Montag, 16. Mai 2022

Atommächte
Wie sich der Konflikt zwischen Indien und Pakistan immer wieder entzündet

Während sich die fünf offiziellen Atommächte darauf geeinigt haben, ihre Atomwaffen nicht weiter aufzustocken, rüsten die inoffiziellen Atommächte Indien und Pakistan weiter auf. Der Grund: Seit Jahrzehnten eskaliert die Situation in regelmäßigen Abständen - und die Region Kaschmir spielt dabei eine wichtige Rolle.

20.01.2022

Indischer Soldat auf Patrouille in Srinagar, Kaschmir, nachdem zwei Zivilisten bei einer Militäroperation umgekommen sind.
Indischer Soldat in Srinagar, Kaschmir, in Alarmbereitschaft: In der Vergangenheit gab es mehrere Kriege zwischen Indien und Pakistan - bei den meisten ging es um die Vorherrschaft in Kaschmir (IMAGO / NurPhoto)
„Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf nie geführt werden“ – darauf einigen sich Anfang des Jahres die fünf ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat und offiziellen Atommächte in einer gemeinsamen Erklärung. Damit wollen die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China die Umsetzung des Atomwaffensperrvertrags fortführen. Dieser Vertrag ist seit 1970 in Kraft und wurde mitten im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossen, um vor allem die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhindern und für globale Sicherheit zu sorgen.
Allerdings gibt es neben den fünf offiziellen Atommächten auch noch andere Staaten, die Atomwaffen besitzen: Indien und Pakistan haben ebenfalls Nuklearsprengköpfe in ihren Arsenalen. Damit stehen sich zwei aufgerüstete Staaten in direkter Nachbarschaft gegenüber, die seit ihrer Unabhängigkeit von der damaligen Kolonialmacht Großbritannien rivalisierende Erzfeinde sind. Jeder aufflammende Konflikt zwischen den beiden Nationen wird zusätzlich mit der Gefahr eines Atomschlags überschattet.

1947 gilt als das Schicksalsjahr der Region

Das größte Konfliktpotential zwischen Indien und Pakistan entzündet sich an der Region Kaschmir, die sich im Norden der beiden Länder und bis ans Himalaya-Gebirge erstreckt. Dieses Gebiet wird von beiden Staaten beansprucht und der Ursprung dieses Konflikts geht zurück auf die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. Als die Staatskassen Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg leer waren, wurde beschlossen, Britisch-Indien aufzugeben.
Pandit Nehru, Lord Mountbatten und Muhammad Ali Jinnah (v. l. n. r.; am Tisch sitzend) diskutieren die Teilung Indiens, 1946
Pandit Nehru, Lord Mountbatten und Muhammad Ali Jinnah (v. l. n. r.; am Tisch sitzend) diskutieren die Teilung Indiens, 1946 (IMAGO / UIG)
Die beiden Anführer der großen Parteien Indiens, Muhammad Ali Jinnah von der Muslim-Liga und Jawaharlal Nehru als Chef der indischen Kongresspartei, konnten sich 1947 nicht auf einen gemeinsamen Staat einigen. Jinnah machte Lord Mountbatten, der letzte Vizekönig Indiens und gleichzeitig das Oberhaupt der britischen Verwaltung vor Ort, den Vorschlag, das Gebiet aufzuteilen. Jinnah hatte sonst die Sorge, als muslimische Minderheit in einem gemeinsamen Staat gegenüber der Hindu-Mehrheit benachteiligt zu werden. Diesem Vorschlag stimmte Lord Mountbatten zu und somit teilten die Briten die ehemalige Kolonie ohne große Ahnung nur nach der religiösen Zugehörigkeit der Bevölkerung auf: Die Gebiete mit muslimischer Mehrheit bildeten Pakistan und die mit mehrheitlich Hindus Indien; gemischte Gebiete wurden einfach geteilt.
Somit entstand unter anderem die absurde Situation, dass „Ost-Pakistan“ entstand: Ein Gebiet, das durch den Staat Indien vom eigentlichen Staatsgebiet getrennt wurde und mehr als tausend Kilometer entfernt war. Pakistan erlebt wohl seine bisher „schwerste Stunde“, als der Ostteil 1971 die Unabhängigkeit erlangt und als Bangladesch von Pakistan abspaltet.
Die Region Kaschmir spielte bei der Aufteilung eine besondere Rolle: Mehrheitlich muslimisch, wollte sich der herrschende Maharaja trotzdem Indien anschließen. Das wollte Pakistan mit allen Mitteln verhindern und hat daraufhin Kämpfer in Richtung Kaschmir geschickt, die von Indien aber aufgehalten werden konnten. Seitdem ist die Region, auf die beide Länder Anspruch hegen, bis heute durch die „Line of Control“ geteilt und genießt einen autonomen Sonderstatus. Indien hat diesen Status aber im August 2019 aufgehoben und die Region unter indischer Verwaltung gestellt, was in gewaltsamen Protesten der Bevölkerung mündete.
An der ungeklärten Kaschmir-Frage entfachen sich die meisten Kriege zwischen Indien und Pakistan – bisher war das 1947, 1965 und 1999 der Fall.
Karte zeigt Indien, Pakistan, Bangladesch und die Kaschmirregion
Das größte Konfliktpotential zwischen Indien und Pakistan entzündet sich an der Region Kaschmir (Deutschlandradio / Wikipedia / Andrea Kampmann)

Indien und Pakistan werden inoffizielle Atommächte

Beide Länder sind zu unterschiedlichen Zeiten in den Besitz von Atomwaffen gekommen. In indischen Arsenalen sind seit 1974 Atomraketen gelagert und Pakistan folgte 1998. Die schwedische Stiftung SIPRI schätzt die Anzahl an Atomsprengköpfen in Indien auf 150 und in Pakistan auf 160. Das ist im Vergleich zu den USA und Russland (beide haben um die 6.000 Sprengköpfe) deutlich geringer, allerdings machen beide Länder keine Anstalten, ihre Anzahl zu verringern – im Gegenteil: Sie erhöhen sogar ihren Bestand.

Atomwaffen als Schutz vor Angriffen

Der Grund für die Aufstockung ihrer Atomwaffen-Arsenale sehen beide Länder in der Abschreckung des jeweils anderen: Solange sie im Besitz von Nuklearsprengköpfen sind, bleibe es in der Regel beim Säbelrasseln und den „Scharmützeln“, so Sicherheitsexperten.
Damit ist die Gefahr einer zukünftigen atomaren Eskalation allerdings nicht eingedämmt, denn die Experten sind sich darin einig, dass die unterschiedlich schnelle wirtschaftliche Entwicklung der beiden Länder gewaltiges Eskalationspotential freisetzen werde. Pakistans Wirtschaft und damit auch das Militär entwickeln sich langsamer als die Indiens.
Die Hoffnungen sind eher gering, dass beide Länder ihre Atomwaffen verringern oder gar ganz aufgeben. Indien und Pakistan haben als inoffizielle Atommächte den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben. Außerdem spielt ein anderer großer Player in der Region eine entscheidende Rolle in dieser Frage: China. Die Volksrepublik ist unter anderem wegen Grenzstreitigkeiten mit Indien in Konflikt und hat sich auf die Seite Pakistans gestellt. Dadurch sieht sich Indien von zwei verfeindeten Nachbarn umringt und setzt zur Selbstverteidigung weiterhin auf das Atomwaffen-Arsenal.

Immer wieder aufflammende Konflikte in Kaschmir

Der letzte größere Zusammenstoß zwischen Indien und Pakistan passierte 2019, als eine pakistanische Terrororganisation einen Anschlag verübte, bei dem 40 indische Sicherheitskräfte ums Leben kamen. Indien reagierte mit Luftschlägen auf pakistanischem Territorium und seitdem ist das ohnehin schon gebeutelte Verhältnis zwischen beiden Staaten sehr kritisch. Kleinere Konflikte, die zwischen Militärs und Zivilisten immer wieder aufflammen und bei denen auch teilweise Tote zu beklagen sind, gehören zum traurigen Alltag in Kaschmir.
(Quellen: Deutschlandfunk, Deutsche Welle, ZDF, BPB, Timur Gökce)