – zurück in Deutschland -  tatsächlich weiter. Die jungen Männer hatten dem bekannten Produzenten Moses Schneider Material zugeschickt, er kam zu einem Auftritt von Sparkling in Berlin und sagte zu, ihre nächste EP zu produzieren. "This is not the paradise the told us we would live in" hieß sie, eigentlich ihre zweite EP, die erste war nur im kleinen Rahmen selbst veröffentlicht worden. Nun also ein richtiges Label und ein Produzent, der schon mit Bands wie Tocotronic, Turbostaat und den Beatsteaks gearbeitet hat. Aufgenommen wurde das Ganze in Moses Schneider-Manier in Echtzeit: Die Band spielte zusammen in einem Raum.

Drei Männer stehen an einer Straßenecke. (écoute chérie)2019 waren sie auf der c/o pop und spielen bei einigen Festivals (écoute chérie)

"Er hat uns ziemlich viel machen lassen. Wir haben so ein bisschen am Arrangement darüber geredet, es wurde aber eigentlich nicht viel geändert und er hat uns so unterstützt, in dem was wir gemacht haben, und so haben wir das dann auch aufgenommen."

Entstanden sind vier energetische, oft auf kleinen Motiven aufbauende Songs mit repetitiven Mustern und hier und da an The Streets erinnerndem Sprechgesang.

Musik: "Not the only one here / Champagne"

Synthesizer und deutsche Texte

Das war "Champagne", der Opener ihres Debüts "I want to see everthing", das am Freitag erschienen ist. Aufgenommen in Berlin und London, produziert von Stereolab-Schlagzeuger und Studiobesitzer Andy Ramsay und vollkommen anders eingespielt als ihre EP.

"Bei der EP mit Moses Schneider war es ja so, dass wir uns bewusst reduziert haben auf Bass, Gitarre und Schlagzeug. Und zum Album hin hatten wir gedacht, wir wollen irgendwie alles aufbrechen und neu denken und gucken, wo wir hingehen können und was alles möglich ist. Dann so haben wir erst mal den ersten Synthesizer beim Herumprobieren uns dazugestellt und dann langsam drauf herumprobiert, und dann kam immer mehr dazu und immer mehr dazu. Bis wir dann auch drum-machine eingebaut haben und das war ein organischer Prozess."

Der auch dazu geführt hat, dass bei Konzerten nun ein vierter Mann an den Synthies mit dabei ist: Matthias Sänger vom Kölner Duo Albert Luxus.

Musik: "When I go to sleep / Alles nur vielleicht"

Ein weiteres neues Element auf dem Album: deutsche Texte. In einem Song singt Levin gleich auf deutsch, englisch und französisch. Ja, man hört am Akzent, dass hier ein Deutscher am Werk ist, aber das stört nicht, denn gerade dieser Song kann auch als europäischer Song einer jungen Generation verstanden werden.

"Ich hatte diese Zeile "I want to see anything", die Leon und ich mal zusammen nachts gespielt haben, wir waren nachts um zwei im Proberaum und haben einfach gespielt und es gab wieder so einen Ausschrei. Wir hatten davor eine Tour in Frankreich gespielt und waren auch in England unterwegs und es war dieses Gefühl: Ich möchte alles sehen, alles verstehen, ich will überall hin und ich kann auch überall hin. Ich habe diese Freiheit und  deswegen auch der Song: "I want to see everything", Ich möchte alles sehen. In allen drei Sprachen gesagt, um diese Freiheit irgendwie auszurufen."

Musik: "I want to see everything"

Dieses "I want to see everything", dieses schlichte Ausrufen von Freiheit und Entdeckertum ist symptomatisch für die Musik und auch die Persönlichkeiten der Band Sparkling: sprudelnd, neugierig, erwartungsvoll. Und trotz der Entdeckerfreude wirken ihre Songs  fokussiert und im Detail ausgearbeitet. Das Album "Champagne" klingt dabei noch etwas geschliffener als die EP, was zum einen den unterschiedlichen Aufnahme-Arten geschuldet ist, zum anderen durch den vermehrten Einsatz von Synthesizern entsteht. Ob rauer oder geschliffener: Es geht darum, Gefühle rauszulassen und in Musik zu kanalisieren, wie es Levin auch für den Song "Something like you" beschreibt.

Wut und Energie rauslassen

"Ich hatte dieses Riff was irgendwie aus Nicht-Akkorden ist. Eigentlich sind das drei Töne, die jetzt nicht wirklich so viel zusammen tun. Und dann dieses Geschrammelte. Es war ein Tag, an dem ich super viel Energie und diese Energie total rauslassen musste. Und ich hatte dann einfach im Proberaum gespielt und dazu eigentlich ein bisschen Text schon, irgendwie meine Wut raus gelassen, und dann haben wir das zusammen nochmal weiterentwickelt und haben genau dieses auch mit diesem "Stop and Go" gemacht, weil das die Emotion genau widergespiegelt hat, von sowas, was raus muss."

Sparkling ist keine dezidiert politische Band. Aber sie schreiben immer wieder Songs, in denen mindestens Gesellschaftskritisches anklingt. So auch bei "Something like you", das übrigens schon auf der 2016er EP erschienen ist und auf dem aktuellen Album noch mal zu hören ist.

"Es gab ja auch in der Zeit viele Terroranschläge und das mit Trump ist eigentlich aufgekommen in der Zeit. Dass da so viel Hass aufgekommen ist, dass man nicht verstanden hat warum so viel Hass aufkommt und eigentlich genau dagegen zu reden, zu sagen: Ich bin verständnislos, dass so viel Hass da ist und dass man das raus ruft: Warum wollen Leute Hass verbreiten."

Musik: "Something like you / It isn’t true"

Sparkling wollen alles allein in der Hand haben: So wurde das Album auf dem eigenen Label Vitamin A Records veröffentlicht und auch ihre Musikvideos machen Levin, Leon und Luca selbst, in Zusammenarbeit mit Freundinnen und Freunden, zum Teil aus dem Umfeld der Kölner Kunsthochschule für Medien, an der Levin studiert. Das Video zu "The same again" entstand ebenfalls in Eigenregie: Menschen in schwarzen Hosen und roten, blauen und grünen Shirts gekleidet, die sich in einer riesigen Bettlandschaft bewegen.

Spritzig und funkelnd mit drei L

"'The same again', der Titel sagt schon die Idee des Musikvideos war, dass man sagt: Es passiert immer wieder das Gleiche. Man ist in so einer Zeitschleife und deswegen im Musikvideo immer diese Bettszene oder von oben gefilmte Bettszene, wo man immer wieder versucht aufzustehen und dann fängt es wieder genau gleich ein, es ist immer wieder dieses versuchen aufzustehen und nicht ausbrechen können aus dieser gemütlichen Bettlandschaft."

Musik: "The same again"

Das Album-Debüt von Sparkling ist am Freitag erschienen, die Tour zur Veröffentlichungt mit elf Terminen findet im Oktober und November statt. Ihren Festival-Sommer haben die Drei – bzw. mit zusätzlichem Musiker an den Synthies Vier – fast hinter sich, es folgt noch ein Auftritt beim Reeperbahnfestival im September.

Musik: "We don’t want it"

"Man bestimmt alles selbst, man ist ganz frei. Wir sagen selber, was wir machen wollen und das ist alles irgendwie nur aus uns heraus entstanden, das ist ein freies Ding."

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