Montag, 04. Juli 2022

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Indigenous Games
Videospiele von und mit indigenen Völkern

Um Jahrtausende alte Geschichten, Traditionen und Legenden zu bewahren, setzen indigene Völker auch auf Videospiele. Diese Indigenous Games sollen den Spielern ihre Kultur vermitteln. Sie zu entwickeln ist aber alles andere als einfach.

Von Samuel Acker | 28.11.2016

Ein Mann des Inupiaq steht auf dem Eis und schaut aufs Eis.
Die Inupiaq, ein indigener Stamm in Alaska, setzen auch auf Werkzeuge der modernen Welt. (imago/Natur Picture Library)
Ein kleines Mädchen in grober Felljacke und ein strahlend weißer Polarfuchs laufen zusammen durch eine Eiswüste. Sie wollen wissen, was einen schier endlosen Schneesturm verursacht, der das Dorf des Mädchens bedroht. Auf ihrem Weg lernen sie viel über die Natur der Arktis, müssen aber auch große Gefahren überstehen.
Kooperation zwischen Spieledesignern und indigene Gemeinschaften
Das ist die Geschichte von "Never Alone". Das Videospiel greift eine alte Legende der Inupiaq auf, einem Stamm der Ureinwohner Alaskas. Die Inupiaq selbst haben Spieledesigner damit beauftragt, "Never Alone" zu entwerfen. Zunächst habe man nur nach einer Möglichkeit gesucht, Geld in neue Technologien zu investieren, erinnert sich Gloria O’Neill. Sie Vorsitzende der Inupiaq-Organisation, die "Never Alone" mitentwickelt hat.
"Wir haben uns dann entschlossen, ein Videospiel für ein globales Publikum zu entwickeln. Wir erzählen mit dem Spiel eine Geschichte. Im Spiel können andere Menschen ein Teil dieser Geschichte sein, sie lernen aber auch noch etwas über die Kultur der Inupiaq."
Das Spiel ist ein sogenanntes Indigenous Game. Dabei kooperieren Spieledesigner und indigene Gemeinschaften, um die Geschichten der Ureinwohner so authentisch wie möglich zu erzählen. Bei "Never Alone" macht sich das in den abgerundeten, sehr sanft wirkenden Animationen bemerkbar, die an traditionelle Zeichnungen der Inupiaq angelehnt sind. Und auch der Sound ist ungewöhnlich.
Das gesamte Spiel wird in der Sprache der Inupiaq erzählt, es gibt lediglich englische Untertitel. Das alles stellt auf dem Markt für Videospiele, in dem gradlinige Shooter mit simpler Story am meisten Gewinn machen, ein ziemliches Risiko dar. Doch "Never Alone" hat sich über drei Millionen Mal verkauft. Und damit einen kleinen Trend für Indigenous Games ausgelöst. Der Großteil von ihnen wird in Nord- und Südamerika produziert. Vor Kurzem erschienen ist beispielsweise "Huni Kuin", in dem eine Legende des brasilianischen Indiostammes der Kaxinawa erzählt wird. Die Protagonisten sind: ein Krieger, eine Malerin und eine göttliche Schlange.
Durch Spiele eine fremde Kultur näher bringen
Eine Gruppe von Spieledesignern und Anthropologen aus Sao Paolo hat für das Spiel den Kaxinawa Stamm im Amazonasgebiet besucht. Auch hier geht es darum, mit dem Spiel eine fremde Kultur näherzubringen. Allerdings ist das Low-Budget-Spiel im Zeichentrickstil eher schlicht animiert, das Spielkonzept ist über weite Strecken ein simples Rennen und Springen wie beim alten Super Mario. Andere Indigenous Games fallen in Sachen Grafik und Gameplay noch deutlicher vom heutigen Standard ab. Wer in der Industrie überleben will, sagt Spieledesigner Alan Gershenfeld, kann sich das nicht leisten:
"Gute Absichten reichen nicht aus. Weltweit werden hunderte Millionen Dollar in verschiedenste Spiele investiert: Spiele fürs Lernen, Spiele um die Gesundheit zu verbessern, Spiele um etwas Soziales zu erreichen oder Kulturen darzustellen. Die meisten davon sind aber keine guten Spiele und nicht fein genug justiert, um konkurrenzfähig zu sein."
Gershenfeld war lange beim Branchenriesen Activision angestellt. Dann hat er sich mit seinem eigenen kleinen Studio auf das Wagnis mit dem Inupiaq-Spiel "Never Alone" eingelassen. Er will in der Zukunft weitere Indigenous Games herausbringen. Auch, wenn das sehr anstrengend sei. Im Gegensatz zu klassischen Spielen könne man nicht einfach drauflos entwickeln, sondern müsse permanent Feedback von den Ureinwohnern einholen: Ist es stereotyp, wenn der Held diese Waffe benutzt? Welche Sounds oder Animationen sind für Götter oder Geister passend? Gleichzeitig muss man das Massenpublikum im Auge behalten, damit das Spiel profitabel bleibt. Gloria O’Neill vom Stamm der Inupiaq will diesen Spagat aber erneut versuchen und appelliert an andere indigene Gemeinschaften, es ihr gleichzutun.
"Ich denke, wenn wir uns als Gemeinschaft immer mehr an den Westen anpassen, dann müssen wir auch die Werkzeuge der modernen Welt benutzen. Dazu gehören auch Videospiele, und wir müssen schauen, wie wir mit ihnen unsere Geschichten erhalten können. Wir führen damit unsere Traditionen fort, die für uns selbst so wichtig sind, aber wir können sie auch mit der Welt teilen."