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Indiens Wirtschaftsikone
Aus ärmsten Verhältnissen zur Millionärin

Kalpana Saroj ist in Indien eine Wirtschaftsikone. Sie stammt aus ärmsten Verhältnissen. 2001 übernahm sie einen metallverarbeitenden Betrieb namens Kamani Tubes, der damals vor der Pleite stand. Heute ist Kamani Tubes 100 Millionen Dollar wert.

Von Jürgen Webermann |
    Polizisten aus Jammu und Kashmir hissen die indische Flagge bei der Parade zum 59. Unabhängigkeitstag in der nordindischen Stadt Jammu am Sonntag, dem 13. August 2006.
    Die Kasten in Indien sind traditionelle soziale Gruppen, die die Gesellschaft immer noch stark prägen. (picture alliance / dpa / EPA/JAIPAL SINGH)
    Kalpana Saroj spielt an ihrem vergoldeten iPhone. Die 52-jährige sitzt in einem Fünf-Sterne-Hotel in Neu-Delhi und beginnt, ihre unglaubliche Geschichte zu erzählen. Kalpana ist Multimillionärin. Eine der Wirtschaftsikonen Indiens. Aufgestiegen aus dem Nichts. Kalpana gehört eigentlich zur Kaste der Dalits, die früher Unberührbare hießen. Kasten sind traditionelle soziale Gruppen, die Indiens Gesellschaft immer noch prägen. Dalits stehen in der Hierarchie ganz unten. Viele säubern bis heute Latrinen oder räumen den Müll weg, den Angehörige höherer Kasten manchmal achtlos vor ihnen auf den Boden schmeißen. Kalpanas Kindheit war keine Ausnahme:
    "Die Gesellschaft, in die ich hinein geboren wurde, erlaubte es Mädchen nicht, einen Schulabschluss zu machen. Schon gar nicht als Dalit. Die Mädchen wurden mit neun oder zehn Jahren verheiratet. Ich habe keinen Schulabschluss. Ich wurde mit zwölf Jahren verheiratet."
    Kalpana wurde in ihrem neuen Zuhause regelmäßig geschlagen. Ihr Vater war nach einem Besuch so geschockt von ihrem Anblick, dass er eine Scheidung erlaubte. So etwas ist auf dem Land für die meisten Menschen undenkbar. Kalpana war in ihrem Dorf eine Geächtete. Sie versuchte, sich mit Rattengift umzubringen. Aber eine Tante fand sie gerade noch rechtzeitig. Das junge Mädchen entschied danach, in der Metropole Mumbai ihr Glück zu versuchen. Dort kam Kalpana bei Verwandten unter. Sie arbeitete für weniger als einen Euro am Tag in einer Schneiderei. Mit der Zeit lernte sie, wie sie Finanzhilfen beim Staat beantragen konnte. Sie übernahm nach und nach auch die bürokratische Arbeit für andere Einwohner des Slums, in dem sie arbeitete:
    "Ich habe das nachts gemacht. Obwohl ich zehn bis 15 Stunden tagsüber schuften musste, war ich noch besessen genug, all diese Bürokratie zu erledigen."
    Grundstücksgeschäft machte Kalpana zur Millionärin
    Kalpana wurde im Slum eine kleine Berühmtheit. Als Indiens Regierung 1991 die Wirtschaft des Landes öffnete, begann Mumbai, sich rasant zu verändern. Viele Banken wurden hier gegründet, westliche Firmen kamen in die Stadt. Die Immobilienpreise schossen in astronomische Höhen. In diesem Klima bot sich ausgerechnet Kalpana plötzlich eine einzigartige Chance. Es ging um ein Stück Land, in zentraler Lage:
    "Das Grundstück war noch Gegenstand eines Gerichtsprozesses, was die Sache extrem kompliziert machte. Deshalb habe ich es auch so unglaublich billig bekommen. Ich musste dafür sorgen, dass es am Ende auf meinen Namen überschrieben wurde. Durch meine Arbeit für den Slum kannte ich alle Bürokraten. Und ich hatte genug Geduld. Es dauerte sehr lange, aber am Ende hatte ich alle Genehmigungen."
    Kalpana Saroj mit Jürgen Webermann.
    Die indische Millionärin Kalpana Saroj stammt aus ärmsten Verhältnissen. (DLF / Jürgen Webermann)
    In Mumbai regierte der Wildwest-Kapitalismus. Korruption, Gewalt, Mafia.
    "Ich wollte auf meinem Grundstück bauen. Die lokalen Mafiabosse fanden das alles andere als lustig. Eine Frau als Bauherrin? Sie stellten mir nach, sie drohten mir mit dem Tod. Ein lokaler Politiker riet mir in einem Treffen, zurück in mein Dorf zu gehen. Aber seit meinem Selbstmordversuch hatte ich keine Angst mehr."
    Das Einkaufszentrum, das heute auf Kalpanas Grundstück steht, heißt Koh-i-Noor-Plaza, benannt nach einem edlen Diamanten aus Indien, der das Herzstück der britischen Kronjuwelen bildet. Das Grundstücksgeschäft machte Kalpana zur Millionärin.
    "Wenn ich am Koh-i-Noor-Plaza vorbei fahre, fühle ich mich gut. Als ich nach Mumbai kam, hatte ich nichts. Und jetzt baue ich Häuser und verkaufe sie."
    Hollywood hat Interesse an Kalpanas Geschichte
    Auch wenn Kalpana heute Goldringe, teure Ketten und edle Kleider trägt, wirkt sie schüchtern. Dabei ist ihre Erfolgsgeschichte noch lange nicht zu Ende. 2001 übernahm sie einen metallverarbeitenden Betrieb namens Kamani Tubes, der damals vor der Pleite stand. Heute ist Kamani Tubes 100 Millionen Dollar wert:
    "Wir stellen ein Produkt her. Und die Qualität ist entscheidend. Indiens größter Unternehmer, Herr Tata, arbeitet mit uns zusammen. Die Motorradhelme, die er von uns kauft, werden zum Beispiel von Dalits hergestellt, in Neu-Delhi. Wir haben gerade wieder einen neuen Millionen-Auftrag erhalten. In der Stadt Pune bauen Dalits Teile für Tatas Autos. Für ein gutes Produkt spielt die Kaste keine Rolle."
    Manche nennen Kalpana Saroj in Anlehnung an einen Oskar-gekrönten Kinofilm auch den wahren "Slumdog Millionaire". Und tatsächlich hat Hollywood auch an ihrer Geschichte bereits Interesse angemeldet.