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Indischer Sprintstar
Wegen Hormonstörung um den Traum gebracht

Dutee Chand ist eine der schnellsten Frauen Indiens. Doch bei Wettbewerben wie den Commonwealth Games darf sie nicht mehr antreten, weil sie zu viele männliche Hormone im Körper hat. Chand könnte sich behandeln lassen, doch die Nebenwirkungen sind gefährlich. Jetzt hat sie Widerspruch gegen die Sperre eingelegt.

Von Jürgen Webermann | 19.10.2014

    Die indische Leichtathletin Dutee Chand
    Die indische Leichtathletin Dutee Chand (afp / Manjunath Kiran)
    Auf den ersten Blick ist Dutee Chand eine zierliche, kleine junge Frau. Wenn Sie auf der Tartanbahn sprintet, zeigt sie ihre muskulösen Oberarme. Aber nur wer ihre Geschichte kennt, würde sofort daran denken, dass Dutee einen sehr männlichen Körper hat. Die 19-Jährige ist eine der schnellsten Frauen Indiens. Sie gewann bei den Asienmeisterschaften Bronze über 200 Meter. Aber im vergangenen Sommer wurde sie vom Internationalen Leichtathletikverband gesperrt. Sie hat zu viele männliche Hormone, zu viel Testosteron.
    "Ich fühlte mich wie ein Auto, dessen Reifen gerade zerstochen wurden. Ich habe zwei Jahre lang hart für die Commonwealth-Spiele in Schottland trainiert und wurde dann fallen gelassen. Keine Chance mehr auf eine Medaille. Das war der größte Schock, den ich jemals erleben musste."
    Dutee Chand jedoch will kämpfen. Theoretisch hätte sie jetzt zwei Möglichkeiten: Sie nimmt Medikamente, um den Testosteronanteil zu senken, oder sie lässt sich entsprechend behandeln. Aber das will sie nicht, und Payoshni Mitra, eigentlich eine Journalistin, unterstützt sie dabei. Payoshni war diejenige, die Dutee in ihrem Dorf besucht und ihr die schlechten Nachrichten überbracht hat. Dutee kommt aus ärmsten Verhältnissen, ihre Eltern sind Weber, sie leben von fünf Euro pro Tag – der Sport war die große Chance für die junge Frau, der Armut zu entfliehen. Aber nicht um den Preis einer Hormontherapie, sagt Payoshni Mitra:
    "Die Behandlungsmethoden, die Dutee nahegelegt wurden, sind nicht mehr umkehrbar, sie können langfristig sehr schaden und haben außerdem möglicherweise heftige Nebenwirkungen. Das ist keine einfache Sache, wie der Leichtathletikverband behauptet."
    Unterstützung durch die Sportbehörde
    Tatsächlich fand Mitra Wissenschaftler namhafter Universitäten, die sie in ihrem Standpunkt unterstützten. Und: Die indische Sportbehörde steht jetzt auch auf Dutee Chands Seite. Jiji Thomson ist der Generaldirektor der Behörde:
    "Wir haben beschlossen, für Dutee vor dem Internationalen Sportsgerichtshof in der Schweiz zu kämpfen. Vorher mussten wir aber alle rechtlichen Schritte in Indien vorbereiten. Wir mussten Dutee formell von allen Wettbewerben ausschließen. Dagegen hat sie Widerspruch eingelegt. Und wir haben uns in ihrem Sinne ausgesprochen."
    Dutee Chand wäre der erste Fall, der vor dem Sportgerichtshof verhandelt würde. Aber sie ist nicht der erste Fall, in dem eine Athletin aufgefordert wurde, eine Hormonbehandlung durchführen zu lassen. Die New York Times berichtete, dass vor den Olympischen Sommerspielen in London vier Athletinnen nicht zugelassen wurden und sich in Frankreich behandeln ließen. Die Zeitung beschreibt die Behandlungen als entwürdigend, unter anderem ist von einer Verkleinerung der Klitoris die Rede. Sie beruft sich auf eine Studie französischer Wissenschaftler. Genau so etwas wollen die indischen Sportfunktionäre Dutee Chand nicht zumuten. Bis der Sportgerichtshof über ihren Fall entschieden hat, darf sie weiter trainieren – in der angesehensten staatlichen Sportschule des Landes.